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04. Februar 2012

Ich bin dann mal im All

Von der Wüste New Mexicos aus sollen Touristen in den Weltraum fliegen / Ganz vorne mit dabei: die Deutsche Sonja Rohde.

  1. m Foto: Photographer:Mark Greenberg

  2. Foto: dpa

  3. m Foto: usage Germany only, Verwendung nur in Deutschland

Die Oma ist an allem schuld. Vor 30 Jahren hatte sie der kleinen Sonja ein Kinderlexikon geschenkt, mit Bildern von Astronauten in ihren seltsam aufgeblasenen weißen Anzügen, die in Raketen steigen und hinauf fliegen ins schwarze Weltall. Seither hat Sonja Rohde, die heute Immobilienmaklerin ist, einen Traum: einmal Astronautin sein. Und deshalb zahlt sie gerne ihren Kredit über 200 000 Dollar ab. So viel kostet das Ticket ins All.

Die Mittdreißigerin aus Hagen gehört zum kleinen Kreis derer, die bei den ersten Weltraumflügen eines Privatunternehmens dabei sein werden – im "Space-Ship-Two" des Briten Richard Branson. Ihr Ticket hat Sonja Rohde schon seit fast sieben Jahren. Sie lernte Branson bei einer Safari in Südafrika kennen. Nun wartet sie, dass das Raumschiff mit dem Namen "VSS Enterprise" endlich startklar ist. Noch in diesem Jahr soll es in der Wüste des US-Bundesstaats New Mexico abheben. Der Zeitplan wurde allerdings schon mehrfach geändert.

Der Unternehmer und Multimilliardär Branson liebt das Abenteuer. Er stellte Rekorde als Ballonfahrer und Seemann auf, plant eine Tauchfahrt in die Tiefsee. Im Reigen der ultimativen Herausforderungen darf auch das Weltall nicht fehlen. Beim ersten Flug wird Branson natürlich selbst dabei sein. Seine Firma Virgin Galactic ist nicht die einzige, die ins neue Geschäftsfeld Weltraumtourismus drängt, aber der Brite hat die Nase vorn. Die "Enterprise" hat schon erste bemannte Testflüge (allerdings nicht ins Weltall) absolviert.

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Weltraumtouristen brauchen

einen guten Magen.

Im Vergleich zum fiktionalen Namensvetter aus der TV-Serie ist Bransons "Enterprise" ein Winzling. Sechs Passagiere und zwei Piloten soll sie ins All bringen. Ins Weltall: Das mag formal korrekt sein, ist aber doch etwas großspurig formuliert. Das Fluggerät steigt auf rund 110 Kilometer hoch – knapp über der Grenze zum All, das laut Definition bei 100 Kilometern beginnt. Hobbyastronauten wie Sonja Rohde schnuppern sozusagen am All. Danach geht es gleich wieder zurück – und nicht in eine Umlaufbahn um die Erde, wie beim (mittlerweile ausgemusterten) Space Shuttle zum Beispiel. Mit klassischer Raumfahrt haben solche Flüge, Experten sprechen von suborbitalen Flügen, also nichts zu tun. Aber die Passagiere erleben die enorme Beschleunigung der Raketentriebwerke, sie sind für ein paar Minuten schwerelos im freien Fall und haben einen grandiosen Blick auf die Erde.

Von diesem Blick schwärmt Ulf Merbold, der erste Westdeutsche im All, heute noch: "Die durch eine königsblaue, dünne Schicht gesäumte gekrümmte Horizontlinie; wie schön das aussieht, aber auch wie zerbrechlich." Merbold war 1994 auf einem seiner drei Raumflüge einen Monat lang auf der russischen "Mir", und damit noch einmal fast 300 Kilometer höher als es Bransons Passagiere sein werden. Die berühmte blaue Murmel, von der die Mondfahrer so fasziniert waren, hat aber auch er nicht sehen können. Dafür müsste man mindestens so hoch wie ein Wettersatellit aufsteigen, also rund 36 000 Kilometer.

Bis vor etwas mehr als zehn Jahren war das All nur professionellen Astronauten vorbehalten – Frauen und Männern im Dienst einer staatlichen Weltraumagentur, die nach jahrelangem Training für Missionen ausgewählt wurden und im All forschten oder einfach nur bewiesen, dass ihr Land die Raumfahrt beherrscht.

Dann kam der Amerikaner Dennis Tito. Der schwerreiche Investmentbanker, der vor seiner Wall-Street-Karriere als Ingenieur bei der Nasa gearbeitet hatte, bot den chronisch klammen Russen 20 Millionen Dollar für einen Aufenthalt im All. Ein Nichtastronaut in der engen, mit empfindlichen Geräten vollgestopften Raumstation? Die Amerikaner protestierten, konnten jedoch nicht verhindern, dass Tito am 28. April 2001 in eine russische Sojus-Rakete stieg und mit zur Internationalen Raumstation ISS flog, wo er die meiste Zeit mit Fotografieren verbrachte.

Auf Tito, den ersten Weltraumtouristen der Geschichte, folgten sechs weitere zahlende Gäste, die zum Teil doppelt so viel hinblätterten. Einer, der frühere Microsoft-Manager Charles Simonyi, flog sogar zweimal zur ISS. "Bei den meisten war man hinterher froh, dass es keine gefährlichen Pannen gab", sagt der frühere deutsche Astronaut Reinhold Ewald, der 1997 knapp drei Wochen auf der russischen Raumstation Mir war. Bereits 1990 war ein Nichtastronaut zur Mir geflogen – aber nicht, um Urlaub zu machen, sondern dienstlich: Ein japanischer Reporter sendete sieben Tage lang täglich verwackelte Liveberichte von der Station. Sein Sender zahlte dafür etwa 28 Millionen Dollar.

Mitfluggelegenheiten dieser Art wird es allerdings so schnell nicht mehr geben. Alle Plätze in den Sojusraumschiffen sind auf lange Zeit für die Crewmitglieder der ISS reserviert. Denn seit die Amerikaner ihre Shuttles ausrangiert haben, muss sich die Nasa bei den Russen einkaufen, um ins All zu kommen. Astronauten wie Reinhold Ewald finden es ohnehin nicht richtig, dass die mit Steuergeld finanzierte Raumstation ISS als Spielplatz für Weltraumabenteurer herhalten soll.

Diese Klientel ist bei Branson sicher besser aufgehoben. Sein Raumschiff "Enterprise" startet vom neuen "Spaceport America" in der Wüste New Mexicos. Es handelt sich um den ersten, rein kommerziell genutzten Weltraumbahnhof der Welt. Das Wetter ist ideal dort. In der Nähe befindet sich die Luftwaffenbasis White Sands, der gewöhnliche Flugverkehr ist starken Restriktionen unterworfen – beste Startbedingungen also für die "Enterprise" und ihre künftigen Schwesterschiffe. Branson hat gleich fünf Raumgleiter geordert, schließlich plant er mehrere Trips täglich.

Das Terminal und den Hangar hat er sich vom britischen Stararchitekten Norman Forster entwerfen lassen. Der Weltraumbahnhof wurde großzügig mit Steuergeldern subventioniert – ein Zeichen, dass die Privatisierung des Raumflugs staatlicherseits gewünscht ist. Eingeweiht wurde er vergangenen Herbst, und mit dabei waren echte Astronauten wie der Mondfahrer Buzz Aldrin und angehende Weltraumtouristen der ersten Stunde wie Sonja Rohde.

Wer schon alles einen Platz in der "Enterprise" gebucht hat, darüber hält sich Virgin Galactic bedeckt. Die Namen von ein paar Hobbyastronauten sind allerdings durchgesickert, einige haben sich selbst geoutet. Mit dabei sind der britische Astrophysiker Stephen Hawking, die US-Schauspielerin Victoria Principal ("Dallas") Regisseur Bryan Singer ("X-Men") und aus Deutschland der frühere CDU-Bundestagsabgeordnete und Autor Jürgen Todenhöfer. Knapp 500 verbindliche Buchungen gebe es schon, rund 10 aus Deutschland, sagt Christoph Berner vom Münchner Luxusreisenanbieter Designreisen, der exklusiv in Deutschland die Flüge vermarktet.

Und so läuft sie ab, die Reise an den Rand des Alls: Mit einem Trägerflugzeug namens White-Knight-Two, an dessen Rumpf die "Enterprise" angedockt ist, geht es hinauf auf etwa 16 Kilometer Höhe. Dort erfolgt der sogenannte Air-Launch, der Raketenstart in der Luft. Das Raumschiff wird ausgeklinkt und stürzt einige Sekunden lang in die Tiefe, bis es genügend Abstand zum Trägerflugzeug hat.

Hier, wie bei jedem freien Fall, erleben die Raumfahrer eine erste, kurze Phase der Schwerelosigkeit. Um unmittelbar darauf das absolute Gegenteil zu verspüren: extreme Beschleunigung. Die "Enterprise" zündet ihre Triebwerke und schießt hinauf ans Ende der Erdatmosphäre, Richtung Weltall – fast 100 Kilometer innerhalb weniger Minuten bei mehrfacher Schallgeschwindigkeit.

Oben dürfte echtes Weltraumfeeling aufkommen. Die Raketenmotoren sind ausgebrannt, das Fluggerät beschreibt eine ballistische Kurve – "wie eine in die Luft geschossene Kanonenkugel, die aufsteigt und am höchsten Punkt ihrer Bahn wieder nach unten fällt", erklärt Astronaut und Physiker Reinhold Ewald. In dieser Phase ist man mehrere Minuten lang schwerelos. Wer will, löst den Gurt und schwebt herum wie ein Astronaut. Spürt, wie bereits ein kleiner Fingertipp an die Kabinenwand genügt, um meterweit durch den Raum zu fliegen.

Phase drei, der Wiedereintritt in die Erdatmosphäre, ist auch für die "Enterprise" nicht ganz ohne, jedoch weit weniger dramatisch als bei einer Raumkapsel oder einem Space Shuttle, die mit einer Geschwindigkeit von 27 000 Stundenkilometern aus ihrer Umlaufbahn in die Atmosphäre einschießen. Um den Fall abzubremsen und zu stabilisieren, verwandelt sich Bransons Fluggerät in eine Art Federball. Dazu klappt es seine Flügel um circa 60 Grad nach oben. In einer Spirale geht es nach unten. Später, wenn die Schallgeschwindigkeit unterschritten ist, drehen die Flügel wieder in Normalposition. Etwa zweieinhalb Stunden nach dem Start landet die "Enterprise" wie ein Segelflieger auf dem Spaceport America.

Das Wechselbad von freiem Fall und extremer Beschleunigung dürfte, schon rein körperlich gesehen, den nachhaltigsten Eindruck auf die Hobbyastronauten machen. Sonja Rohde weiß, was auf sie zukommt. Als Interessentin der ersten Stunde ist sie zugleich auch eine der Testpersonen. Virgin Galactic musste schließlich ausprobieren, wie ein Nichtastronaut den Ritt ins All übersteht. Deshalb war Rohde schon mehrmals in den USA, um zu trainieren – in einer Zentrifuge, in der man mit hoher Geschwindigkeit im Kreis herumgeschleudert wird. Vor allem aber bei sogenannten Parabelflügen in einer umgebauten Boeing über dem Golf von Mexiko. Dabei wechseln Steil- und Sturzflüge, während derer man knapp eine halbe Minute lang schwerelos ist, ab. Das ist ein Härtetest für den Magen, unter Eingeweihten nennen sich Parabelflieger deshalb auch "Kotzbomber". Sonja Rohde hat die 30 Parabeln, die sie sich am Stück zugemutet hat, gut überstanden.

Für die Passagiere von Bransons "Enterprise" dürfte es ähnlich strapaziös werden. Schauspieler und Captain-Kirk-Darsteller William Shatner hat deshalb einen Flug mit dem Raumgleiter abgelehnt. Künftige Hobbyastronauten sind also gut beraten, wenn sie sich schon vor der Reise nach New Mexico probehalber in eine Zentrifuge setzen. Ohne einen medizinischen Test kommt ohnehin keiner an Bord. Von vornherein ausgeschlossen ist allerdings niemand, wie schon das Beispiel des gelähmten Stephen Hawking zeigt. Die Checks bestanden auch starke Raucher, Frauen mit Silikonimplantaten und zuckerkranke Menschen. Unmittelbar vor dem Start findet dann ein drei- bis fünftägiges "Astronautentraining" statt.

200 000 Dollar für einen Trip – Anreise in die USA nicht inbegriffen – sind zwar kein Einstandspreis fürs Massengeschäft, aber Branson will die Kosten senken. Seine Raumgleiter könnten auch Wissenschaftler mit ihren Experimenten ins All bringen, das wäre ein weiteres Geschäftsfeld. Außerdem wird die Konkurrenz in der privaten Raumfahrt stärker. In den USA gibt es mehrere Firmen, die nach dem Ende der Shuttle-Ära im Auftrag der Nasa ins All fliegen wollen. Etwa die Firma "SpaceX" des Pay-Pal-Gründers Elon Musk, dessen Falconrakete es schon in eine Erdumlaufbahn geschafft hat. Auch für ihn wäre der Weltraumtourismus ein Zubrot. Fachleute rechnen jedenfalls damit, dass die Preise im Lauf der Zeit fallen werden.

Sonja Rohde hat es noch keine Sekunde bereut, dass sie 200 000 Dollar für ein doch relativ kurzes Vergnügen bezahlt. Es ist für sie "ein fast schon mystisches Erlebnis, wie eine Feder durch den freien Raum zu schweben." Da ist der Preis zweitrangig. "Von einem erfüllten Traum zehrt man schließlich ein ganzes Leben lang."



















ZUR PERSON: RICHARD BRANSON

In der Schule, die er ohne Abschluss verließ, scheiterte Branson an seiner Legasthenie. Heute wird das Vermögen des 61 Jahre alten Briten auf rund vier Milliarden US-Dollar geschätzt. Die Queen schlug ihn 1999 wegen seiner Erfolge als Unternehmer sogar zum Ritter.

Sir Richard Bransons beispiellose Karriere begann Anfang der 70er Jahre, als er das Plattenlabel Virgin gründete. Er nahm den Musiker Mike Oldfield unter Vertrag, dessen Platte "Tubular Bells" ihm Millionen einbrachte – der Grundstock, aus dem ein gigantischer Mischkonzern gewachsen ist – darunter mehrere Fluggesellschaften, Mobilfunkgesellschaften, ein Eisenbahnunternehmen, eine Kette mit Luxushotels, eine Reiseagentur, ein Finanzdienstleister und ein Formel-1-Rennstall. Mit "Virgin Galactic" kann man voraussichtlich ab Jahresende für 200 000 Dollar Kurztrips
ins All
unternehmen. Auch als Abenteurer machte Branson Schlagzeilen. Er holte Rekorde mit dem Heißluftballon und im Rennboot. Außerdem engagiert er sich karitativ und für die Umwelt.  

Autor: hei

Autor: Michael Heilemann