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24. März 2012

Gauck: Mann des Vertrauens

In seiner Antrittsrede macht Joachim Gauck klar, dass er sich mit vielen Themen befassen will.

Märchenhafte Bilder, wie sie jüngst aus Großbritannien vom 60. Thronjubiläum der Queen übermittelt wurden, bleiben Deutschland versagt. Hier sind die Halbwertszeiten des politischen Führungspersonals nicht annähernd so lang – und in jüngster Zeit noch bedenklich geschrumpft. Das Grundgesetz sieht die Vereidigung eines Bundespräsidenten eigentlich alle fünf Jahre vor. Doch in den vergangenen drei Jahren hat die Nation das gleich dreimal erlebt.

Das präsidiale Zeremoniell ist nicht so bunt wie die von Talar- und Uniformträgern bevölkerten Auftritte einer Königin. Keine Blumen schmücken den Plenarsaal des Reichstagsgebäudes an diesem Freitag. Hinterm Rednerpult hängen nur die üblichen zwei Flaggen und von der Kuppel herab an vier Drahtseilen der gleiche monströse Blechadler wie immer. Auch in Deutschland hätten allerdings viele "so gerne eine letzte Autorität, die wir anrufen können bei all den Streitfragen, wenn sich unsere Parteien und Politiker nicht einigen". Diesen Befund verdanken wir dem Mann, dem nicht wenige jene Rolle zutrauen würden: Joachim Gauck.

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Aber selbst ein Staatsoberhaupt, das drei Viertel seiner Bürger hinter sich weiß, von fast vier Fünfteln der Bundesversammlung gewählt und mit Vorschusslorbeeren überschüttet wurde, genießt keinen quasimonarchischen Rang. Daran erinnert der zweite Mann im Staate den ersten prompt. "Tatsächlich ist in unserem demokratischen Gemeinwesen für eine solche letzte Autorität kein Platz", sagt Bundestagspräsident Norbert Lammert. Und fügt hinzu: "Das gilt sogar für das Amt des Bundespräsidenten."

Neben Gauck sitzt ein anderer, der seine Autorität verspielt hat: Amtsvorgänger Christian Wulff. Gleichwohl hält Lammert es für "ein Gebot der Redlichkeit wie der politischen Kultur", ihm für "nachwirkende Initiativen und Impulse" zu danken. Dazu ist Bundesratspräsident Horst Seehofer auserkoren. Nach drei Minuten hat er seiner Pflicht Genüge getan.

Auch Gauck kommt noch einmal auf Wulff zu sprechen, so wie er viele Themen streift in seiner Antrittsrede. Zwei rote Fäden durchziehen die programmatische Erklärung, zum einen die Frage: Wie wollen wir leben, wie soll unser Land aussehen? Zum anderen die Aufforderung: Lasst uns nicht nur über Ängste und Sorgen reden, über Probleme und Nöte, sondern vielmehr über "das, was in unserem Land gelungen ist". Dieser Präsident will seinen Bürgern Zuversicht vermitteln. Er wünscht sich keine Jammernation, sondern ein selbstbewusstes Land.

Den ersten Szenenapplaus erhält Gauck ausgerechnet vom linken Rand des Plenums. Das ist wohl kalkuliert. Bei der Aufzählung dessen, "was in unserem Land gelungen ist", kommt er rasch auch auf die Verdienste der 68er-Generation. Sie habe die historische Schuld ins kollektive Bewusstsein gerückt. Und prompt klatschen auch viele Beifall, die ihn vor einer Woche nicht gewählt haben. Und dies wird sich sogar wiederholen.

Es ist das alte Lied, das man aus seinem Munde kennt. Es handelt von der Freiheit. Aber Gauck singt es mit einem neuen Text. Er lässt seine Ballade nicht in der DDR-Vergangenheit beginnen, sondern in den Tiefen der westdeutschen Geschichte. Somit räumt er ein um das andere Vorurteil ab, füllt eine um die andere Leerstelle, die Kritiker in seinem Denken entdeckt zu haben glaubten. Soziale Gerechtigkeit? "Es ist wunderbar, dass er das Loblied auf die Freiheit singt", hatte der Bürgerrechtler Friedrich Schorlemmer über Gauck gesagt. "Aber er müsste auch das Loblied auf die Gerechtigkeit singen." Nun singt er es auf seine Weise. Die wird nicht allen gefallen, aber sie werden ihm nicht vorwerfen können, dass er auf diesem Auge blind sei. Er redet "nicht einer paternalistischen Fürsorgepolitik" das Wort, will stattdessen "einen Sozialstaat, der vorsorgt und ermächtigt".

Gauck denkt auch an Integration und Multikulti

Auch die Muslime, die Integrationsbemühten und Multikultideutschen müssen nicht besorgt sein. Gauck bekennt sich zu Wulffs Erbe. "In unserem Land sollen alle zuhause sein können, die hier leben", sagt er und nennt auch den Islam. Der Staat dürfe sich weniger durch nationale Zugehörigkeit definieren als durch das Streben von Unterschiedlichem nach dem Gemeinsamen. Da dürften manche Konservativen überfordert sein.

Nach 23 Minuten kommt Pastor Gauck zum Schluss. Seine Antrittsrede ist zur Predigt geraten, eine Predigt an alle, pathetisch, aber unverkrampft. So endet dieses Zeremoniell dann auch. Ein Bläserquintett stimmt die Nationalhymne an. Gauck singt kraftvoll mit, wie es einem Pfarrer geziemt.

Autor: Armin Käfer