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08. September 2010 00:01 Uhr

Atomkompromiss

Längere AKW-Laufzeiten, mehr Atommüll

Über eine Folge des schwarz-gelben Energiekonzepts sind sich alle einig: Die längeren Laufzeiten führen zu rund 4400 Tonnen zusätzlichem Atommüll. Wohin damit?

  1. Brennelement im Atomkraftwerk in Grundremmingen Foto: dpa

Am Tag nach dem Atom-Kompromiss der Bundesregierung war Angela Merkel um Beruhigung bemüht. Es stimme nicht, dass wegen der verlängerten Laufzeiten für die Atomkraftwerke Milliardenverluste auf die Stadtwerke zukämen, sagte die Kanzlerin am Rande eines Besuches in Lettland. Vielmehr werde es eine "faire Lastenverteilung" unter den Energieversorgern geben.

Ob das eintrifft, bestreiten Skeptiker. Über eine Folge des schwarz-gelben Energiekonzepts sind sich indes alle einig: Die längeren Laufzeiten führen zu rund 4400 Tonnen zusätzlichem Atommüll. Damit wird die Frage der Endlagerung drängender denn je. Denn den strahlenden Abfall einfach auf dem Gelände der verschiedenen Meiler sowie in Ahaus und Gorleben in Castor-Behältern zwischenzulagern, ist keine Dauerlösung.

Norbert Röttgen fährt fast aus der Haut, wenn er auf das Verhalten von SPD und Grünen in der Endlagerfrage angesprochen wird. Der Umweltminister empfindet es als Skandal, dass sich die damalige rot-grüne Regierung jahrelang einer Endlagersuche verweigert habe. Mit dem Atomausstieg hatte sie im Jahr 2000 auch ein Moratorium für die Erkundung des Salzstocks Gorleben erlassen. Röttgen hatte dies im März aufgehoben. Vom 1. Oktober soll die Eignung als erstes atomares Endlager wieder geprüft werden.

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SPD-Chef Sigmar Gabriel, ein Niedersachse, hält die Entscheidung des Ministers für falsch. "Röttgen lässt zu, dass Gorleben auf der Grundlage jahrzehntealter Konzepte zusammengebastelt wird, nur um den Bayern und Baden-Württembergern die Standorterkundung zu ersparen", sagt er. "Die Gewinne im Süden, den Atommüll nach Norden – das ist das energiepolitische Konzept von CDU und CSU." Laut Atomgesetz muss der Bund bis 2030 für ein Atom-Endlager sorgen.

Es ist Konsens, Endlager in tiefen geologischen Schichten zu errichten. Deutschland setzt wie bei Gorleben auf Salz, andere Länder auf Ton. Weltweit gibt es bisher nur in Finnland einen konkreten Endlagerbeschluss. Es wird am Bottnischen Meerbusen gebaut.

Streitpunkt in Deutschland ist letztlich stets, ob die Politik sich in den 80er Jahren zu einseitig auf Gorleben festgelegt hat und eine alternative Standortsuche vernachlässigt wurde. Diese Frage versucht derzeit ein Untersuchungsausschuss des Bundestags zu klären. Mehrere Geologen bestreiten die Eignung Gorlebens. So habe es Wassereinbrüche beim Ausbau des Erkundungsbergwerks gegeben. Das Debakel um das nach Wassereinbrüchen vom Einsturz bedrohte Lager Asse für schwach- und mittelradioaktiven Atommüll erhöht in der Bevölkerung nicht das Vertrauen in solche Lager.

Umweltschützer halten Gorleben als Lagerstätte für ungeeignet

Der Wissenschaftler Detlev Möller kommt in seiner Dissertation "Endlagerung radioaktiver Fälle in der Bundesrepublik Deutschland" zu dem Schluss: Es war die Politik vor 50 Jahren, die der zögernden deutschen Atomwirtschaft signalisierte, dass die Endlagerfrage dem wirtschaftlichen Durchbruch der Atomenergie nicht im Wege stehen werde. Schon 1956 wurde im Bundesministerium für Atom bei den Bürgern eine zunehmende "Atompsychose" registriert. Die Verantwortlichen für das Thema Endlagerung hätten auf "Heimlichkeit, den stillschweigenden Schulterschluss mit Amtsträgern und Überrumpelung" gesetzt.

Umweltschützer kritisieren neben der aus ihrer Sicht fragwürdigen Eignung Gorlebens, dass die Konzerne zwar 27,5 Milliarden Euro für die Entsorgung des Mülls zurückgelegt haben, diese Rücklagen aber nicht besteuert werden. Dadurch würden dem Staat Steuern von 175 bis 800 Millionen Euro pro Jahr entgehen, sagt Greenpeace.

Die Atomwirtschaft hat ein Interesse daran, dass Gorleben zum Endlager wird. Bisher habe man 1,5 Milliarden Euro in die Erkundung gesteckt, sagt der Präsident des Atomforums und Eon-Manager Ralf Güldner.

Autor: Georg Ismar/dpa