Berlin

Neue Partei "Die Freiheit" setzt auf Islamfeindlichkeit

Katja Bauer

Von Katja Bauer

Do, 13. Januar 2011

Deutschland

Die Welt des René Stadtkewitz: Wer nicht für ihn ist, der muss verrückt sein – oder mindestens Teil einer Gesellschaft, deren herrschende Klasse jene ungeschminkte Wahrheit unterdrückt, die Stadtkewitz und seine Anhänger endlich aussprechen wollen.

So hat sich René Stadtkewitz die Sache mit der Meinungsfreiheit nicht vorgestellt. Da steht er nun, mitten auf der Kastanienallee, im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg. Von allen Seiten ergießt sich ein riesiger Schwall Lärm über ihn. Vor der Pizzeria brüllen ein paar Dutzend junge Leute: Haut ab! Auf dem Gehweg schreien andere: Nazis raus! Anwohner haben ihre Fenster geöffnet. Sie schlagen mit Schöpflöffeln gegen Kochtöpfe. Stereoanlagen werden hochgedreht. Unwillkürlich duckt Stadtkewitz seinen zurückgegelten Haarschopf in den Kragen seines Wollmantels. Er weiß: Sie meinen ihn. Und so schreit er: Wir werden weitermachen und uns nicht einschüchtern lassen, schon gar nicht von diesen Verrückten.

So ist das in der Welt des René Stadtkewitz: Wer nicht für ihn ist, der muss verrückt sein – oder mindestens Teil einer Gesellschaft, deren herrschende Klasse jene ungeschminkte Wahrheit unterdrückt, die Stadtkewitz und seine Anhänger endlich aussprechen wollen. Das, so glaubt dieser Mann, wird auch der Grund dafür sein, dass er an diesem Abend auf der Straße gelandet ist.

Eigentlich war das nicht geplant. Geplant war der erste Landesparteitag der frisch gegründeten Partei "Die Freiheit", deren Vorsitzender Stadtkewitz ist. Man wollte sich im Veranstaltungsraum einer Sprachenschule treffen. Aber die Vermieterin hat kurzfristig den Vertrag aufgelöst, genau wie kurz davor ein Hotel seine Zusage zurückgezogen hatte. René Stadtkewitz glaubt zu wissen, weshalb: Es sei Druck ausgeübt worden, ruft er bei einer improvisierten Pressekonferenz. Auch wenn das keiner zugebe. "Ich frage mich, was ist los in unserem Land, wie weit gehen die Linken noch?" Die Gegner nutzten "faschistische Methoden".

An Gegnern hat Stadtkewitz keinen Mangel – die meisten hat er sich selbst gewählt. Es ist eine Weile her, dass der Chef eines Sicherheitsdienstes aus dem Ostberliner Stadtteil Pankow zu seinem ganz persönlichen Kampf aufgebrochen ist. Damals war er Landtagsabgeordneter der CDU, ein netter, stiller Buchhaltertyp mit einprägsamer Bassstimme. Als aber eine moslemische Gemeinde in seinem Stadtteil eine Moschee bauen wollte, stellte sich Stadtkewitz hinter den Protest einiger Bürger. Und spürte, wie er für diese zum Retter wurde. Sie riefen seinen Namen, wenn er bei Demos auftrat.

Seither ist er anders geworden, sagen Weggefährten: "Er hat sich verrannt." Immer noch sitzt er im Abgeordnetenhaus, parteilos, isoliert. Er selbst sagt, er habe damals angefangen, sich über den Islam – er sagt: den politischen Islam – zu informieren. Und der politische Islam, von dem er glaubt, er wolle den freien Westen unterjochen, ist nun sein Hauptfeind. Dafür hat er einen Freund gewonnen: den islamfeindlichen niederländischen Rechtspopulisten Geert Wilders. Stadtkewitz holte ihn im Oktober zu einer Rede nach Berlin. Es war der Moment, in dem die CDU ihn aus der Fraktion warf.

Vielleicht schuf sie sich und den anderen Parteien, die am 18. September um die Sitze im Abgeordnetenhaus konkurrieren werden, damit ein echtes Problem: Stadtkewitz gründete kurz darauf seine Partei – mitten in die Sarrazin-Debatte, seit der es in diesem Land nicht mehr tabu ist, pauschal abfällig über Muslime zu sprechen.

Es ist schwer einzuschätzen, welche Chancen die Partei hat, Wähler zu binden. Eine Forsa-Umfrage sieht ein Potenzial von 24 Prozent für eine islamfeindliche Gruppierung. An solche Zahlen glaubt man bei den anderen Parteien kaum. Aber unterschätzen will die Partei niemand. Nach eigenen Angaben hat die "Freiheit" regen Zuspruch – obwohl es noch nicht einmal ein fertiges Programm gibt außer: Dagegen sein. Gegen Zuwanderung, die EU, Bürokratie, lasche Justiz.

Stadtkewitz selbst weiß, dass ein Spitzenkandidat fehlt, der Massen anzieht. "Ein Sarrazin wär’ es", sagt einer der 30 Anhänger, die an diesem Abend etwas hilflos auf der Straße stehen. Der allerdings hat neulich in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen das Nötige gesagt: "Parteigründungen enden in Deutschland fast immer so, dass sich dort sehr schnell die Spinner alle Couleur versammeln."