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02. März 2010
Bildungssystem
Neues Schulsystem in Hamburg: Der gestörte Schulfrieden
In Hamburg will Bürgermeister Ole von Beust das Schulsystem verändern. Was hält sein altes Gymnasium davon? Ein Besuch.
Schon als Jugendlicher hatte Ole von Beust eine klare Vorstellung von guter Schulpolitik: "Mehr Kakao in den Pausen". Mit diesem Slogan trat Ole von Beust einst an, um Schulsprecher am Walddörfer Gymnasium in Hamburg zu werden. Er trug damals Schlaghosen, bunt gestreifte Hemden mit großen Krägen und die Haare so wie heute. Der Slogan funktionierte, er gewann die Wahl. Der Politik blieb er treu, seinen Hemden nicht. Seit 2001 ist Ole von Beust Hamburger Bürgermeister, er wurde zweimal wiedergewählt. Was ist gute Schulpolitik? Diese Frage treibt ihn noch heute um.
Ole von Beust, 54, und seine schwarz-grüne Regierung möchten das Hamburger Schulsystem radikal verändern. Die Grundschüler sollen nicht wie bisher nach der vierten, sondern erst nach der sechsten Klasse auf weiterführende Schulen wechseln. Die dann sechsjährige Grundschule soll Primarschule heißen. Zudem sollen nicht länger die Eltern, sondern die Lehrer entscheiden, wer das Gymnasium besuchen darf.
Das kommt bei vielen Hamburgern nicht gut an. Fast 185 000 Unterschriften hat die Initiative "Wir wollen lernen" gesammelt. Bis zum 18. März hat die Initiative noch Zeit, um insgesamt 264 000 Unterschriften zu erhalten. Klappt dies, können die Hamburger Mitte Juli über ihr Schulsystem abstimmen. So etwas gab es noch nie in Deutschland.
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Ole von Beust machte sein Abitur 1973 am Walddörfer Gymnasium in Volksdorf im Hamburger Nordosten. Volksdorf gehört zu den am schnellsten wachsenden Stadtteilen Hamburgs, ein ruhiges Wohngebiet. Die Straßen heißen "Vörn Barkholt", "Eulenkrugpfad" und "Huusbarg". Auch der Theaterregisseur Boy Gobert und der Übersetzer Harry Rowohlt besuchten das massive rote Schulgebäude direkt am Forst.
Das Walddörfer Gymnasium ist ein Ruhepol inmitten des orkanartigen Proteststurmes. Ole von Beust pflegt gute Kontakte zu seiner alten Schule, er stiftete ein Zeitungsabonnement für die Schüler, betont den Alumni-Gedanken nach angelsächsischem Vorbild, ließ sich mit Schülerinnen fotografieren. Und er erzählte Lausbubengeschichten aus seiner Schulzeit. Gelernt habe er am Walddörfer Gymnasium aber auch viel. Seine Lehrer habe er in bester Erinnerung, die neun Schuljahre seien für ihn der Einstieg ins wissenschaftliche Lernen gewesen. "Besonders in Erinnerung geblieben sind mir die Lehrer, die mich gefördert haben. Die bei guten Leistungen motivierten, bei schlechten den Ursachen auf den Grund gingen. Und die, die auch mal fünfe gerade sein lassen konnten." So gut gelaunt klang das noch vor ein paar Jahren.
Mit der Freistunden-Romantik ist nun Schluss. Der Grundstein für das wissenschaftliche Lernen muss schneller gelegt werden, sechs Jahre Gymnasium sollen genügen. In Berlin gibt es die sechsjährige Grundschule und das sechsjährige Gymnasium bereits. Das Berliner Modell galt als gescheitert. Im April 2008 kam mit der Studie "Element" die Wende, weil nachgewiesen wurde, dass die sechsjährige Grundschule die Schüler nicht schlechter aufs Gymnasium vorbereitet.
Das Walddörfer Gymnasium ist eine Schule, wie sie Kindern zu wünschen ist. In den oberen Stockwerken entsteht eine geräumige Bibliothek. Die Schule hat vier Orchester, zwei Big Bands, zwei Chöre, einen Yoga- und einen Flamenco-Kurs. Die Schüler können Englisch, Russisch, Spanisch, Latein, Chinesisch oder Französisch lernen; es gibt Schulfreundschaften mit London, Madrid, St. Petersburg, Schanghai und Warschau. Viele Kinder sind zweisprachig aufgewachsen – Türkisch ist aber selten darunter.
Annette Brandt-Dammann, die Schulleiterin, arbeitete fünf Jahre im brasilianischen São Paolo an der weltweit größten deutschen Auslandsschule mit 11 000 Schülern. Käme die Schulreform, hätte sie statt 1000 nur noch 700 Gymnasiasten. Die Lehrer für die fünften und sechsten Klassen würden nicht mehr gebraucht.
Dennoch ist die Schulleiterin über die Pläne der Beust-Regierung nicht erbost. "Wir sind der Reform gegenüber positiv eingestellt", sagt die 51-Jährige. Oft stünden bereits Drittklässler unter enormem Leistungsdruck, bekämen Bauchweh, könnten nicht einschlafen. Annette Brandt-Dammann blickt nach Skandinavien. Auch dort lernen alle Kinder sechs Jahre gemeinsam, bevor sie auf Schulen aufgeteilt werden.
Genauso argumentieren auch Bürgermeister Ole von Beust und seine grüne Schulsenatorin Christa Goetsch. Überall in Europa werde sechs Jahre gemeinsam gelernt, nur in Deutschland und in einigen Teilen von Österreich nicht.
Die Einschätzung der Unterstufen-Betreuerin Beate Schüler fällt differenziert aus. Sie betreut und berät Fünft-, Sechst- und Siebtklässler sowie deren Eltern. Auch Schüler hält die Einführung einer sechsjährigen Primarschule für eine gute Lösung; schließlich hat sie im Alltag oft mit überforderten Kindern zu tun. Und mit ratlosen Eltern, die das Beste für ihr Kind wollen, aber nicht wissen, was das ist. Man könne die Entscheidung zwei Jahre später besser treffen, sagt sie.
Persönlich würde sie sogar für eine noch längere gemeinsame Lernzeit plädieren. Für ihre Karriere, aber das sagt sie nicht, würde die Reform vor allem Unsicherheit bringen. Wer braucht eine Unterstufen-Betreuerin, wenn es kaum noch Schüler in der Unterstufe gibt?
Die Antwort ist einfach: die neuen Primarschulen. Gymnasiallehrer würden an die fünften und sechsten Klassen der Primarschulen entsandt, sagt Schulleiterin Annete Brandt-Dammann. "Unsere Lehrer könnten auf freiwilliger Basis dort unterrichten. Die meisten sind gerne bereit dazu." Die Schule gibt sich optimistisch. Und die Schüler?
oder Gleichschaltung?
Viele Eltern fürchten, dass ihre Kinder in der Primarschule unterfordert oder schlechter gefördert werden könnten. Die Initiative "Wir wollen lernen" spricht sogar von einer "Gleichschaltung" der Fünft- und Sechstklässer.
Um diese Sorgen zu zerstreuen, versuchte die schwarz-grüne Regierung den Eindruck zu vermitteln, als käme der Protest von Eltern aus den reichen Elbvororten oder Stadtteilen wie Volksdorf. Gegenden, in denen die Eltern genügend in Nachhilfe für ihre Sprösslinge investieren können und die Gymnasiallaufbahn als unabdingbar für Jura- und Medizinstudenten, Grafik- und Modedesigner in spe gilt. Doch diese Erklärung funktioniert nicht, das zeigt die große Zahl der Gegner.
Der eigentliche Streitpunkt scheint aber nicht die Primarschule, sondern das Elternwahlrecht zu sein. Deshalb hat die Hamburger Regierung den Entwurf für das Schulgesetz nachgebessert. Das Elternwahlrecht solle nun doch bestehen bleiben, gab der Senat zerknirscht bekannt. Diese Änderung wurde just an dem Tag bekannt gegeben, nachdem die Verhandlungen zwischen der Initiative und der Hamburger Regierung nach sechs Anläufen für gescheitert erklärt wurden.
Würde die Schulreform bei einem Volksentscheid im Sommer von den Bürgern gekippt, wäre die schwarz-grüne Regierung um Ole von Beust blamiert. Das neue Schulmodell war ein zentraler Punkt im Wahlkampf. Mehr noch als die Blamage würde wiegen, dass die erste und einzige schwarz-grüne Regierung eines Bundeslandes ihre Politik nicht erfolgreich durchsetzen konnte. Aber nicht, weil sich die Parteien nicht einigen konnten, sondern weil ihre Politik keine Akzeptanz bei den Bürgern gefunden hat.
Das schwarz-grüne Bildungsexperiment wird deutschlandweit beäugt. Wenn die Reform in Hamburg klappt, könnte es ein Signal für andere Bundesländer sein, ähnliche Wege zu gehen. Wenn es scheitert, könnte die Diskussion um das längere gemeinsame Lernen für Jahre beendet sein.
Am Walddörfer Gymnasium beginnt um 9.30 Uhr die halbstündige Frühstückspause. Zwei Jungs aus den unteren Klassen bewerfen sich auf dem Schulhof mit Schneebällen. Vor ein paar Jahren erzählte Ole von Beust die Geschichte, wie er und zehn Schulkameraden einmal nach der Schule im Winter loszogen und Schneebälle in Wohnungen warfen. "Zunächst durch offene Fenster. Später durch geschlossene." Sie wurden erwischt. "Wir mussten den Schaden zahlen. Da war Schluss mit lustig!"
Schneeballschlachten waren an dieser Schule schon immer verboten, das hat noch nie gestört. Diese Jungs nicht, Ole von Beust nicht, dessen Schulfreunde nicht. Ginge es nach Ole von Beusts Willen, könnten die Kleinen am Gymnasium schon bald die Großen an den Primarschulen sein. Und im übernächsten Winter würde es vielleicht deutlich weniger Schneeballschlachten im Schulhof des Walddörfer Gymnasium geben.
Autor: Nora Reinhardt


