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02. Juli 2009

Eltern von Drogentoten reden über ihren Schmerz

Die Eltern von Drogenabhängigen müssen oft hilflos zusehen, wie ihre Kinder sterben – und machen sich zudem selbst noch Vorwürfe

  1. Hans Schöpflin Foto: Franz Schmider

  2. Adrian Lukas Foto: Franz Schmider

  3. Adrian Lukas Foto: Franz Schmider

  4. Hans Schöpflin Foto: Franz Schmider

Adrian fing mit dem Kiffen an, da war Axel erst wenige Monate tot. Der eine lebte im idyllischen Eschbach im Breisgau, der andere starb im mondänen La Jolla, einem Vorort von San Diego im US-Sonnenstaat Kalifornien. Sie kannten sich nicht, aber es gab etwas, was sie verband: Beide haben den Kampf gegen das Heroin verloren.

Axel war ein helles Bürschchen. Und ein neugieriges. Er interessierte sich für Literatur, Musik und Kunst, er las, was ihm in die Hände fiel: Rilke und Freud, Schopenhauer und Salinger, Rimbaud und Kerouac. "Er war unglaublich interessiert, vor allem an Philosophie", sagt Hans Schöpflin, sein Vater. Am Abend saßen er und seine Freunde dann oft auf einem Felsvorsprung am Pazifik und diskutierten über die Lektüre. Dazu spielten sie Gitarre und rauchten. Nicht nur Zigaretten. "Axel war ein Bohemien, und das hat er zelebriert", weiß der Vater, ein heute 68-jähriger Geschäftsmann, den es einst zum Studium von Lörrach in die Vereinigten Staaten getrieben hat, wo er ein Vermögen verdiente. In den literarischen Kreisen in Kalifornien sei es seinerzeit üblich gewesen, seiner Fantasie mit Haschisch und Marihuana Flügel zu verleihen. So hielten es auch Axel und seine Freunde. Als ihn die Mutter einmal besorgt fragte, ob er Haschisch rauche, antwortete Axel: Haschisch sei Kinderkram. Die Mutter war beruhigt. In Wirklichkeit hatte er den vermeintlichen Kinderkram längst durch Härteres ersetzt.

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Adrian fiel die Schule eher schwer. Er mühte sich mit einer anerkannten Lese-Rechtschreib-Schwäche. Aber er war ein aufgeweckter und kluger Junge, der trotz seines Handicaps die Realschulempfehlung erhielt. Lange Zeit ging es gut an der Schule, er beklagte sich zwar hin und wieder zu Hause, dass er gehänselt werde, die Legasthenie schlug sich zudem in den Noten nieder. Aber einen Knacks gab es erst, als eine Lehrerin ihn fragte, weshalb jemand wie er die höhere Schule besuche, einer, der nicht mal richtig Deutsch könne. In jener Zeit kam er erstmals nach Hause und roch nach Zigarettenrauch. "Das fand er als Kind immer ganz schrecklich, deshalb hat es mich so irritiert", sagt die Mutter. Sie ahnte nicht, dass er nicht nur Tabak rauchte.

14 Jahre nach dem Tod seiner Sohnes Adrian spricht Hans Schöpflin sehr ruhig über das viel zu kurze Leben eines begabten Jungen, der mit 19 Jahren an einer Überdosis Heroin starb. Zu Hause in La Jolla, im Badezimmer. Er sagt irritierende Sätze wie diese: "Mir ist es gelungen, aus der Tragödie eine Chance zu machen. Axel hat mir geholfen, ein besserer Mensch zu werden. Ich war fixiert aufs Geldverdienen. Der Tod von Axel hat mich als Mensch total verändert."

Das klingt ein wenig abgeklärt. Aber die Art, wie er die Worte spricht und der nachdenkliche Blick sagen zugleich, dass der Preis entschieden zu hoch war. Hans Schöpflin wäre gerne auch so ein besserer Mensch geworden.

Hans Schöpflin sitzt im einstigen Wohnzimmer seines Elternhauses vor dem offenen Kamin und schaut durch die offene Flügeltür in den weitläufigen Raum und durch die großen Fenster hinaus in den Park, der die Villa umgibt. Vor sieben Jahren hat er zusammen mit seinen beiden Geschwistern das Haus in eine Stiftung eingebracht, die Projekte zur Suchtprävention fördert. Ins ehemalige Gärtnerhaus ist eine Kindertagesstätte eingezogen, die Räume werden gerade erweitert.

Hans Schöpflin hat nicht nur seinen Sohn verloren vor 14 Jahren, seine Frau trennte sich von ihm, seine beiden Töchter brachen jeden Kontakt zu ihm ab. Sie machten ihn für Axels Tod verantwortlich. "Es gibt fast immer offene oder versteckte Schuldzuweisungen", sagt Hans Schöpflin. Denn alle Beteiligten suchen nach einer Erklärung für das Unerklärliche. Und hinter jeder Erklärung verbirgt sich eine Suche nach Verantwortung und Schuld. Eltern von Drogenabhängigen zerfleischen sich oft selbst und gegenseitig mit solchen Fragen. "Ein solcher Fall ist eine wahnsinnige Belastung für jede Beziehung", sagt die Vorsitzende der Elternkreise Drogenabhängiger, die aus Rücksicht auf ihre Familie nicht namentlich genannt werden will.

Natürlich hat sich Hans Schöpflin gefragt, ob er zu sehr für die Arbeit und zu wenig für seinen Sohn da war. Er hat die Prioritäten falsch gesetzt, sagt er heute, nicht nur mit Blick auf seinen Sohn, sondern auch auf sein eigenes Leben. Vielleicht hat er zu viel verlangt von seinem Sohn. Vielleicht musste der den Eindruck haben, er genüge den Erwartungen des Vaters nicht. War er zu streng? Hat er ihn in die Konfrontation getrieben? Aber musste nicht einer Grenzen setzen, besonders da die Mutter den Sohn immer in Schutz nahm? Er, der Vater, hat sich festlegen lassen auf diese Rolle, die ihm eigentlich nicht liegt. Er hat sich aus der Familie drängen lassen, besonders aus der Beziehung zu seinem Sohn. Auch so kann man es sehen. Heute spricht er wieder viel mit seiner ehemaligen Frau. "Wir haben viel falsch gemacht, beide. Wir haben die Probleme nicht sehen wollen. Wir dachten, wir hätten die Situation unter Kontrolle, aber dem war nicht so." Ein ganz ähnlicher Satz fällt an anderer Stelle: "Axel hat gedacht, er hätte die Drogen unter Kontrolle. Und das stimmte eben nicht."

Vielleicht gebe es Menschen, die genetisch anfälliger sind für eine Sucht, sagt er. "Eltern fragen sich immer, welchen Anteil sie haben, denn sie sind ein wichtiger Teil im Leben der Kinder", sagt die Vertreterin der Elternkreise. "Aber wir müssen erkennen, dass wir nicht alleine und nicht für alles verantwortlich sind. Es steht auch nicht in unserer Macht, die Kinder von den Drogen wegzubekommen." Egal, ob es sich um Heroin oder um Alkohol handelt.

Luitgardis und Jürgen Lukas sitzen gemeinsam in ihrem Wohnzimmer und erzählen von ihrem Sohn. Erst fünf Monate ist Adrian tot, die Trauer und der Schmerz sind noch sehr präsent. Sie haben nicht verborgen, was mit ihrem Sohn passiert ist. "Nach einer beschwerlichen Reise durch sein Leben, geprägt vom Kampf gegen die Drogen, hat er jetzt seinen Frieden gefunden." So stand es in der Todesanzeige. Adrians Mutter hat eine Arztpraxis in Eschbach, sie wollte jedem Gerede zuvorkommen und sich bekennen. Auch zu ihrem suchtkranken Sohn, so wie sie es immer getan hat. Warum sollte sie die Krankheit ihres Kindes verstecken? "Ich kann mit Ihnen fühlen", stand auf einer anonymen Zuschrift. Inzwischen haben Luitgardis und Jürgen Lukas auf Umwegen erfahren, dass die Absenderin ebenfalls ihren Sohn an die Drogen verloren hat. "Ich fand den Schritt ungemein mutig", sagt die Vertreterin des Elternkreises, die gesteht: "Das Thema ist nach wie vor sehr schambesetzt." Dabei wäre es so wichtig, über den eigenen Schmerz zu reden.

"Man kriegt einen unheimlichen Zorn auf das Zeug", sagt Jürgen Lukas. Was er mit Zeug meint? Das Heroin natürlich. Aber dann auch auf jene, die es herstellen; auf die Lieferanten, die auch nach Eschbach kommen; auf die Verführer, die auf keinem Provinzschulhof fehlen; die Schulleiter, die fahrlässigerweise behaupten, bei ihnen gäbe es dieses Problem nicht; die Polizei, die Hinweisen auf Dealer nicht nachgeht; auf jene Medien, die koksende oder fixende Popsternchen feiert und so gedankenlos zu Vorbildern stilisiert; auf Politiker, die sich ihrer Verantwortung entziehen und die Probleme aussitzen – es gäbe noch viel dazu zu sagen. Jürgen Lukas erzählt, wie die Eltern mit dem Sohn eine Beratungsstelle aufgesucht und hörten, beim Kiffen handle es sich um eine vorübergehende Pubertätserscheinung. Aber es ging nicht vorüber. Und die Mutter erzählt, wie sie ihren Sohn in die Uniklinik brachte. Eine Nadel war im Arm abgebrochen. Doch in der Klinik wurde er zunächst über Stunden nicht behandelt. Am Ende konnte zwar die fast schon abgestorbene Hand gerettet werden, aber Adrian konnte sie nicht mehr benutzen. Jetzt hatte er auch noch eine Behinderung.

Es gäbe noch zu erzählen, von den Aufs und Abs zwischen Hoffnung und Rückfall, zwischen Euphorie und Wut. Zu erzählen wäre davon, wie es ist, mit einem Drogenabhängigen unter einem Dach zu leben, der von der Sucht getrieben alles zu Geld macht, was ihm in die Hände fällt. Zeitweise stellten sie dem Sohn im Garten ein Zelt auf, denn sie konnten ihn nachts nicht allein im Haus lassen. Wer süchtig ist, der kennt keine Regeln und keine Freunde und Verwandten mehr, der will nur eins: neue Drogen. "Für meine Frau war es besonders schrecklich", sagt Jürgen Lukas, "sie hat so vielen Menschen geholfen, nur ihrem eigenen Sohn konnte sie nicht helfen."

Werden sie den Tod

jemals verarbeitet können?

Und sie mussten erfahren wie schwierig es ist, die Balance in der Familie zu halten, in der eines der Kinder die ganze Aufmerksamkeit beansprucht, und die Geschwister in den Hintergrund drängt. Sich selbst und die anderen Familienmitglieder nicht zu vergessen sei eine der wichtigsten Anliegen in den Selbsthilfegruppen, sagt ihre Sprecherin.

Eines Tages standen zwei Männer in Zivil vor der Tür, sie fragten sehr förmlich nach dem Namen. Er habe, sagt Jürgen Lukas, sofort gewusst, worum es geht. Er habe ihnen angesehen, dass sie ihrer Pflicht nachkommen – sehr einfühlsam, wie er betont. In Ravensburg, wo Adrian zuletzt gelebt hat, war in jenen Tagen besonders reines Heroin im Umlauf. So wie 14 Jahre zuvor in La Jolla in Kalifornien. "Wir sind alle mit der Geschichte noch nicht fertig", sagt Jürgen Lukas. "Ob wir das jemals sein werden, weiß ich nicht."

Autor: Franz Schmider