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27. Mai 2008
Die verdoppelte Insel
Ein Bauunternehmer will Helgoland erweitern.
Visionen. Wer dieses Wort ausspricht im Ratthaus Helgoland, Zimmer 101, der kann erleben, wie die Augen von Frank Botter klein und gefährlich werden. Der spürt, wie der Mann, der hinter seinem Schreibtisch vor einer Wand sonnig-bunter Schiffs- und Inselbilder sitzt, auflädt. Der sieht, wie sich seine mächtige Brust spannt und er nach Worten sucht, die seiner Verachtung den richtigen Drall geben. Er spricht dann nicht mehr, er spuckt Worte aus: "Visionen", schnaubt er. "Wir können hier auch Kamele züchten."
Frank Botter ist ein freundlicher Hüne, seit 1999 Bürgermeister von Helgoland und SPD-Mitglied. Er hat zwei Herzinfarkte hinter sich, trägt bunte Hemden mit bunten Krawatten und ist kein Mann, den man leicht beeindrucken oder übers Ohr hauen könnte. Frank Botter hasst das Wort Vision.
Im Moment ist gerade mal wieder eine mächtige Vision auf seiner Insel unterwegs. Ausgebrütet hat sie ein Hamburger, der Bauunternehmer Arne Weber. Er findet, dass es so nicht weitergehen kann mit Helgoland. Er will die kleine Insel einfach verdoppeln.
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Helgoland, etwa 70 Kilometer draußen in der Nordsee, ist Deutschlands umständlichste Insel. Wer dort hin will, fährt mindestens zweieinhalb Stunden auf einer alten Fähre. Mit einem Katamaran geht es schneller, doch der fährt seltener. Dann, etwa 300 Meter vor der Insel, steigt der Besucher in ein Börteboot um, das ihn an Land absetzt. Wer mit dem alten Propellerflugzeug aus Büsum kommt, braucht nur 20 Minuten, entgeht dem Börteboot, wird dafür aber auf der Düne, der kleinen Nebeninsel, abgesetzt. Von dort geht es mit dem Bustaxi zum Anleger und dann per Boot zur einen Kilometer entfernten Hauptinsel. Von Berlin aus ist man schneller in New York als mit Zug und Flieger auf Helgoland.
Helgoland macht es einem nicht leicht. Das ist der "Charme der Hochseeinsel", sagen Helgoländer, ein Alleinstellungsmerkmal. Das ist kein Zustand, meinen Leute wie Bauunternehmer Weber.
Also hat er Pläne geschmiedet, zusammen mit der Technischen Universität Hamburg-Harburg. Webers Firma HC Hagemann, muss man wissen, baut seit 1907 auf Helgoland. Zunächst Militäranlagen für Kaiser Wilhelm, dann Militäranlagen für Adolf Hitler. Die hatten auch Visionen, aber anderer Art. Für die Helgoländer ging das immer schlecht aus. Seit dem Krieg baute HC Hagemann dort Wohnungen, ein Hotel, Hafenanlagen.
Webers Vision geht ungefähr so: Der ein Kilometer breite Graben zwischen Hauptinsel und Düne, in der Neujahrsnacht 1721 von einer mächtigen Sturmflut gerissen, wird mit einer Stahlwand geschlossen. Dann werden Millionen Tonnen Sand aufgespült. Nach Norden hin schützt ein mächtiger Wall das neue Land, gut und gerne eine Million Quadratmeter, gegen den blanken Hans. An der Nahstelle eine Schleuse: Ein Gezeitenkraftwerk soll eingebaut werden und das alte Ölkraftwerk auf der Hauptinsel ablösen. Es macht heute den Strom und entsalzt Meer- zu Trinkwasser. Ein Golfplatz, ein Hotel, Wohnungen, eine lange Landebahn für Flieger der Größe Airbus 320 – so könnte die verdoppelte Insel einmal aussehen. "Wir meinen das super todernst", sagt Arne von Maydell. Er ist Sprecher des Unternehmens. Zwei Jahre Bauzeit, 80 Millionen Euro, die Unmengen Sand sind kein Problem. Die erste CO2-freie Insel weltweit, das ist die große Überschrift über allem.
Größere Schiffe könnten dann anlegen auf Neu-Helgoland, moderne Schiffe, die nicht mehr so schaukeln und viele Besucher grün im Gesicht werden lassen. Man könnte einen richtig großen Strand und künstliche Dünenlandschaften anlegen. Die Hauptinsel hat nämlich keinen Strand. "Man kann noch nicht einmal Rad fahren auf Helgoland", meint von Maydell. "Man muss sich das mal vorstellen."
Später Vormittag. Ein Schiff ist vom Festland gekommen. Das Wetter ist so, wie es der Zettel am Rathaus vorhersagte: Sonnenschein, ein leichter Wind, kaum Wellen. Die Kurzzeitbesucher, wie die Insulaner sagen, strömen von Bord. Man spricht Schwäbisch. Viele wirken erleichtert. Fast alles ältere Herrschaften in knallbunten Outdoorjacken mit Windstoppfunktion. Jetzt haben sie vier Stunden bis zur Rückfahrt. Vier Stunden, um zoll- und mehrwertsteuerfrei einzukaufen: Whisky, Gin, Rum, Obstbrände, Zigaretten, Parfüm oder teure Armbanduhren. Zwei junge Männer streben eilig zum Oberland. Sie wollen auf die andere Seite, zur Steilküste mit der Langen Anna, dem Turm aus Sandstein, den die Nordsee von der Insel abgesägt hat. "Wenn ich mir vorstelle, dass wir mit dem Kahn wieder zurück müssen ...", sagt einer. Seine Haare sind blutrot gefärbt und passen gar nicht zur grauen Blässe des Gesichtes.
Mit Helgoland geht es, wenn man das von einer Insel überhaupt sagen kann, seit Jahren bergab. In den Siebzigern kamen pro Jahr mehr als 700 000 Tagestouristen auf das einen Quadratkilometer kleine Eiland. Sie kauften Schnaps und Zigaretten, aßen Bratfisch mit Remouladensoße und verschwanden nach vier Stunden wieder. Für die Helgoländer waren es die goldenen Jahre.
Jetzt kommen weniger als halb so viele. Warum nach Helgoland? Sylt ist die Insel für Schickimickis. Sylt stinkt nach Schampus und Scampi. Nach Wangeroog, Juist oder Hiddensee reisen die Strandspaziergänger mit Hund, die Frischluftschnapper, Bernsteinsucher und Inselromantiker. Aber Helgoland? Und was sollen dort eigentlich Leute, die weder rauchen, keinen Whisky mögen und auch keine sündhaft teuren Armbanduhr benötigen?
Nachmittag, Sonnenschein. Zwei Mädchen auf einer Bank oben auf der Insel, Blick zur Langen Anna. Wolkenschatten gleiten über die See. "Hier ist der perfekte Ort, um mit deiner großen Liebe Schluss zu machen", sagt die eine. Sie kichert dabei. Die andere schweigt.
Die Helgoländer spüren, dass es so nicht weitergehen kann, wie es seit Jahren läuft. 1306 Einwohner hat die Insel, es waren schon deutlich mehr. Die jungen Leute wandern ab. Wer aufs Gymnasium will, muss ins Internat nach Bad Bederkesa bei Cuxhaven. 450 Euro kostet das im Monat. Das Leben ist teuer, weil alles per Schiff angeliefert werden muss. Die Nahrungsmittel: ein Drittel teurer als auf dem Festland. Ein Haus bauen? Die Hälfte teurer. Auf Helgoland baut schon lange niemand mehr ein Häuschen.
Vor seiner Firma im Binnenhafen sitzt Hans-Joachim Günther, 58 Jahre alt, einer der beiden Klempner auf Helgoland. Wenn er nicht gerade Rohre repariert, ist er FDP-Politiker. "Das ist eine einmalige Chance für Helgoland", sagt er über die Pläne zur Verdoppelung der Insel. "Die Mehrheit der Leute hier ist dafür. Es muss doch was passieren."
Im Juni wollen die Helgoländer über die Vision beraten. Einen Bürgerentscheid soll es geben. "Ich bin in der Sache neutral", sagt Bürgermeister Botter in seinem Büro. Und stellt laut unangenehme Fragen: Was denn sei, wenn der Bau gar nicht fertig werde? Wem gehöre denn überhaupt der Meeresboden? Wem später das neue Land? CO2-freie Insel und Airbusse? Er greift hinter sich ins Regal. Dort ist schon eine alt gewordene Vision abgelegt. Pläne zur Umgestaltung der Südinsel. Kosten: etwa 350 Millionen Euro. "Manchmal wäre mir lieber, wenn Leute einfach den Mund halten würden." Botter wäre schon zufrieden, wenn eine Brücke die Hauptinsel mit der Düne verbinden würde. "Das wäre mal etwas Konkretes." Seine Augen funkeln gefährlich.
James Krüss ist der große Inseldichter. Von ihm stammen wunderbare Kinderbücher über Helgoland. Sein kleines Museum hat aber gerade geschlossen. Er schrieb: "Irgendwo ins grüne Meer / hat ein Gott mit leichtem Pinsel, / lächelnd, wie von ungefähr, / einen Fleck getupft: die Insel." Das war mit Herzblut geschrieben, nach dem Krieg, die Engländer hatten Helgoland gerade zu Klump bombardiert. Krüss ist der berühmteste aller Helgoländer. Von 1966 bis zu seinem Tod 1997 lebte er auf Gran Canaria.
Autor: Bernhard Honnigfort


