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20. Juli 2013

Horrofilme

Annika Strauss: Angst steht ihr gut

Mit 28 Jahren hat sich Annika Strauss einen Namen als Schauspielerin in Horrorfilmen gemacht / Psychogramm einer Überzeugungstäterin.

Mach dir keine Sorgen, hat sie ihrer Mutter gesagt, als sie zu ihrer jüngsten Mission gestartet ist: Leiden in Las Vegas. Diesmal werde sie nicht sterben. Keiner wird sie erwürgen, erschießen oder erstechen. Okay, ohne Blutvergießen wird es auch diesmal nicht gehen. Neun Zentimeter lange Nägel werden sich durch ihre Handgelenke bohren, wenn sie diesmal gekreuzigt wird. Aber wenigstens kommt sie mit dem Leben davon, und in ihrem Job ist das mehr, als man erwarten kann. Annika Strauss ist Schauspielerin. Horrorfilme, das ist ihr Genre.

Annika Strauss ist 28 Jahre alt, ein blasses Mädchen, das Zeichentrickfilme von Walt Disney sammelt und im Kino schnell weint, "auch bei Bambi". Dieselbe Annika kriecht jetzt auf der Flucht vor einem Mörder auf allen vieren durch die Wüste von Nevada, bei 40 Grad Celsius, keine Wolke am Himmel. In ihrem Gesicht steht die nackte Angst. Vor den schroffen Felsen der Postkarten-Kulisse des Valley of Fire wirkt sie besonders fragil. Man kann sagen: Die Angst steht ihr gut.

Elfmal hat die Mutter
die Tochter sterben sehen

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Es ist ihre größte Produktion, sie ist die einzige deutsche Schauspielerin am Set und auch die kleinste. Mit 1,57 Meter reicht Annika Strauss dem psychopathischen Massenmörder Max Seed (Nick Principe) gerade bis zum Bauchnabel. Fans von Horrorfilmen kennen ihn schon. "Seed", das ist der Name eines Massenmörders, der den elektrischen Stuhl überlebt und sich an seinen Richtern rächt. Einen von ihnen schlägt er mit dem Hammer. Minutenlang.

So konnte man es 2007 in der ungeschnittenen Fassung des gleichnamigen Films sehen. Der Skandalregisseur Uwe Boll hat ihn gedreht und in 65 Länder verkauft. Mit drei Millionen verkaufter DVDs gilt er als einer der erfolgreichsten Horrorfilme made in Germany. Jetzt hat sich der Regisseur Marcel Walz die Rechte an der Fortsetzung gesichert. Walz ist 27 Jahre alt, ein Mann, der leise spricht und nicht gut schläft, wenn es Stress am Set gibt. Annika Strauss ist seine Muse.

In der deutschen Fanszene sind die beiden längst bekannt. Doch das reicht ihnen nicht. Sie wollen ein größeres Publikum erreichen, und das geht nur mit einem größeren Budget. Seed II gilt als Selbstläufer, deshalb hat ein Investor eine sechsstellige Summe herausgehauen. Der Film soll ihr Sprungbrett werden für Amerika, den größten Horror-Markt weltweit.

"Seed II" ist ein Slasher, ein Schlitzer, wie man diese Spielart des Horrorfilms nennt. Sie folgt dem Muster solcher Blockbuster wie "Scream": Es geht um das Böse, das unvermittelt in den Alltag junger Amerikaner einbricht. In diesem Fall sind es Party-Girls, die mit dem Wohnmobil von Chicago nach Las Vegas fahren, um es noch einmal richtig krachen zu lassen, bevor eine von ihnen heiratet. Das ist der Plan. Doch die Party ist schon vorbei, bevor sie richtig begonnen hat. Max Seed, der psychopathische Massenmörder, hat die Mädchen in eine Falle gelockt.

Annika Strauss ist eines seiner Opfer. Sie liegt jetzt auf dem Rücken auf einem Felsplateau und starrt mit weit aufgerissenen Augen in den wolkenlosen Himmel über der Wüste. Sie hat beide Arme weit ausgestreckt und die Beine übereinandergeschlagen. Es ist ein symbolträchtiges Bild. Die Märtyrerin. Ihr T-Shirt ist blutverkrustet. Ein Loch neben dem Bauchnabel gibt den Blick auf eine Stichwunde frei. Am Tag zuvor hat ihr Seeds Komplizin ein Messer bis zum Anschlag in den Bauch gerammt. Die Wunde wirkt täuschend echt. Ein Artefakt aus Silikon und Kunstblut. Maskenbildner Ryan Nicholson hat sie ihr aufgeklebt.

Nicholsen ist ein gefragter Mann in Hollywood. Ein Bonvivant, der gerne isst und laut lacht. Der Kanadier hat schon Special effects für David Cronenberg ("Die Fliege") oder James Wong ("Final Destination") gemacht. Abgeschnittene Penisse pflastern seinen Weg. Eine Kreuzigung fehlte noch in seinem Portfolio. Darum hat er den Auftrag angenommen. In seinem Hotelzimmer hat er Abdrucke von Annikas Armen gemacht, unverzichtbar für die Kreuzigung. Später, wenn der Film geschnitten ist, wird man erst den hammerschwingenden Seed und im nächsten Bild die Nägel sehen, die sich durch Gummi-Handgelenke bohren. Vorausgesetzt, die Szene wird nicht von der Freiwilligen Selbstkontrolle der Filmwirtschaft (FSK) beanstandet.

Marcel Walz schwant Schlimmes. Eine Kreuzigung, sagt Walz, könnte ihm als Schändung eines christlichen Symbols ausgelegt werden. Dabei sei diese Szene das I-Tüpfelchen des Films. Sie herauszuschneiden, das wäre, als würde man ein Fußball-Länderspiel ohne Tore übertragen.

Man darf sich die Produktion eines Horrorfilms als Ritt auf Messers Schneide vorstellen. Die Schauspieler liefern sich der Kamera bedingungslos aus. Sie geben Geräusche von sich, die man sonst kaum hört. Gerade schluchzt Annika. Es ist so ein hohles Wimmern, das, was übrig bleibt, wenn man keine Tränen mehr hat.

Die Frau trifft den Ton. Ein Naturtalent, sagen die, die mit ihr gearbeitet haben. Eine, die sich gehen lässt, ohne Rücksicht auf ihr Spiegelbild. Aber sie kennt ihre Grenze. Gewalt dürfe nicht zum Selbstzweck werden, sagt sie. "Blut spritzen um des Blutspritzens wegen, da mache ich nicht mit." Zum Horror kam sie eher zufällig. 2009 stieß sie im Internet auf ein Stelleninserat. Für seine erste Low-Budget-Produktion "La petite mort" suchte Marcel Walz eine Hauptdarstellerin.

80 Frauen meldeten sich. Sie bekam den Job. Es war nicht ihre erste Rolle. Sie war zehn, als sie im Schultheater auf der Bühne stand, als freundlicher Drache in Peter Maffays Musical "Tabaluga und Lilli". Von der Märchenfigur zum Mordopfer, diese Wandlung hat ihr kaum einer zugetraut, vielleicht nicht einmal sie selber. Sie hat gerade ihre Master-Arbeit im Fach Rhetorik abgegeben. Es geht darin um die "Ästhetik der Grausamkeit" – aber die Theorie, das ist das eine und die Praxis das andere. Sie sagt: "Man lernt, wie viel man aushalten kann, wenn man will."

Sie sagt, erwürgt zu werden, sei besonders schlimm gewesen. "Der Regisseur war neu im Horror-Genre. Wir mussten die Szene x-mal wiederholen. Am Ende habe ich wirklich kaum noch Luft gekriegt."

Im richtigen Leben ist Annika dem Tod noch nie begegnet. Sie lebt seit neun Jahren mit Oliver zusammen, einem sensiblen Riesen. Er beschützt sie, auch am Set. Da jobbt er, der Fahrlehrer, als Fahrer, Fotograf oder Ton-Mann. Er weiß jetzt, was echt ist und was fiktiv. Aber nicht immer ist das hilfreich. Am vorletzten Drehtag in Las Vegas zum Beispiel soll Annika mit einem Kaktus ausgepeitscht werden. Doch der Kaktus bricht, Dornen bohren sich in ihr Bein. Als sie laut aufschreit, schießen Oliver Tränen in die Augen.

Gut, dass er nicht in ihren Kopf hineinschauen kann. Es ist ein Labyrinth des Schreckens, ein Archiv der blutigsten Szenen aus Horrorfilmen. Andere Darstellerinnen hyperventilieren, um sich in einen emotionalen Ausnahmezustand zu versetzen. Hysterie. Panik. Todesangst. Annika Strauss sagt, sie rufe keine Emotionen ab, nur Bilder. So vergegenwärtigt sie sich den Horror. So hält sie ihn aber auch auf Distanz. Millimeterweit. Nicht immer funktioniert diese Strategie. Sie sagt, nach besonders erschütternden Szenen habe sie laut geheult. "Das musste einfach raus."

Sie ist mit jedem Tod selbstbewusster geworden. Doch die Angst, sie ist immer noch da, auch nach 20 Filmen, einem geprellten Steißbein und einer herausgesprungenen Kniescheibe. Das Herzrasen. Extremsportler kennen das. Den Adrenalinkick im Angesicht der Gefahr. Ein Gefühl wie vor einem Bungee-Jump oder einer Achterbahnfahrt. Wann hat sie das schon im Alltag?

Die Little White Wedding Chapel am Las Vegas Boulevard, jene Kapelle mit Drive-Thru, in der man sich das Jawort auch im Auto geben kann, wenn es schnell gehen muss. Ein Elvis-Imitator steht für alle Fälle bereit. Annika Strauss hat keine Eile. An einem drehfreien Sonntag im Mai fährt sie in einer Stretch-Limousine vor. Sie trägt ein Kleid wie Cinderella. Ihr Regisseur trägt ihr die Schleppe bis zum Traualtar. Oliver wartet schon. Und die Kollegen aus dem Filmteam stehen auch Spalier. Zu Hause sitzen ihre Eltern vor ihrem PC im Allgäu und verfolgen die Zeremonie via Internet. Ihre Mutter wird später sagen, ihre Tränen seien auch nach der Trauung noch gekullert.

Elfmal hat sie die Tochter schon auf der Mattscheibe sterben sehen. Elfmal hat sie das nur ertragen, wenn die Tochter auf der Couch neben ihr saß, in ihrem Arm. Diesmal hat sie Taschentücher dabei. Mutter und Tochter schluchzen synchron, als Annika mit gepresster Stimme das Jawort hervorstößt: "Yes, I do." Nein, dieses Happy End steht nicht im Drehbuch von "Seed II". Dies ist ihre Trauung. Der glücklichste Moment in ihrem Leben, wie sie später sagt. Doch das Lampenfieber, es ist dasselbe wie beim Dreh. Das Glück und das Grauen, lernt man da, liegen dichter beieinander, als man denkt. Es gibt Leute, die es sich zum Beruf gemacht haben, diese Grenze auszuloten. Eine von ihnen ist Annika Strauss.

Autor: Antje Hildebrandt