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28. September 2009
Eine Partei unter Schock
SPD-Kandidat Frank-Walter Steinmeier will Fraktionschef werden / Was macht Müntefering?
Erst jubeln sie im Willy-Brandt-Haus, als die ersten Prognosen für die Union überschaubare Verluste ankündigen. Aber dann sind nur noch langgezogene "Oooooohs" und "Uuuhhhhs" zu hören. Das Kollektiv der Genossen muss Treffer einstecken wie ein Boxer kurz vor dem Knockout.
Blankes Entsetzen ist in den Gesichtern zu erkennen, als der Balken der SPD einfach nicht über die 24 Prozent wachsen will. Und als der FDP ein Ergebnis in Höhe von etwa 15 Prozent vorausgesagt wird, sind die Sozialdemokraten endgültig bedient. "Oh, mein Gott", tönt es aus der einen Ecke. "Das kann nicht sein", aus der anderen. Als Ausweg scheint den Lebenslustigen unter den Verlierern nur die Flucht in den Alkohol eine realistische Perspektive: "Jetzt müssen wir erst mal Wodka trinken."
Es ist das Ergebnis, bei dem alle in der SPD geweissagt haben, dass es endgültig die Generation Schröder hinwegspülen würde – die Steinmeiers und Münteferings und Steinbrücks.
Aber zunächst herrscht Schockstarre. Wer wissen will, wie mucksmäuschenstill mehrere Hundert Menschen sein können, der muss an diesem Abend in der Parteizentrale der SPD die Minuten nach der Prognose erleben. Es ist, als sei soeben jemand gestorben.
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18.30 Uhr ist es, als ein gefasst wirkender Spitzenkandidat und ein die Lippen aufeinanderpressender Parteichef sich einen Weg durch die Menge bahnen. Minutenlang applaudiert sie, obwohl viele der Mitarbeiter in der Fraktion und in den SPD-geführten Ministerien soeben ihren Job verloren haben dürften. Trotzig sind sie – was bleibt ihnen auch übrig.
Frank-Walter Steinmeier, schwarzer Anzug, weißes Hemd, schwarze Krawatte, spricht zuerst. Ruhig, keineswegs gebrochen. Eine bemerkenswerte Ansprache hält er. Es ist sein Versuch, einen Anker in eine unsichere Zukunft zu werfen. Eine bittere Niederlage sei das, sagt er, ein "bitterer Tag für die Sozialdemokratie". Aber dann nimmt er die Rolle des Mutmachers ein. Er bedankt sich bei den jungen Wahlkämpfern, ruft ihnen zu: "Ihr seid die Zukunft unserer Partei, macht bitte weiter so."
Die Frage, ob er weitermacht, ob er noch eine Zukunft für sich in der Partei sieht, beantwortet er prompt. "Gerade an diesem bitteren Abend werde ich aus der Verantwortung nicht fliehen", sagt er. Bloß kein Vakuum aufkommen lassen, kein Chaos riskieren. Stabilität organisieren, den Übergang bewältigen, in was für eine Zeit auch immer. Er sei bereit und willens weiterzumachen, als Fraktionschef der SPD im Bundestag. Der bisherige Vizekanzler will künftiger Oppositionsführer werden. Da klatscht auch Franz Müntefering, der zuvor erstarrt dabeistand und die Hände vor sich gefaltet hielt, wie zum Gebet.
Am Wahlabend glaubt keiner, dass es einen geben wird, der bis zur Wahl am Dienstag Steinmeier den Posten des Fraktionschefs streitig machen wird. Und Müntefering? Steinmeier deutet an, dass es Konsequenzen geben müsse. Das Ergebnis sei "so, dass wir nicht ohne weiteres zur Tagesordnung übergehen können". Steinmeier nennt den Namen des neben ihm stehenden Parteivorsitzenden kein einziges Mal.
Müntefering aber gibt die Sphinx, spielt den Undurchschaubaren, wie immer in solchen Situationen. Viele Gedanken gingen ihm durch den Kopf, sagt er. Aber welche das sind, das sagt er nicht. Gemurmel hebt an, als Müntefering redet. Zu seiner Blütezeit, als alle glaubten, Müntefering hätte nach dem glücklosen Kurt Beck das Zeug dazu, die SPD ins Kanzleramt zu führen, hätte es so was nicht gegeben. Aber die Zeiten sind vorbei. Immerhin: Auch Müntefering deutet an, dass es Umbrüche geben müsse. Die Frage sei: "Wie stellen wir uns auf?"
Heute im Präsidium und im Vorstand wolle man darüber reden. Müntefering schmeißt nicht hin, vorerst jedenfalls. Schon sagen die Ersten, dass es "ein Weiter-so nicht geben darf". Auch wenn es keiner offen äußert: Alle sind sich sicher, dass die Uhr für Müntefering abläuft. Er müsste das wissen. Aber bei Müntefering weiß man nie so genau.
Autor: Thomas Maron
