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30. August 2010 00:08 Uhr
Afghanistan-Besuch
Guttenberg gibt gerne den Soldaten
Bisher hat sich kein Verteidigungsminister der Bundesrepublik so kriegerisch oder soldatisch inszeniert wie Karl-Theodor zu Guttenberg es tut – auch jetzt wieder bei seinem Besuch der deutschen Soldaten in Afghanistan.
BERLIN. Anders als zu Guttenberg wurden etwa seine beiden unmittelbaren Vorgänger, Franz Josef Jung (CDU) und Peter Struck (SPD), nie in einem Bundeswehr-T-Shirt oder gar mit einem Helm gesehen. Das streng zivile Auftreten beider war kein Zufall, sondern unter anderem auch eine Reaktion auf Fotos von Ex-Verteidigungsminister Rudolf Scharping (SPD). Die Aufnahmen von Scharping mit Helm – entstanden sind sie bei einer Sprengübung auf einem Truppenübungsplatz – waren schnell zum Symbol dafür geworden, dass dieser glücklose Verteidigungsminister fürwahr Deckung vor dem Dauerfeuer der öffentlichen Kritik nötig hatte. Ähnliche Eindrücke wollten Jung und Struck vermeiden. Struck achtete zudem peinlich darauf, nicht in zu enge Berührung mit Kriegsgerät zu geraten. Sicher wurde auch er dabei gefilmt, wie er Panzer, Haubitzen oder Kampfflugzeuge inspizierte – aber nie so, dass der Eindruck entstehen konnte, er sei davon fasziniert.
Zu Guttenberg verfolgt offenkundig ein anderes Kalkül in der Selbstdarstellung. Gestern war er auf einer Anhöhe in Baghlan, der Unruheregion im Einsatzgebiet der Bundeswehr in Afghanistan, wo die schnelle Eingreiftruppe einen Stützpunkt errichtet hat, und wo es immer wieder Kampfhandlungen gegeben hat. Es sei wichtig, die Realitäten der Soldaten nicht nur vom Schreibtisch aus zu beurteilen, ließ der Minister mitreisende Reporter wissen. Das war Guttenbergs zweiter Versuch nach Baghlan durchzustoßen; beim ersten, vor einigen Wochen, musste sein Hubschrauber wegen akuter Gefechte abdrehen. Gestern meldeten verschiedene Medien: "Besuch an der Front." Ganz stimmt das allerdings nicht; denn als Hotspot im Kampf mit den Taliban galt die Anhöhe nur bis vor wenigen Wochen, die Front verläuft mittlerweile anderswo.
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Guttenberg war in zehn Amtsmonaten bereits fünfmal in Afghanistan – so oft wie keiner seiner Vorgänger. Während Ex-Kanzler Gerhard Schröder die "Enttabuisierung des Militärischen" auf die Agenda gesetzt hatte, enttabuisiert Guttenberg den Begriff des Krieges und wendet ihn auf den Einsatz in Afghanistan an. Gefallene Soldaten nennt er Helden – jedenfalls hat er sich in der Trauerrede nach den tödlichen Karfreitagsgefechten dazu bekannt, diesen Begriff gegenüber seinen Töchtern benutzt zu haben. Es gibt kaum eine Reise, in der der Verteidigungsminister sich nicht im olivgrünen T-Shirt mit deutscher Flagge, in Schutzweste oder mit Helm ablichten ließ.
Am Wochenende wurde unterdessen ein neuer Vorschlag des Verteidigungsministers zur Bundeswehrreform bekannt. "Wir können uns eine Probezeit beim Bund vorstellen", sagte er der Bild am Sonntag. "Nach sechs Monaten kann dann jeder sagen, Soldatsein ist nichts für mich. Und umgekehrt kann die Bundeswehr entscheiden, dieser junge Mann passt nicht zu uns."
Der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), Hans Heinrich Driftmann, plädierte dafür, die Bundeswehr künftig im Interesse der Wirtschaft einzusetzen. Für Deutschland "wäre es eine Katastrophe, wenn die Handelswege, insbesondere nach Südostasien, dauerhaft eingeschränkt oder bedroht wären. Die dürfen wir nicht Piraten überlassen", sagte Driftmann dem Focus.
Autor: Bärbel Krauß
