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27. Juli 2011

Immer mehr Depressionen

Nach einer Studie ist die Zahl der psychischen Erkrankungen seit 2000 um 117 Prozent gestiegen.

BERLIN. Depressionen entwickeln sich immer mehr zu einer Volkskrankheit. Diesen Schluss zieht die Barmer-GEK-Krankenkasse aus ihrem neuen Klinikreport, den der Vizechef der Barmer, Rolf-Ulrich Schlenker, am Mittwoch in Berlin vorstellte. Der Bericht stellt fest, dass die Zahl der Patienten, die wegen Depressionen und anderer affektiver Störungen im Krankenhaus behandelt werden, seit dem Jahr 2000 um 117 Prozent gestiegen ist.

Der Anstieg der Behandlungstage wäre noch deutlicher ausgefallen, wenn nicht zugleich die Verweildauer je Fall von durchschnittlich knapp 45 Tage im Jahr 1990 auf 31 Tage im Jahr 2010 zurückgegangen wäre: "Es ist beachtlich, in welchem Umfang sich deutsche Krankenhäuser um die Versorgung psychisch kranker Menschen kümmern. Dennoch muss man fragen, ob jeder Fall ins Krankenhaus gehört", sagte Schlenker. Er sprach sich dafür aus, die ambulante Betreuung am Wohnort der Kranken zu verbessern. Die bestehenden Angebote an Psychotherapie müssten besser ausgelastet werden, um Betroffenen schneller Hilfe geben zu können.

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Nach Angaben der Barmer können bis zum ersten Gespräch mit einem Psychotherapeuten bis zu drei Monate vergehen. Weitere drei Monate Wartezeit ergeben sich bis zum Beginn der Therapie. Um dies zu ändern, trat Schlenker dafür ein, mehr Gruppentherapien und kürzere Behandlungsverfahren zu schaffen. "Es müssen nicht immer 80 Stunden Psychotherapie verschrieben werden." Die Stärkung der ambulanten Angebote sei nötig, um zu vermeiden, dass viele Patienten rasch wieder wegen desselben Leidens in eine Klinik eingewiesen würden.

Ein Klinikaufenthalt ist nicht immer sinnvoll

Derzeit werden 30 Prozent der Menschen, die wegen einer psychischen Krankheit stationär versorgt werden, innerhalb der ersten zwei Jahre nach der Entlassung abermals wegen dieser Krankheit in eine Klinik aufgenommen. Bei einem Drittel dieser Personengruppe geschieht die Wiedereinweisung schon in den ersten 30 Tagen, nachdem sie das Krankenhaus verlassen hatten. "Die hohe Wiederaufnahmequote zeigt auch, dass bei Depressionen die zentralen Behandlungsziele wie das Nachlassen der Symptome sowie die Vorbeugung von Rückfällen vielfach nicht erreicht werden", betonte die Autorin des Reports, Eva-Maria Bitzer vom Institut für Sozialmedizin in Hannover. Dass ein Klinikaufenthalt nicht in jedem Fall sinnvoll ist, meint auch Ulrich Hegerl von der Stiftung Deutsche Depressionshilfe. Reine Angststörungen könnten meist besser ambulant therapiert werden. Wer sich vor Alltagsaufgaben wie Einkaufen oder Straßenbahnfahrten fürchte, ziehe keinen Nutzen daraus, in einem behüteten stationären Umfeld behandelt zu werden.

Schwere Depressionen hingegen sollten so schnell wie möglich in einem Krankenhaus behandelt werden, meint der Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Universität Leipzig. Das gelte insbesondere auch für wahnhafte Depressionen oder manisch-depressive Leiden. Geboten ist aus Hegerls Sicht ein Klinikaufenthalt auch dann, wenn vorherige Therapieversuche erfolglos geblieben waren oder schwere körperliche Begleiterkrankungen mit der Depression einhergehen.

Autor: Bernhard Walker