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17. Februar 2009

Dieter Althaus: Ein Schatten seiner selbst

Nach schockierenden Bildern aus der Rehabilitation und von der Beerdigung seines Vaters rätselt Thüringen, wie es Ministerpräsident Dieter Althaus wirklich geht

  1. Abgeschirmt: Die Fotografen konnten auf der Beerdigung seines Vaters keine Bilder von Dieter Althaus machen. Foto: DDP

Am vergangenen Mittwoch musste Dieter Althaus noch einmal auf den Friedhof von Heiligenstadt. Tags zuvor war die Beerdigung seines Vaters Heinz gewesen. Der Achtzigjährige war in der Woche zuvor gestorben. Die Erfurter Staatskanzlei hatte die Presse um Zurückhaltung gebeten Die Familie Althaus bat zudem darum, den "privaten Charakter" der Beisetzung zu respektieren. Fotos von der Beerdigung waren nicht erlaubt. Polizisten bewachten den Friedhof. Am Tag danach stand in einer Zeitung, Ministerpräsident Althaus, der sich am Neujahrstag bei einem Skiunfall schwer verletzte, habe angeschlagen gewirkt. Er gehe wie ein alter Mann. Während des Requiems habe er sich mehrfach setzen müssen.

Also musste Althaus noch einmal hin, am Mittwoch, zusammen mit Ehefrau Katharina und einigen hilfsbereiten Bild-Reportern. In der Boulevardzeitung vom Donnerstag war dann zu lesen, dass er mit "festen, raschen Schritten" den Friedhof verlassen habe. "Rückkehr!", jubelte das Blatt und verkündete, Althaus werde Ostern seine Arbeit wieder aufnehmen. Übrigens gab es diesmal auch Bilder vom Regierungschef und Ehefrau Katharina am Grab von Heinz Althaus – privater Charakter hin oder her. Es musste ein Signal gesetzt werden: Seht Leute, so schlecht geht es ihm doch gar nicht. In Thüringen tobt gerade eine mediale Schlacht um den richtigen Eindruck. Mit Bildern und Worten müssen Bilder und Worte bekämpft werden. Vor kurzem nämlich war Althaus, der in Allensbach am Bodensee in einer Reha-Klinik ist, heimlich in der Konstanzer Fußgängerzone fotografiert worden. Das Bild zeigte einen schwer angeschlagenen Mann, die Baseballmütze tief im Gesicht, der mit dem aktiven, mobilen und sportlichen Dieter Althaus von früher nichts gemein hatte. Dieses Bild wirkte verheerend und widersprach den tausend Worten aus der Erfurter Staatskanzlei: Althaus kommt wieder. Es gibt keinen Ersatzkandidaten für die Landtagswahl am 30. August. Die CDU hat einen Plan A wie Althaus. Einen Plan B gibt es nicht.

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Es ist schon merkwürdig: Von den ostdeutschen CDU-Politikern und Ministerpräsidenten war Althaus immer der umtriebigste. Ständig irgendwo zitiert, ständig mischte er sich in bundespolitische Debatten ein, saß in Fernseh-Talkshows, forderte, schimpfte, belehrte. Anders als der knurrige Wolfgang Böhmer aus Magdeburg, anders als der stille Dresdner Stanislaw Tillich. Um den Mann, der sich früher fast täglich irgendwo in den Nachrichten wiederfand, ist es gespenstisch still geworden. So still, dass es den eigenen Leuten in der CDU unheimlich ist. Keiner weiß offensichtlich, wie es dem Ministerpräsidenten wirklich geht. Er ist weg. Als er am Neujahrstag in Österreich den Skiunfall hatte, bei dem eine 41-jährige Frau starb, zog er sich schwere Kopfverletzungen zu. Seitdem herrscht Stille. Die österreichische Staatsanwaltschaft ermittelt, Althaus hat bis heute – sieben Wochen nach dem Unfall – keine Aussage machen können. "Eine wie auch immer geartete Stellungnahme von Herrn Althaus ist in diesem Fall ausreichend", sagte Staatsanwalt Walter Plöbst am Montag.

Bislang hat die CDU an die rasche Genesung von Althaus geglaubt, die Zähne zusammengebissen und den Plan A verteidigt. Seit sie das heimlich geschossene Bild ihres Parteichefs gesehen und einige von ihnen sich einen Eindruck bei der Beerdigung in Heiligenstadt machen konnten, ist das anders. Offen sprich es keiner aus, aber seit kurzem werden die Bedenken in Zeitvorgaben verpackt: Man drängelt und setzt Termine. "Nach der Sommerpause muss er da sein", hatte Fraktionschef Mike Mohring etwas Selbstverständliches gefordert. Und dass er 100 Prozent einsatzfähig sein müsse. Der CDU-Bundestagsabgeordnete Manfred Grund setzte ein deutlich früheres Datum: An Ostern müsse die CDU oder Althaus entscheiden, wie es weitergehe.

Es muss ein Schock sein für die Thüringer Christdemokraten. Althaus, das war immer der Anführer. Er hatte etwas Jungenhaftes, konnte alles besser. Er fuhr Motorrad und Mountainbike, war Bergsteiger und Skifahrer. Er ging voran, die anderen hinterher. Der 50-Jährige war immer gesund und unverwüstlich. 16-Stunden-Tag, Politik-Junkie. Thüringen, die Regierung, die CDU, das war allein Althaus.

Und nun kriegen sie die Bilder nicht mehr aus ihren Köpfen: den Mann mit der Baseballmütze, dem abweisenden Blick, dem verkniffenen Mund. Den Mann am Grab mit dem tief ins Gesicht gezogenen Hut. Es sind Bilder , die Zweifel säen, Bilder, die die Durchhalteparolen aus der Staatskanzlei unterlaufen und Worte grau werden lassen. "Althaus ist kranker, als wir alle denken", heißt es im Landtag. Er sei da und er sei nicht da – wie ein Schatten. "Was ihm passiert ist", meint der CDU-Abgeordnete Grund, "reicht für eine griechische Tragödie." Und wie geht es Dieter Althaus wirklich? Heute werden die behandelnden Ärzte in Allensbach wieder ein Bulletin veröffentlichen.

Autor: Bernhard Honnigfort