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14. November 2009

Der Hungrige

Er wirkt oft abwesend, manchmal tobt er. Aber er ist von klarem Verstand. Wie Lehrer dem Autisten Mehmet helfen wollen, sich zu öffnen / Von Sabine Model

  1. Berühmte Autisten: Albert Einstein Foto: -

  2. Hacker-Genie Gary McKinnon Foto: dpa

  3. „Ich weiß es eben“: Mehmet und Lehrer Winfried Sturm im Matheunterricht Foto: -

  4. Foto: Model/Reck

  5. Und führen, wohin du willst: Gestützte Kommunikation per Buchstabenkarte Foto: LAIF

  6. Warum trifft der Finger die richtige Taste? Mehmet kennt das Geheimnis. Foto: -

  7. Isaac Newton Foto: AFP/BZ/dpa

  8. Zuneigung durch Zauberei: Lehrer Sturm zeigt Mehmet, wie er eine Münze verschwinden lässt. Foto: Sabine Model(2)

Mehmet ist aufgeregt. Er kann es kaum erwarten. Scheinbar flüchtig und doch präzise suchen seine dunklen Augen das Schulgelände ab. "Geh bitte in die Pause und iss dein Brot", hatte die Lehrerin gesagt. Doch Mehmet hat keinen Hunger. Der 17-Jährige wartet, auf einen 64-Jährigen. Winfried Sturm. Das ist sein Kamerad. Und noch etwas: sein Hoffnungsträger.

Seit einigen Monaten kommt der Mathematik- und Physiklehrer immer wieder in die Malteserschloss-Schule in Heitersheim. Schulleiter Klaus Hotz hat den Pädagogen und Tüftler vom Faust-Gymnasium Staufen auf den begabten Türken aufmerksam gemacht. Dessen Intelligenz hat alle überrascht. Aber sie bleibt eingeschlossen, wenn Mehmet nicht lernt, sich mitzuteilen. Oder wenn ihm niemand dabei hilft. Denn Mehmet ist Autist.

Mehmet geht es gut in der Sonderschule für Geistigbehinderte. Aber er gehört nicht hierher. Er weiß das. Und das Lehrerkollegium weiß es auch. Mehmet hat einen klaren Verstand. Aber er kann sich nicht verbal artikulieren. Seine Wahrnehmung ist intensiv, aber seine Reizverarbeitung gestört. Nur zusammen mit einer Hilfsperson ist er in der Lage, sein erstaunliches Wissen und seine Gedanken mitzuteilen. Und das klappt nicht mit jedem.

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Mit Dorothee Schelhaas schon. Sie hat sich als Fachlehrerin für Sonderschulen auf gestützte Kommunikation spezialisiert. Erfunden wurde diese Methode von der australischen Therapeutin Rosemary Crossley. Das Stützen der Hand, des Handgelenks oder Unterarms durch den Helfer versetzt den autistischen Menschen in die Lage, die Buchstaben einer PC-Tastatur anzusteuern und sich so mitzuteilen. Es bedeutet Druck und Gegendruck, ein gleichmäßiger Widerstand der stützenden Person gegen die zeigende Hand des Gestützten. Wie stark, das hängt vom Muskeltonus des Schreibers ab und muss immer wieder neu dosiert werden.

Seit zwei Jahren verbindet Dorothee Schelhaas mit Mehmet ein besonderes Verhältnis. Mit ihr "spricht" er über emotionale Themen. Doch alles, was er mit ihrer Hilfe dem PC anvertraut, ist geschützt. Wenn er es nicht möchte, darf es niemand lesen, außer ihr. Nicht alles darf sie speichern. Erzählt sie persönliche Dinge über ihn, fragt sie ihn vorher um Erlaubnis. "Darf ich das sagen, Mehmet?" Es ist ein respektvoller Umgang miteinander.

"Sein Vertrauen ist für mich eine Ehre", sagt die Lehrerin. Denn zu Hause verweigert Mehmet jede Kommunikation. Mit den Zivildienstleistenden in der Schule klappt das schon besser. David Sander ist erst seit einer Woche da und hatte sofort den Draht zu Mehmet. Sogar ohne Schulung stützt er ihn problemlos beim Schreiben, spielt mit ihm Memory – und verliert zumeist, weil das enorme Gedächtnis seines Gegenspielers schwer zu toppen ist. Sie tauschen sich aus über Themen. Sein Innerstes offenbart Mehmet ihm allerdings nicht.

In seiner Klasse lebt der Junge unter acht Schülern mit geistiger Behinderung in einer völlig anderen Welt. Während die Mitschüler um Laute und Buchstaben ringen, hört er auf CD Heinrich Bölls "Ansichten eines Clowns". Die Unterrichtsstunde reicht nicht, um den Roman zu Ende zu hören. Dass Mehmet das Hörbuch mit nach Hause nimmt, lehnt die Lehrerin ab. Mehmet wird wütend. Aggressiv. Schreit. Tobt. So rabiat, wie es Dorothee Schelhaas bisher nie erlebt hat. Er packt eine Unterstufenschülerin und schleudert sie gegen die Wand.

"Ich weiß nicht, warum ich das mache. Ich möchte ans Gymnasium", lässt er später per Laptop wissen. "Ich bin sehr traurig, wenn ich geschlagen habe. Ich möchte mich dafür entschuldigen." Während Mehmet das schreibt, schweift sein Blick scheinbar desinteressiert im Zimmer umher. So gleichgültig, wie das wirkt, ist ihm die Sache aber keineswegs. Er meint es ernst. Nur muss er dafür nicht auf die Tastatur schauen. Er hat sie im Kopf.

Wie viele Autisten es gibt, ist nicht bekannt. Traditionell werden sie dem Kreis schwer behinderter Schüler zugeordnet. Die meisten von ihnen nutzen Lautsprache nicht gezielt. Blick, Mimik und Gestik – all das haben sie nie zur Kommunikation eingesetzt und geübt. Sie sehen sich auf das geschriebene Wort reduziert. Deshalb werden sie von einer ungeübten Umgebung kaum verstanden und erleben sich oft abhängig und ausgeliefert. Immer wieder ist auf Mehmets Bildschirm zu lesen: "Ich fühle mich als armen Gesellen der Nation."

Mehmet ist der älteste Sohn einer muslimischen Familie. Seine drei Schwestern sind 15, 10 und drei Jahre alt. Ein tragischer Unfall mit einer landwirtschaftlichen Maschine seines Großvaters riss ihm bereits im Kleinkindalter den Daumen der rechten Hand ab. Ein wulstiger Stumpf und etliche Narben erinnern daran. Mehmet hat damit leben gelernt. Er wirkt höflich im Umgang. Aber sein geistiger Anspruch wurde lange verkannt.

Mit drei Jahren kam Mehmet, der sich nicht wie andere Kinder entwickelte, in die Frühförderung nach Heitersheim. Danach ging er in den Sonderschulkindergarten im Malteserschloss, seither in die Schule für geistig Behinderte. Maximal sieben Jahre bleiben ihm hier noch. Wie es dann weitergeht, ist ungewiss. Deshalb versuchen seine Förderer jetzt ihn auf einen guten Weg zu bringen. Denn Mehmet, berichtet der Schulleiter, kann Englisch und Spanisch. Er besucht seit geraumer Zeit sporadisch den Matheunterricht der 9. Klasse Realschule und – langweilt sich. Sein Handicap: Eine ständige Begleitperson, das findet er uncool. Und er gehört nicht richtig zur Klassengemeinschaft, fühlt sich als Exot.

Autismus kennt unterschiedliche Grade von Zurückgezogenheit in die innere Gedankenwelt. Es gibt ein weites Spektrum, von leichten Verhaltensstörungen bis zur schweren Behinderung. Fähigkeiten und Interessen der Autisten sind verschieden, manchmal findet man aber auffällige Inselbegabungen. Ein Autist, der vielleicht Mühe hat sich anzuziehen, kann möglicherweise einen Lexikaband oder das Telefonbuch auswendig.
Die internationale Klassifikation fasst das in definierte Stufen.

Eine leichte Form des Autismus bei überdurchschnittlicher Intelligenz und häufig technischem Interesse ist das so genannte Asperger oder "Little professor" Syndrom. Der Wiener Kinderarzt Hans Asperger definierte die entsprechende Symptomatik in den 40er Jahren. "Aspies" tummeln sich in den Spitzen moderner Technologieunternehmen und gingen als hoch spezialisierte Genies in Wissenschaft und Forschung ein. Die Literatur nennt unter anderem den Namen Albert Einstein.

Ein "normaler" Mensch sortiert, was ihm wichtig ist und was er sich merken will. Der "Aspie" hat keine Wahl. Er nimmt alles auf, hochkonzentriert, ungefiltert, mit allen Sinnen. Das macht das Gedächtnis fotografisch und das Gehör überempfindlich gegenüber Geräuschen. Auch Mehmet wirkt auf den ersten Blick ein bisschen fremd in dieser Welt, ausweichend, abweisend, abwesend, verloren. Doch andererseits gibt er sich sachlich, zielorientiert und hungrig nach Futter für das Gehirn. Deshalb laufen derzeit Untersuchungen, ob er dem "Asperger Syndrom" zuzuordnen ist. Das wäre nach den Zuschussrichtlinien günstig für seine Förderung.

Kein Zweifel, Mehmet kennt sich aus – in Sprachen, Geografie, Allgemeinbildung und vor allem in den Naturwissenschaften. Woher? "Ich weiß es eben", teilt er schriftlich mit. "Ich möchte nicht darüber reden, woher ich es weiß." Zu Hause muss er sich oft allein beschäftigen. Er schaut seiner Schwester bei den Hausaufgaben über die Schulter, informiert sich über anspruchsvolle Themensendungen im Fernsehen, liest Bücher und Lexika. Doch all sein Wissen ist tief in ihm eingeschlossen. Wie die Perle in einer Muschel.

Deshalb hat Schulleiter Hotz beim Tüftler Sturm und seiner legendären Hardware AG in Staufen angefragt, ob sie Mehmet nicht mit einer Erfindung zu mehr Selbstständigkeit verhelfen können. Seit 27 Jahren schafft diese Kaderschmiede immer wieder Brückenschläge zwischen Hightech und humanem Nutzen. Mit ihren Erfindungen haben sie die Lebensqualität von Blinden, Apnoikern, Tinnitus- und Herzpatienten verbessert, einen Chip gegen den Sekundenschlaf am Steuer designed und ungezählte Preise eingeheimst. Jetzt stehen sie vor einer neuen Herausforderung: der Erfindung eines interaktiven elektronisch-mechanischen Hilfesystems, das es Autisten wie Mehmet ermöglicht, sich ohne Begleitperson zu artikulieren.

Das würde auch endlich mit jenem Vorurteil aufräumen, das auf der gestützten Kommunikation lastet: Manipulation. Der Stützer nehme bewusst oder unbewusst Einfluss auf das, was der Gestützte von sich gibt. Dorothee Schelhaas bestätigt, dass sie oft Mehmets Gedanken erahnt. Beeinflussen, versichert sie, lasse er sich aber nicht. Wenn sie falsch denkt und lenkt, blockiert er, nimmt den Arm ganz hoch, als müsse er eine Arretierung lösen und lenkt den Finger von oben selbst auf die richtige Taste.

Ein Segen wäre ein technisches Stützsystem für Mehmet jedoch aus einem anderen Grund: Es würde ihm erlauben, ein Stück Freiheit und Selbstständigkeit zu gewinnen, und ihm damit ungeahnte Bildungs- und Arbeitschancen erschließen.

Trotzdem war der Kontakt zu seinem Freund und Helfer zunächst schwierig. Viermal kam Winfried Sturm vergeblich. Mehmet behandelte ihn wie Luft. "Ich bin kein Versuchskaninchen", ließ er dazu wissen. Eisiges Schweigen. Der Physiker war deprimiert. Bei seinem nächsten Besuch aber verblüffte der passionierte Hobbyzauberer den jungen Mann mit einem simplen Münz-verschwinde-Trick. Der Bann war gebrochen. Nicht zum ersten Mal hat Sturm die Zauberei als Sesam-öffne-dich verschlossener Menschen und pädagogisches Vehikel erlebt. Vielleicht spürte Mehmet aber auch in diesem Moment den Menschen Winfried Sturm hinter der streng wirkenden, bärtigen Lehrerfassade.

Heute ist Mehmet glücklich. Er fühlt sich endlich ernstgenommen. Wenn Winfried Sturm das Besprechungszimmer betritt, folgt Mehmet ihm auf dem Fuß. In der Pause hält ihn nichts mehr. Getränke werden angeboten. Er greift nach einer Flasche, hält sie mit der rechten verkrüppelten Hand fest und dreht sie mit der linken auf, schenkt sich einen Schluck ein und probiert. Dann füllt er das Glas bis oben hin. Seine Augen strahlen. Das Ritual wiederholt sich in den nächsten zwei Stunden mehrfach. Er ist sichtlich stolz. Diese Koordination beherrscht er erst seit kurzem. Sturm kennt sie noch nicht. Er staunt und lobt. Es ist ihm ein Rätsel, warum das möglich ist, nicht aber selbstständiges Schreiben.

Sturm hat Mehmet bereits beim Werkunterricht zugeschaut. Seine handwerklichen Fähigkeiten sind beachtlich. Auch auf dem Trampolin beim Sport bewegt er sich gelenkig. Laut Dorothee Schelhaas schafft er es, Gurken und Karotten in dünne Scheiben zu schneiden oder Salat zu schleudern. "Ich möchte noch viel mehr können", verrät Mehmet auf dem Bildschirm. Höhepunkt seiner bisherigen Laufbahn war ein Besuch in Sturms Matheunterricht am Gymnasium, wo die Formel für die Kreisberechung abgeleitet wurde. Mehmet fühlte sich in der Klasse sofort wohl.

Die aggressiven Schübe des Autisten führt Sturm auf eine permanente Unterforderung zurück. "Das ist auch bei ganz normalen Kindern so." Deshalb soll Mehmet künftig in gewissen Abständen an seinem Mathematikunterricht am Faust-Gymnasium in Staufen teilnehmen dürfen. Die Vorbereitungen laufen. "Ich bin glücklich, dass ich an das Gymnasium nach Staufen kann", schreibt Mehmet. "Ich möchte am liebsten gleich losziehen." Vor kurzem war Dorothee Schelhaas mit Mehmet im "Science Zug" in Freiburg. Die Waggons mit wissenschaftlichen Experimenten und Forschungsergebnissen hätten Mehmet fasziniert, berichtet sie. Begeistert habe er die Touch-screen-Bildschirme bearbeitet und die Informationen aufgesogen. "Ich wusste, dass ich viel weiß. Aber, dass ich so viel weiß, wusste ich nicht", kommentierte er den Ausflug anschließend per Laptop. Am meisten, sagt er, interessiert ihn Astronomie. "Ich möchte Astronom werden. Aber ich denke, ich bin ein Allrounder. Ich könnte auch Richter sein, um die Rechtsprechung zu verbessern."

Überwältigt, irritiert, aber auch sehr traurig liest Sturm solche Zeilen. Abitur, Fernstudium, Forschungsarbeit – alles wäre denkbar. Nur, wie kann er Mehmet dazu verhelfen? Ideen gibt es viele, noch hat er nicht die richtige. Warum schafft Mehmet motorisch das eine, warum nicht das andere? Entscheidend ist laut Dorothee Schelhaas oft ein verbaler Impuls. "Mehmet, mach’, Mehmet, hol mal ..." ist oft schon Appell genug, damit der Junge den Stuhl hoch stellt, vom Dreimeterbrett springt, die nächste Bahn schwimmt oder die Memorykarte umdreht. Manchmal braucht Mehmet sogar nur einen Fingerdruck auf den Rücken, um in Aktion zu kommen.

"Aber Schreiben hat etwas mit Emotionalität zu tun", gibt die Lehrerin zu bedenken. Wie löst man dieses "Starterproblem" mit einem Gerät? Wie legt man den inneren Schalter um, der den Willen an das Kleinhirn weiterleitet und den Prozess aktiviert? Sturm denkt an speziell angefertigte PC-Tastaturen, an Vibrationsalarm. Er möchte Mehmet spielerisch an optische LED-Signale heranführen. Ein Herantasten, Versuche, keine Lösungen. "Ich finde es gerade hoch spannend zuzuhören, was man über mich erzählt", tippt Mehmet in den Laptop. "Und ich bin gespannt, was dabei herauskommt."

Doch diesen Spagat zwischen Lernanspruch auf hohem Niveau und dem Fehlen simpler Fähigkeiten – das schafft nicht eine Gruppe Tüftler allein. Dazu müssten Pädagogen, Mediziner, Psychologen und Techniker mit ins Boot. Und so hofft Winfried Sturm auf ideelle und finanzielle Unterstützer. Wenn der Traum wahr würde, wäre es eine bahnbrechende Erfindung. Nicht nur für Mehmet.

Der ist inzwischen in der Schule Vorbild für einen zwölfjährigen Autisten. Der eifert Mehmet nach, fordert eifersüchtig gleiche Bildung und Beachtung. Auch da schlummert etwas, ahnt die Lehrerin, aber der Junge ist in seinem Sozialverhalten noch nicht so weit. Irgendwann werde sich das ändern.

Bei Mehmet hat sie gelernt: Je weniger er wusste, desto zufriedener war er. Und je mehr er weiß, desto unzufriedener ist er. "Niemand vermisst, was er nicht kennt", resümiert sie. "Aber Mehmet hat erkannt, was er vermisst." Jetzt will er weitergehen.

Autor: Sabine Model