Ein Kind braucht ein ganzes Dorf

Anita Rüffer

Von Anita Rüffer

Fr, 27. Januar 2012

Deutschland

Um 2013 genug Betreuungsplätze bieten zu können, errichten die Kommunen hektisch Krippen – und schaffen damit neue Probleme.

Vom kommenden Jahr an ist es amtlich: Alle Eltern dürfen für ihre unter drei Jahre alten Kinder einen Krippenplatz einfordern – so steht es im Gesetz. Schon jetzt übertrifft die Nachfrage der Eltern nach Plätzen alle Erwartungen, und die Kommunen kommen mit dem Ausbau kaum nach. Da wirkte es, als legte jemand bei voller Fahrt plötzlich den Rückwärtsgang ein, als die deutschen Kinder- und Jugendärzte unter Berufung auf neuere Studien auf einem Kongress in Bielefeld im Oktober der Öffentlichkeit ins Gewissen redeten: Die Krippenbetreuung tue den Kleinen nicht gut. Zu sehr werde über Zahlen geredet, zu wenig über die Qualität.

Ist diese Gesellschaft mit ihren Anstrengungen also auf dem Holzweg? Hatte die CSU Recht, an einem Betreuungsgeld für Eltern festzuhalten, die sich entschließen, ihr Kind zu Hause zu betreuen? Rainer Böhm, leitender Arzt am sozialpädiatrischen Zentrum in Bielefeld und federführend mit der Thematik befasst, will die Wahlfreiheit der Eltern gestärkt sehen: "Sie sollten nicht aus finanziellen Gründen daran gehindert werden, ihr Kind selbst zu betreuen." Selbst Finnland beispielsweise sei die Betreuung in den Familien mehr als 600 Euro monatlich wert.

Den Kinderärzten geht es angeblich nicht darum, sich in einem ideologischen Richtungsstreit zu positionieren. "Die Industriegesellschaft", so Böhm, "hat die Bedürfnisse von kleinen Kindern aus den Augen verloren. Für eine gesunde Entwicklung brauchen Kinder besonders in den ersten drei Lebensjahren die Liebe und die Zeit ihrer Eltern." Statt den Krippenausbau zu forcieren, sei es daher wichtig, den Familien früh Hilfsangebote zu machen, damit sie ihren Kindern sichere Bindungen vermitteln können.

"Ein Kind braucht für seine Entwicklung ein ganzes Dorf", erinnert dagegen Dorothee Gutknecht an ein afrikanisches Sprichwort. Nicht, dass die Professorin für Krippenpädagogik an der Freiburger Evangelischen Hochschule (EH) pauschal einer Fremdbetreuung für die ganz Kleinen das Wort reden wollte. Aber "gute Krippen von sehr hoher pädagogischer Qualität können eine Bereicherung für die Kinder und die ganze Familie sein. Deshalb müssen wir alles daran setzen, dass wir Krippen mit einer hervorragenden Qualität bekommen."

Die gebe es zwar durchaus schon. Aber nach ihren Beobachtungen besteht auch noch viel Nachholbedarf. Und das Problem kann sich noch verschärfen, wenn die Kommunen in den kommenden Monaten in Windeseile neue Krippen hochziehen, um ja dem Gesetz zu genügen.

Wenn schon frühe Fremdbetreuung, dann in bester Qualität und so kurz wie möglich, fordert der Verband der Kinder- und Jugendärzte: keine Altersmischung, mit einer Betreuungsquote von einer Erzieherin für zwei Säuglinge oder drei Einjährige. Und nur mit bestens qualifiziertem Personal, das gelernt habe, einfühlsam auf die Bedürfnisse der Kleinen einzugehen. Nur bei zwei Prozent der deutschen Gruppenbetreuungseinrichtungen haben Wissenschaftler laut Böhm "die notwendige hohe Qualität angetroffen".

Rudolf Vogt findet den kritischen Blick berechtigt. Das von ihm geleitete Referat des Landesjugendamts, einer übergeordneten kommunalen Behörde, erteilt die Betriebserlaubnisse und wird zurzeit mit Anträgen für neue Krippen überrollt. "Die Betreuungsquote auf eins zu drei zu verbessern, wäre toll", sagt Vogt.

Stattdessen wird nach finanzierbaren Kompromissen gesucht: Maximal zehn Kinder und zwei Fachkräfte pro Gruppe für die unter Dreijährigen gilt als Mindestanforderung. Aber schon daran scheitern viele Träger. Nicht, weil sie die Stellen nicht schaffen wollen, sondern weil sie das Personal nicht bekommen. 7500 Erzieherinnen fehlen in Baden-Württemberg. Die Behörden jonglieren mit Übergangs- und Ausnahmeregelungen, damit der Rechtsanspruch 2013 zu erfüllen ist.