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18. Dezember 2009

Kampf um die Kasse

Martin Lettenmeier vermittelt Schüler als Einpackhelfer. Sie bekommen kein Gehalt, sondern nur Trinkgeld – der Unternehmer steht am Internet-Pranger

  1. Einkaufen in Deutschland: An der Kasse endet der Service Foto: DDP/KOLB

  2. Immer recht freundlich: Firmengründer Lettermeier (links) mit Einpackern Foto: matthias kolb

Der angebliche Ausbeuter fährt eine Familienkutsche und ist hilfsbereit. Martin Lettenmeier holt den Besucher in seinem Minivan am Bahnhof in Ingolstadt ab und redet los. Lettenmeier redet viel in diesen Tagen. Er muss sich rechtfertigen. Und er will charmieren und überzeugen. Damit beginnt er auf dem Weg ins Einkaufszentrum am Westpark. Der 47-Jährige kämpft um seinen Ruf, doch die Gegner sind zahlreich und schwer zu fassen: Sie sitzen vor allem in Internet-Foren und in Redaktionen im ganzen Land, die ihm "menschenunwürdige Ausbeutung" vorwerfen – wegen einer Idee, die er "genial" nennt.

Diese Idee sieht so aus: Lettenmeier vermittelt Einpackhelfer an Supermärkte. Sie warten, bis die Kassiererinnen die Produkte eingescannt haben und packen sie in Tüten. Das Prinzip ist in den USA gang und gäbe, insofern kopiert Lettenmeiers Firma "Friendly Service" nur. Das Besondere: Lettenmeiers Einpacker, allesamt Schüler und Studenten, sind lauter kleine Ich-AGs, sie bekommen kein Gehalt für ihre Arbeit, sondern nur das Trinkgeld der Kunden. Die Einpacker haben einen Vertrag mit Friendly Service, dieser erhält von den Supermärkten eine Gebühr – zwischen drei und fünf Euro pro Stunde und Tütenpacker. 40 Märkte nahmen im Herbst den Service in Anspruch, vor allem in Bayern, aber auch in Berlin und Hamburg. "Alle waren zufrieden", beteuert Lettenmeier: "Die Kunden, die Marktleiter und auch die Einpacker".

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Schwungvoll parkt Lettenmeier vor der Shopping-Mall am Westpark ein, wo er im Edeka-Center sein Modell präsentieren will. Doch zuvor geht es vorbei an H & M, Imbissbuden und Friseursalons in ein Café im ersten Stock, denn Lettenmeier will genau erklären – und nicht noch mal einen Fehler machen. Denn im November hatte ihn schon einmal ein Journalist befragt. Kurz und am Telefon. Der kam vom Wirtschaftsmagazin Impulse. Der Artikel hatte die Überschrift "Die Geburt der Null-Euro-Jobber". Dass die Einpacker mit Trinkgeld zwischen sieben und 15 Euro pro Stunde verdienten, blieb unerwähnt. Der Beitrag fand Nachfolger und mit jedem wuchs die Empörung. Zumal dann noch aus dem Regelhandbuch für die Mitarbeiter zitiert wurde. Darin steht, dass die Schichten nach einer Rangliste verteilt werden, wer viel Trinkgeld bekommt, steigt auf. Wer unentschuldigt fehlt, dem wird gekündigt.

Die Geschichte schien gut in die deutsche Realität 2009 zu passen. Man hält vieles für möglich, in einem Jahr voller Horrornachrichten aus der Arbeitswelt, nach all den Meldungen von Kündigungen nach verzehrten Frikadellen und Maultaschen sowie Handys, die im Büro aufgeladen wurden. Christoph Schmitz, der Sprecher der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi, nennt das Geschäftsmodell "frühkapitalistisch und inakzeptabel". Lettenmeier der Buhmann.

Der studierte Theologe sieht sich hingegen als Pionier, der junge Leute auf den Arbeitsmarkt vorbereitet. Er lässt kein gutes Haar an den Journalisten, deren Berichte und Anschuldigungen ihn "verletzt" hätten. "Gerade in den Internet-Medien wird nur abgeschrieben", klagt Lettenmeier, der in Foren als "Kapitalistenschwein" beschimpft wird.

Lettenmeier, ein schlaksiger Mann in Jeans zum schwarzen Hemd und Sakko, hat zeitweise selbst als Journalist gearbeitet und wechselte dann in die Werbebranche. Obwohl der Vater dreier Kinder die Branche also kennt, hatte er doch keine Chance: Kaum ein Redakteur habe es für nötig erachtet, mit den Schülern zu sprechen oder nachgefragt, klagt er. Alle hätten ihre Geschichte schon im Kopf gehabt. Die Story über einen Geschäftsmann, der Schüler ausbeutet.

Fast trotzig sagt Lettenmeier: "Ich habe meine Kommunikationsstrategie geändert. Es dauert eineinhalb Stunden, um das Modell zu erklären, aber so viel Zeit hat kaum jemand." Langsam kämpfe er sich aus dem Graben hoch, erzählt er – doch womöglich ist es schon zu spät. 21 Märkte haben die Verträge mit Friendly Service gekündigt. Viele denken wie Cord Wöhlke, der Geschäftsführer der Drogeriekette Budni: Man müsse "negative Presse" vermeiden.

Lettenmeier hatte ja auch genug Angriffsfläche geliefert: Der Lebensmittel-Zeitung hatte er im Sommer von seinem "ziemlich kapitalistischen Modell" vorgeschwärmt, das ihm 2008 einen Umsatz von 150 000 Euro eingebracht hatte. Das meiste habe er in eine Datenbank investiert, um die Einpacker besser einsetzen zu können. Ihm selbst blieben 800 Euro monatlich. Ohne Zweifel glaubt er an sein System – und vergleicht die Tütenpacker in der Fachzeitung schon mal mit frei improvisierenden Schauspielern, die ihre Rolle frei spielen. "Der Kassenbereich ist ihre Bühne, Kunden und Kassiererinnen die Mitspieler." Und der Applaus, das ist das Trinkgeld.

Im Erdgeschoss des Einkaufszentrums beginnen wie jeden Freitag um 15 Uhr drei Schüler in leuchtend gelben T-Shirts ihre Schicht. Sie wundern sich über die Berichte: "Ich fühle mich nicht ausgebeutet", sagt die 19-jährige Anita. Sie verdiene mindestens zehn Euro pro Stunde, so viel habe sie als Babysitterin nie bekommen. Flink faltet sie die Papiertüte auseinander und stapelt Lebensmittel hinein: Schweres nach unten, Leichtes oben drauf. Dann hebt sie die Tüte in den Einkaufswagen und sagt laut: "Bitte schön". Die Kundin nickt und steckt eine Münze in das gelbe Kästchen. Anita bedankt sich und bietet einem älteren Mann ihre Hilfe an. Der lehnt ab, aber gibt trotzdem ein Trinkgeld. Anita freut sich und versichert: "Wir sind nett zu allen."

"Meist sind die Kunden freundlich und die Zeit vergeht schnell", berichtet Franziska, die als Teamleiterin überprüft, ob alle pünktlich zur Schicht komme. Außerdem notiert sie die Einnahmen, denn keiner darf so viel verdienen, dass er versicherungspflichtig wird. Gearbeitet wird nur freitags und samstags, so bleibe genug Zeit zum Lernen, versichert die 20-Jährige. "Keiner ist auf das Geld angewiesen", sagt sie. Die meisten sparen für Urlaub oder finanzieren wie Johannes damit ihr Auto. Der 19-Jährige ist mit dem Job "total zufrieden". Bevor Anita Konserven in einer doppelt gepackte Tüte steckt, sagt sie: "Ich wäre traurig, wenn wir nicht weitermachen dürften."

Modell sollte Jugendliche an
den Arbeitsmarkt heranführen

Doch genau das könnte passieren: Edeka Südbayern überprüft "das bestehende Geschäftsverhältnis aufgrund der aktuellen Berichterstattung". Bis dahin kämpft Lettenmeier weiter, mit der Zähigkeit eines Halbmarathon-Läufers und mit dem Willen des Überzeugungstäters, der an seine Idee glaubt.

Die kam ihm im Zug: Rot-Grün hatte gerade Hartz IV eingeführt und so überlegte er, wie man jungen Arbeitslosen Schlüsselqualifikationen vermitteln könnte – Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit und Freundlichkeit. Also schrieb er ein Konzept für die Diakonie, das in Ingolstadt mit Edeka umgesetzt wurde. Eines Nachts sei ihm eingefallen, dass das Modell noch besser mit "den Besten der Besten" klappen würde, mit Gymnasiasten und Studenten. Anfangs arbeitete Friendly Service auf 400-Euro-Minijobber-Basis: Die Trinkgelder und die Vermittlungsgebühren landeten in einem Topf, aus dem die Gehälter bezahlt wurden. Der Änderungswunsch kam von den Einpackern: "Die Kids wollten Gerechtigkeit." Das hieß für sie: Wer sich mehr anstrengt, freundlicher ist und mehr Trinkgeld bekommt, der soll dies auch behalten dürfen. So entwickelte er im Sommer 2008 das jetzige Modell. Jeder behält sein Trinkgeld, aber keiner darf mehr als 340 Euro monatlich verdienen. So können sie über die Eltern verschert bleiben. Rechtlich sei das sauber, sagt Lettenmeier: "Drei Gutachten haben das Modell bestätigt, sogar der Zoll hatte keine Bedenken."

Es habe ihn anfangs "geschockt", wie Kapitalismus in dieser Mini-Welt wirke, sagt Theologe Lettenmeier. "Bei vielen Schülern macht es irgendwann klick, weil sie merken, dass das Trinkgeld ihnen gehört. Dann geben sie 50 Prozent mehr." Dieses Leistungsprinzip stört Anita, Franziska und Johannes jedoch überhaupt nicht.

Im Gegensatz zu Verdi-Sprecher Schmitz. Dem stößt auf, dass Lettenmeier fest vereinbarte Summen für die vermittelten Einpacker kassiere, während deren Einkommen vom Glück abhängig sei. "Warum zahlt Herr Lettenmeier keinen Stundenlohn und legt das Trinkgeld drauf? Bei Friseuren und Kellnern ist das auch so." Schmitz klagt über fehlende Transparenz: Die Kunden wüssten nicht, dass die jungen Leute vom Trinkgeld abhängig seien – und wenn sie es wüssten, wachse der Druck, etwas zu geben. "Da kann man schon von Nötigung sprechen", findet der Gewerkschafter. Lettenmeier wende sich gezielt an junge Leute, die über ihre Eltern mitversichert seien. "Der Graubereich ist groß, aber es liegt an den Sozialversicherungsträgern das Modell rechtlich zu prüfen."

Martin Lettenmeier hält den Verdi-Vorschlag, den Tütenpackern einen Stundenlohn zu zahlen, prinzipiell für machbar – allerdings würde es das Gehaltsgefüge "extrem stören", wenn die Einpacker mehr als die Kassierer verdienen würde. Deswegen würde kaum ein Markt darauf eingehen. Falls Edeka kündige, habe er keinen Plan B in der Tasche, sagt der 47-Jährige an der Rolltreppe im Einkaufszentrum. Allenfalls eine Idee: Er möchte ein Buch über seine Erfahrungen schreiben – und warum es so schwer sei, in Deutschland etwas Neues einzuführen.

Autor: Matthias Kolb