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30. Dezember 2010 00:01 Uhr
Interview
Kleiner Babyboom in Deutschland
In Deutschland werden wieder mehr Kinder geboren. Nach vorläufigen Zahlen des Statistischen Bundesamtes in Wiesbaden kamen zwischen Januar und September 2010 rund 509 500 Kinder zur Welt.
Im Vergleich zum Vorjahreszeitraum ist das ein Plus von 3,6 Prozent. Ein Interview zum Thema mit Margret Karsch vom Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung.
BZ: Frau Karsch, ein Anstieg der Geburten um 20 000 gegenüber dem Vorjahr – überrascht Sie das?
Karsch: Ja. Dieser Anstieg überrascht deshalb, weil ja eigentlich die Zahl der Mütter im gebärfähigen Alter, also im Alter von 15 bis 44 Jahren, seit langem zurückgeht – wenn auch mit gewissen Schwankungen.
BZ: Hängt er möglicherweise mit dem Elterngeld zusammen?
Karsch: Das könnte sein, der Anstieg ist ja nur gering, aber als einzige Erklärung reicht das sicher nicht aus. Eine andere ist folgende: Das Erstgeburtsalter ist in den letzten Jahren stark angestiegen. Möglicherweise ist dieser Trend zum Erliegen gekommen und Frauen bekommen wieder früher Kinder. Ob das Elterngeld die Geburtenrate überhaupt beeinflusst, ist umstritten.
BZ: Welche Faktoren beeinflussen die Geburtenrate am meisten?
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BZ: Handelt es sich um eine Trendwende?
Karsch: Es ist keine Trendwende. Die Geburtenzahl ist im Verhältnis zur Anzahl potenzieller Mütter schon in den vergangenen Jahren gestiegen.
BZ: Wie erklären Sie sich die nach wie vor niedrige Geburtenrate in Deutschland im Vergleich zu anderen europäischen Ländern wie Schweden oder Frankreich?
Karsch: Der Kinderwunsch ist dort gesellschaftlich tiefer verankert. Es kommt auch darauf an, wie familienfreundlich eine Gesellschaft ist. Frankreich und Schweden haben da eine ganz andere Tradition. Schweden zum Beispiel bietet sogar für unter Dreijährige eine flächendeckende Betreuung an, in Frankreich ist das Betreuungsnetz ebenfalls stärker ausgebaut. Das ist zwar nicht alles umsonst, aber das Angebot ist auf jeden Fall besser als in Deutschland. Die Frauen sind häufiger erwerbstätig, und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist in diesen Ländern leichter.
BZ: In Baden-Württemberg gab es dieses Jahr so wenig Geburten wie noch nie. In den neuen Bundesländern dagegen steigt die Geburtenrate. Warum bekommen die Ostdeutschen mehr Kinder?
Karsch: Das hat unter anderem mit der Selbstverständlichkeit zu tun, Familie, Kinderkriegen und Beruf unter einen Hut zu bekommen. Für ostdeutsche Frauen – und Männer – ist dies schon länger Normalität.
für Bevölkerung und Entwicklung ist ein unabhängiges Forschungsinstitut. Es bereitet wissenschaftliche Erkenntnisse auf und erarbeitet Konzepte zur Lösung demografischer Probleme.
Autor: Jakob Kienzle


