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23. Juli 2012
Kriminalität in Ostdeutschland
Im Grenzbereich
Diebstähle und Einbrüche sind im Osten Ostdeutschlands eine Plage – und die Menschen fühlen sich ausgeliefert.
Vielleicht gehören die Bohrer Frank Scholze. Kann ja sein. Man weiß es noch nicht. Scholze ist Geschäftsführer des Tiefbauunternehmens Osteg in Zittau. Zittau hat 27 000 Einwohner, ist eine hübsche alte Stadt, das Firmengrundstück an der Friedensstraße liegt genau an der Neiße, der Grenze zu Polen. Scholze, ein bedächtiger Mann, Chef von 160 Tiefbauern, blickt aus dem Fenster zur Neiße rüber und erzählt eine unglaubliche Geschichte nach der anderen. Seine Erlebnisse, wahre Geschichten über Klauereien, Einbrüche, Diebstähle in der Mittagspause. Geschichten aus den vergangenen drei vier Jahren, in denen sein Arbeitsalltag absurd und unerträglich wurde.
Über Bohrer steht an diesem Tag nämlich etwas im Lokalteil der Zittauer Zeitung. Das Blatt ist voller Polizeimeldungen: Schuppen in der Chopinstraße aufgebrochen. Mountainbike und andere Sachen weg, 9650 Euro Schaden. Auf derselben Seite eine Statistik über Autodiebstähle, erstes Halbjahr 2012: 96 Autodiebstähle und 87 Versuche in Zittau, 50 Diebstähle und 48 Versuche in Bautzen, 50 Diebstähle, 28 Versuche in Görlitz, 31 und elf in Hoyerswerda. Auf derselben Seite ein kurzer Bericht: Tschechischer Autodieb bleibt trotz Geständnis in Haft. Nächste Seite: Diebstahl einer Profiliermaschine zur Blechbearbeitung in Neugersdorf, 4000 Euro Schaden. Übernächste Seite schließlich: Polizei sucht Besitzer von Bohrern und Schrauben, die bei einem 34-jährigen Polen in der Bahnhofsstraße in Zittau sichergestellt wurden, der dort auf einem gestohlenen Fahrrad unterwegs war.
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Ein paar geklaute Bohrer. Wenn es nur die wären. Neben Frank Scholze sitzt Petra Lehmann, die Prokuristin der Baufirma. Ihre Geduld ist am Ende. "Mir reicht es jetzt." Sie wird das Gelände mit rasiermesserscharfem Nato-Draht einzäunen lassen. Was soll sie auch sonst machen? Die Firma Osteg baut in Zittau und Umland, dem Dreiländereck zwischen Polen, Sachsen und Tschechien. Allein in diesem Jahr wurden 16 Osteg-Baustellen von Dieben abgeräumt. Scholze: "Im Schnitt haben wir 85 000 bis 100 000 Euro Diebstahlsschäden pro Jahr. 2012 kommen wir locker drüber." Ob Rüttelplatten oder Baulaser, Nivelliergeräte, Werkzeug oder einfach Diesel aus den Tanks der Bagger und Laster: "Alles wird geklaut", stöhnt Scholze. "Wir kriegen unsere Baustellen nicht mal mehr versichert." Und was weg ist, ist meistens weg für immer.
Am Donnerstag, 21. Juni, setzt sich abends gegen acht Uhr ein Radlader in Bewegung. Langsam wie ein Radfahrer fährt das schwere und 50 000 Euro teure Ungetüm von der Baustelle in Zittau über die Grenze nach Polen. Petra Lehmann verfolgt den Diebstahl vom Bürocomputer aus: Das Ding hat einen GPS-Sender wie alle wertvollen Baufahrzeuge der Osteg. Auf ein paar Meter genau verfolgt sie am Bildschirm auf einer Karte, wie ihr Radlader langsam durch Polen davontuckert. Sie ruft den Chef, sie ruft die örtliche Polizei, die ruft die polnischen Kollegen. Erst am Mittag des nächsten Tages, 15 Stunden später, findet man das langsame Gerät 50 Kilometer entfernt in einem Wald. Obwohl Frau Lehmann im Minutentakt durchgegeben hat, wo sich ihr Radlader gerade bewegte. Der Dieb war weg. Sie sagt: "So etwas ist doch unfassbar." "Die deutschen Polizisten mussten sich zurückziehen, die polnischen waren nicht da. So kann es doch nicht weitergehen", schimpft ihr Chef. "Hätte der Radlader kein GPS gehabt, der wäre bis in die Ukraine weitergefahren, ohne dass ihn jemand gestoppt hätte."
"So kann es nicht weitergehen", ist der Satz, den man jetzt überall an der Grenze in Sachsen, Brandenburg oder Mecklenburg-Vorpommern hört. 2004 traten Polen und Tschechien der EU bei, 2007 wurden die Grenzkontrollen abgeschafft. "Fragen Sie mal hier in der Gegend herum", sagt Prokuristin Lehmann. "Wir haben nichts gegen Polen. Aber hier sind hundert Prozent dafür, wieder Grenzkontrollen einzuführen."
Angermünde in der Uckermark, Ortsteil Kerkow, 370 Kilometer von Zittau entfernt, Brandenburger Landtechnik, Filialleiter Michael Branding, 47. Ein großes Gelände, mächtige Claas-Trecker, manche 150 000 Euro und mehr wert, stehen im Hof, Strohpressen, Pflüge, Sämaschinen. Branding, ein athletischer und freundlicher Mann, steht vor dem Eingang seines Büros, zeigt auf den Zaun auf der gegenüberliegenden Seite beim Reiterhof. "40 Rasenmäher auf einen Schlag", sagt er. Die Diebe kamen im Morgengrauen und räumten seine Verkaufsräume aus. Sie montierten Gelenkwellen aus Traktoren, stahlen Anhängerkupplungen, klauten das teure Innenleben einer Strohpresse. Branding ließ einen 40 000 Euro teuren stabilen Zaun bauen, installierte Alarmanlagen, Bewegungsmelder, ließ ein schweres Tor bauen. Nützt nichts.
Branding und sein Freund machten aus ihrer Liste eine Petition für den Brandenburger Landtag, ein Lokalredakteur aus Angermünde schrieb, im Wahlkreis von Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) würden jede Nacht Dinge im Wert von 10 000 Euro über die Grenze verschwinden. Tags darauf klingelte bei Branding das Telefon, Potsdam war erwacht. "Jahrelang haben die alles schöngeredet, kamen mit Statistiken, dass die Kriminalität insgesamt abnimmt. Aber was hier vor Ort los ist, wollte keiner sehen. Reine Menschenverdummung, diese Statistiken."
Branding sitzt in seinem Bürostuhl und überlegt. Mindestens zehn Trecker seien in der Gegend gestohlen worden. Einen habe man wiederbekommen, einen John Deere mit Knicklenker, ein Ungetüm so teuer wie ein Einfamilienhaus. Der Dieb sei damit losgefahren, eine Frau habe es gemerkt, weil es nur zwei solche Riesen-Trecker in der Gegend gebe. Die Polizei kam schnell, aber der Dieb war weg. Auch er kann eine Geschichte nach der anderen erzählen. Wenn man ihm zuhört, könnte man glauben, jemand habe in der Uckermark einen Stöpsel gezogen wie in einer Badewanne – und alles verschwindet.
In Casekow hätten Diebe einen Baum gefällt, um den Trecker vom Grundstück fahren zu können. Der Lohnunternehmer dort habe einen Einbruch "pro Woche". In Angermünde habe eine Frau ihren Modeladen aufgegeben, nachdem er zweimal komplett ausgeräumt wurde. "Hier wird fast alles geklaut", sagt Branding. Er ist ratlos, fühlt sich schutzlos, ist wütend. "Über Autos reden wir hier nicht mal mehr. "Landmaschinen, Baumaschinen, Traktoren, aber auch Rinder, Fahrräder, Buntmetall, Diesel, Kupferdachrinnen, sogar Karpfen aus Teichen." Früher hätten die Bauern zur Erntezeit ihre Maschinen nachts auf den Feldern gelassen. Heute fahren alle nach der Arbeit zurück auf den Hof und verbarrikadieren alles. "Ein Irrsinn!" Er habe nichts gegen Polen, ein Viertel seiner Kunden kämen von dort. "Aber es muss endlich etwas passieren!"
"Potsdam schickte Bereitschaftspolizisten an die Grenze. Es gibt gemeinsame Streifen mit der polnischen Polizei, es gibt gemeinsame Büros, es gibt Hubschrauber, die auf drei Kilometer Entfernung Nummernschilder erkennen können. Es gibt Polizeisondereinheiten in Brandenburg und Sachsen und Staatsanwaltschaften, die sich mit organisierten Banden befassen. Was es zu wenig gibt, sind erkennbare Erfolge.
Löbau in Ostsachsen vor ein paar Tagen, Johanniskirche, abends. Obermeister Uwe Henkel hat eingeladen. Er ist Autohändler, hat eine Skoda-Vertretung. "Zweites Sicherheitsforum Oberlausitz". Etwa hundert Leute aus Löbau und Umgebung sind gekommen. Man nimmt die Dinge in die Hand, lädt sich den sächsischen Polizeipräsidenten ein, einen Chef der Bundespolizei, zwei leitende Oberstaatsanwälte. Woher kommen die Täter? Oberstaatsanwalt Wolfgang Schwürzer aus Dresden berichtet.
Dresden ist längst Deutschlands Hauptstadt des Autodiebstahls geworden. "Wir können das Problem der osteuropäischen Bandenkriminalität nicht lösen", sagt er. "Sie sind das Hauptproblem. Sie kommen und stehlen auf Bestellung." Es seien Banden aus Litauen oder Polen. Sie suchten im Internet auf Autoseiten, dann würden Trupps losgeschickt. Nicht nur ins Grenzgebiet, obwohl das einfacher sei. Mittlerweile würden auch Autos in Portugal gestohlen. Schwürzer erzählt, wie mühselig die Aufklärung, wie viel Kleinarbeit nötig ist, um nachzuweisen, dass ein Täter schon mehrfach geklaut hat. Ende 2010 verurteilte das Landgericht Dresden den Kopf einer Baumaschinenbande zu sechs Jahren und acht Monaten, jetzt im März wurde Anklage gegen eine Bande erhoben, die sich auf Mercedes-Transporter spezialisiert hatte, im April fasste man eine polnisch-deutsche Autodiebesbande.
Autohändler Henkel ist ein schmaler, höflicher Mann mit dunklem Bart. Er ist kein Rechtsradikaler, kein Scharfmacher, kein Hysteriker. Er ist ein Mann mit Problemen, für die er nichts kann. Ihm wurden drei Autos gestohlen. Auch er sagt: "So kann es doch nicht weitergehen!" Er liest aus der Lokalzeitung vor. "Großschönauer drohen mit Selbstjustiz." Berichtet, dass Leute dort eine Bürgerwehr aufbauen möchten, leider fehlen die jungen Männer dafür. Die Lage sei brisant, warnt er. Es werde geredet und geredet, doch es komme nichts dabei heraus. Dann eröffnet er die Fragerunde für alle in der alten Kirche. Es folgt das übliche Geschimpfe: zu lasche Strafen, "Wellness"-Gefängnisse, die Politiker machen nur "Pipifax", die armen Polizisten können doch auch nichts dafür. Wie konnte man nur die Grenze so schnell öffnen? Kein Wunder bei dem Wohlstandsgefälle, wenn die Diebe aus Osteuropa kämen. Ruhig mal härter anfassen. Und so weiter. Ein Rentner berichtet, wie sein Wohnwagen kürzlich in Ebersbach gestohlen wurde.
Dann steht ein junger Mann auf. Er habe einen Laden, sagt er. Ein Kunde von ihm wurde zusammengeschlagen, dann das Auto geraubt. "Ich will eine Waffe haben", sagt er. "Ich will Gesetze wie in Amerika und mein Eigentum verteidigen dürfen." Das ist der Moment. So weit sind einige schon. "Um Gottes willen", sagt Oberstaatsanwalt Martin Uebele aus Görlitz. In den USA gibt es mehr Schusswaffen als Einwohner und 16 000 Tote jedes Jahr. So etwas will ich auf keinen Fall." Polizeipräsident Bernd Merbitz eilt ans Mikrofon: "Macht das nicht. Wir sind hier doch lange nicht Mexiko oder Brasilien."
Nach fast drei Stunden ist Schluss. Man ist so klug wie vorher. Es gibt kein Ergebnis, nur mulmige Gefühle. "Wenn uns die Gesetze nicht helfen", fragt Autohändler Henkel, "wenn uns die Behörden nicht helfen – was ist denn dann?"
Erklär's mir: Warum mögen Diebe Staatsgrenzen?
Die Grenzen zwischen den Staaten in Europa sind zwar auf Landkarten eingezeichnet. Aber in freier Natur kann man Grenzen heutzutage kaum erkennen, nur noch an den großen Straßen, wo früher Schranken und Kontrollstellen waren. Ganz selten gibt es an den Grenzen mal einen Zaun oder ein Hinweisschild. Für die meisten Europäer ist das angenehm, denn es gibt ihnen mehr Freiheit, von einem Land ins andere zu reisen oder zu wandern. Aber auch Diebe und Kriminelle nutzen das aus: Sie verschwinden mit ihrer Beute gerne schnell über die nächste Grenze. Denn sie wissen, dass die Polizei des einen Landes sie nicht einfach in das andere Land verfolgen darf. Normalerweise muss sie erst den Polizeikollegen des anderen Nachbarlandes Bescheid sagen und sie um Amtshilfe bitten. Dabei kann wertvolle Zeit verloren gehen, und das nützt dem Dieb bei der Flucht. Deshalb versucht die Polizei international besser zusammenzuarbeiten.
Autor: hup
Autor: Bernhard Honnigfort





