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15. Juli 2010
Der wunde Punkt der Integration ist die Bildung
Die Herkunft entscheidet in Deutschland immer noch über den Bildungserfolg / Migrantenkinder trifft dies doppelt hart.
An Studien zum Thema Integration in Deutschland mangelt es nicht. Vor kurzem legte der Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration sein erstes Gutachten vor. Kurz darauf erschien eine Studie des Paritätischen Wohlfahrtsverbands und auch die Regierung legte mit dem Ausländerbericht nach. Es ist bemerkenswert, wenn innerhalb kurzer Zeit mehrere Studien zum gleichen Thema erscheinen und dann auch noch der neue Bundespräsident die Integration und Chancengleichheit als Ziele seiner Amtszeit nennt. Die Ergebnisse der Untersuchungen sind jedenfalls alles andere als rosig, wenn auch einige Integrationserfolge der vergangenen Jahre gefeiert werden.
So bescheinigt der Sachverständigenrat dem Integrationsalltag in Deutschland insgesamt eine positive Note: "zwei minus". Für das 250 Seiten starke Gutachten wurden 5673 Bürger befragt, oft durch Interviewer, die Russisch und Türkisch sprechen. Es ist das umfassendste Gutachten seit Jahren, getragen von acht Stiftungen. Bemerkenswert ist laut Gutachten vor allem das Vertrauensverhältnis zwischen Zuwanderern und Einheimischen. "Mehr als 90 Prozent der Zuwanderer fühlen sich wohl", sagt Gunilla Fincke, Geschäftsführerin des Sachverständigenrats. Auch machen Zuwandererkinder mehr Fortschritte als noch ihre Elterngeneration. Die Integration, so das Fazit, sei also keinesfalls gescheitert, aber gebe auch keinen Anlass zum Jubilieren. Der wunde Punkt der Integration – zu dem Schluss kommen auch die anderen Studien – ist die Bildung.
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"Hier gibt es eine Reihe erschreckender Befunde", sagt Gunilla Fincke. So schneiden ausländische Schüler bei den Bildungsabschlüssen deutlich schlechter ab als deutsche. Mehr als die Hälfte (55,2 Prozent) der ausländischen Schüler verlässt die Schule mit einem Hauptschul- oder gar keinem Abschluss, bei den Deutschen (27 Prozent) sind es halb so viele. Es gebe daher enorme Herausforderungen im Bereich Bildung. Von gleichen Bildungschancen von Jugendlichen mit und ohne Migrationshintergrund könne nicht die Rede sein, heißt es in dem Gutachten des Sachverständigenrats.
Die Herkunft entscheidet in Deutschland immer noch über den Bildungserfolg. Das zeigen Untersuchungen immer wieder. Dies ist zunächst kein spezifisches Integrationsproblem. Auch deutschstämmige Jugendliche aus sozial schwachen und bildungsfernen Haushalten haben es im Bildungssystem schwerer. "Migrantenkinder sind aber doppelt benachteiligt", sagt Sergio Cortés vom Paritätischen Wohlfahrtsverband. Zu den in Deutschland ohnehin schon vorhandenen sozioökonomischen Hindernissen kommen für Zuwanderer meist sprachliche, rechtliche und gesellschaftliche hinzu.
"Dies hat ganz viele Konsequenzen", sagt Cortés. Die Probleme junger Migranten in der Schule schlagen sich später in einer hohen Arbeitslosenquote nieder. Sie ist etwa doppelt so hoch wie bei der einheimischen Bevölkerung. Die Bundesregierung hat die negativen Folgenkette erkannt, die Situation vieler Zuwanderer sei gerade im Bildungsbereich und im Arbeitsmarkt dramatisch, sagte die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Maria Böhmer, in Berlin bei der Vorlage ihres Berichts zur Lage der Ausländer. Diese Großbaustellen der Integration müssten in den nächsten Jahren verstärkt angegangen werden. Auch an Vorschlägen von Seiten der Politik und Verbänden mangelt es nicht. Gefordert werden etwa mehr Lehrkräfte mit Migrationshintergrund, die an Schulen als Vermittler agieren. Mehr Ganztagsschulen und die Anerkennung ausländischer Abschlüsse.
Die Investitionen in die Bildung würden sich jedenfalls lohnen. So hat die Bertelsmann Stiftung 2008 ausgerechnet, dass sich die sozialen und ökonomischen Folgekosten unzureichender Integration auf jährlich 16 Milliarden Euro hochrechnen lassen. Wenn sich an dem Ausbildungsniveau unter Migranten nichts ändere, werde es auf dem Arbeitsmarkt im Jahr 2035 einen Fachkräftemangel bei Hochqualifizierten und eine Massenarbeitslosigkeit bei Arbeitnehmern ohne Berufsabschluss geben, prognostizierte die Boston Consulting Group 2009.
Mehr Investitionen für die Bildung kommen der gesamten Gesellschaft zugute. In einer Vielzahl an Kulturen entwickelten sich auch vielfältige Ideen. Doch dies ist vielerorts noch Theorie und keine Praxis, wie auch die teils paradoxen Ergebnisse des Sachverständigenratsgutachten aufzeigen. So befürworten die Befragten heterogene Schulen, wenn es aber um die Frage der Einschulung des eigenen Kindes geht, werden diese abgelehnt. "Je höher der Bildungsstand, desto weniger sind die Eltern bereit ihr Kind auf eine heterogene Schule zu schicken", sagt Fincke. Und dies treffe auf zugewanderte Eliten genauso zu wie auf deutsche.
Autor: Katharina Wetzel
