"Ich vermisse meinen Sohn so sehr"

Christoph Trost/Christoph Lemmer

Von Christoph Trost & Christoph Lemmer

Do, 07. Dezember 2017

Deutschland

Die Eltern von NSU-Opfern sprechen emotionale Schlussworte im Prozess und kritisieren die Justiz.

MÜNCHEN. Dass dies besondere Minuten werden würden im Münchner NSU-Prozess, das ist sofort zu spüren. Mucksmäuschenstill ist es im Saal, als Ayse Yozgat ans Mikrofon tritt und sich die Brille zurechtrückt. "Im Namen Allahs", beginnt sie – und kommt sofort zur Sache. Sie spricht die mutmaßliche Rechtsterroristin Beate Zschäpe auf der Anklagebank auf Türkisch an, ein Dolmetscher übersetzt. "Können Sie einschlafen, wenn Sie Ihren Kopf auf das Kissen legen?", fragt sie. "Ich kann auch nach elf Jahren nicht einschlafen. Denn ich vermisse meinen Sohn so sehr." Ihr Sohn ist Halit Yozgat, erschossen am 6. April 2006 in seinem Internetcafé in Kassel. Der junge Mann war das neunte Opfer des "Nationalsozialischen Untergrunds". Er wurde nur 21 Jahre alt.

Mehr als elf Jahre später ist die große Stunde seiner Eltern gekommen. Auf der Zielgeraden des NSU-Prozesses dürfen sie ihre Plädoyers halten und sagen, was ihnen auf der Seele liegt. Ayse und Ismail Yozgat, die schon zu Beginn des Prozesses als Zeugen ausgesagt hatten, nutzen diese Gelegenheit zu einer Anklage. "Sie waren meine letzte Hoffnung und mein Vertrauen", ruft Ayse Yozgat den Richtern zu. Aber der Prozess bleibe ohne Ergebnis. "Sie haben wie Bienen gearbeitet, aber keinen Honig produziert." Auch die Richter hätten Kinder, "und ich wünsche Ihnen so etwas nicht". Sie wünsche keiner Mutter, so etwas erleiden zu müssen wie sie selbst. Dann ist Ismail Yozgat an der Reihe. "Mein einziger, 21-jähriger Sohn starb in meinen Armen", sagt er – auch er beklagt sich über mangelnden Aufklärungswillen des Gerichts.

Der gewaltsame Tod von Halit Yozgat wirft bis heute große Fragezeichen auf. Zu diesem Zeitpunkt war auch Verfassungsschützer Andreas Temme am Tatort. Der surfte nach eigenen Angaben in einem Nebenraum im Internet, von der Tat habe er nichts bemerkt, er habe den sterbenden Halit Yozgat nicht einmal beim Hinausgehen hinter dem Tresen liegen gesehen. Temme stand zeitweise unter Mordverdacht, die Ermittlungen wurden aber eingestellt.

Damit kann, damit will sich Ismail Yozgat nicht abfinden. Er hat sich sein eigenes Urteil gebildet: "Temme hat unseren Sohn ermordet oder ließ unseren Sohn ermorden", sagt er. Immer wieder, klagt Yozgat, habe er eine Ortsbegehung verlangt, um zu zeigen, dass Temme lüge, dass dieser den Mord mitbekommen haben müsse. Vergeblich. Temme sei vom damaligen hessischen Innenminister Volker Bouffier – heute ist der CDU-Mann Ministerpräsident – gedeckt worden. Kanzlerin Angela Merkel habe versprochen, dass die Tat aufgeklärt werde, das sei bis heute nicht passiert. Ein Urteil ohne Ortsbegehung wolle er nicht anerkennen. In diesen denkwürdigen Minuten wird deutlich: Die Familie Yozgat hat ihre persönliche Hoffnung aufgegeben. "Herzlichen Glückwunsch", sagt Ayse Yozgat zu Beate Zschäpe. Früher sei diese von ihren "Uwes", Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt, versorgt worden, jetzt sorge der Staat für sie – im Gefängnis. Doch Frau Yozgat hofft vor allem etwas anderes: "Ich wünsche den Schuldigen hier, bei Allah, dass sie Menschen werden und dass sie ihre Straftaten zugeben."