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07. Februar 2012
Saarland
Luisenthal: „Rabenschwarzer Tag für das Land“
Vor 50 Jahren starben im Saarland 299 Bergleute durch eine Schlagwetterexplosion – das größte Grubenunglück der Region.
Es ist der Tag vor Heiligabend 2011. Das Weihnachtsfest pflegen die Freiburger, wie wir im Familienkreis genannt werden, üblicherweise in Papas geliebter Heimat zu verbringen. Weil es bequemer ist und wir nicht von winterlichen Wetterkapriolen überrascht werden wollen, fahren wir diesmal mit dem Zug. Im Saarbrücker Hauptbahnhof steigen wir um in die Regionalbahn Richtung Saarlouis. Unterwegs dann bald die Stationsansage: Luisenthal. Da macht sich beim einzigen veritablen Saarländer unter den drei reisenden Südbadenern wieder dieses seltsame Gefühl bemerkbar: Fast wie auf Knopfdruck wird man nachdenklich, traurig, ja bekommt geradezu einen Kloß in den Hals. Luisenthal: Dieser Name verbindet sich mit einer Katastrophe. Denn hier ereignete sich am 7. Februar 1962, heute vor 50 Jahren, das schlimmste Unglück in der Geschichte des saarländischen Bergbaus. 299 Kumpel kamen ums Leben. Der Tod mit seiner hässlichsten Fratze hatte von dem kleinen Land und dessen Menschen brutal Besitz ergriffen.
Wer dieses triste, so graue wie grausige Freiluftfoto jemals gesehen hat, vergisst es nicht: Särge, Särge und nochmals Särge, 287 an der Zahl in neun Reihen. In einem Blumenmeer. Zwölf Opfer waren damals noch nicht geborgen. Zwischen 16 und 59 Jahre waren die Männer alt, als sie unter Tage starben. 222 Frauen verloren ihren Mann, 354 Kinder ihren Vater. In unserem kleinen Ort sah Werner, ein Junge, der kurz vorm Eintritt in die Grundschule stand, seinen Papa nie mehr. Das grenznahe Land, in dem die Schlote der Montanindustrie, des Hauptwirtschaftszweigs, seinerzeit noch sehr ausdauernd qualmten, wurde durch die Katastrophe im Steinkohlebergwerk Luisenthal traumatisiert. Zum Teil bis heute. Das Unglück fand einst sogar Eingang in unser Lesebuch an der Grundschule. Das Geschehene prägte fortan die Identität des Saarlandes mit und sollte in der Erinnerung keineswegs verblassen. Zur Mahnung.
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Was war passiert bei diesem drittschwersten Grubenunglück in der deutschen Geschichte? Dieser 7. Februar 1962 war ein nasskalter Tag. 664 Bergleute machten sich am Morgen um 6 Uhr auf den Weg in die Tiefe der Erde, in Luisenthal, diesem Stadtteil von Völklingen, an der Industrieschiene entlang der Saar zwischen Saarbrücken und Dillingen gelegen. Abgebaut wurde hier Flammkohle, die einen hohen Anteil an flüchtigen Bestandteilen aufweist. Sie wird für die Energie- und Kokserzeugung genutzt. Im Umfeld dieser Kohle entsteht Gas. Dieses Methangas ist heimtückisch und hoch explosiv – und gerade am Standort Luisenthal des Saarreviers gab es besonders viel von diesem brisanten Stoff. Am Abend des 6. Februar war in der Grube zudem die Gas-Absauganlage ausgefallen. Doch schon bald kam die Entwarnung. Offenbar allerdings viel zu früh.
Am nächsten Morgen gegen 7.50 Uhr: ein dumpfer Knall. In einer Tiefe von 450 bis 600 Metern hatte es eine Schlagwetterexplosion ungeahnten Ausmaßes gegeben (Wetter bedeutet in der Bergmannssprache die Luft in einem Bergwerk). Und Methan ist dann besonders gefährlich, wenn es in der Luft mit einem Anteil von fünf bis fünfzehn Prozent enthalten ist. Da genügt ein einziger Funke, um es explodieren zu lassen. Das Unglück, eine Serie von durchs Methan ausgelösten Kohlenstaubexplosionen, ereignete sich im Alsbachfeld. Der Schlosser Horst Lui etwa, damals 29, träumt noch heute vom knapp überlebten Inferno unter Tage, von Toten mit abgerissenen Armen, Beinen und Köpfen. Ein Kollege lag an seinem 18. Geburtstag allein im Krankenhaus: Seine Eltern waren derweil auf dem Friedhof, wo sein 16-jähriger Bruder, das jüngste Opfer des Unglücks, beerdigt wurde.
Augen- und Ohrenzeugen haben die Geschehnisse von damals noch präsent: das Sirenengeheul, das Knattern der Hubschrauber, die heranbrausenden Krankenwagen, später die Leichenwagen. Nach 24 Stunden gab es erste Namenslisten. Die endgültige Zahl der Opfer stand Ende Februar fest. Weit übers Saarland hinaus war die Trauer groß. Beileidstelegramme aus aller Welt trafen ein, darunter von US-Präsident J. F. Kennedy und Papst Johannes XXIII. Bundespräsident Heinrich Lübke erschien zur Trauerfeier, Ministerpräsident Franz-Josef Röder sprach von einem "rabenschwarzen Tag für den saarländischen Bergbau und die Bevölkerung".
War die Katastrophe vermeidbar? Wo kam der Funke her, der die Schlagwetterexplosion ausgelöst hatte? Der Landtag setzte einen Untersuchungsausschuss ein, 13 Aufsichtspersonen wurde wegen "Fahrlässigkeit" der Prozess gemacht. Doch verurteilt wurde letztlich niemand. "Die Ursache ließ sich nie eindeutig festlegen", sagt lapidar Annette Weinmann, die Sprecherin der RAG Deutsche Steinkohle in Saarbrücken, jetzt auf BZ-Nachfrage. Konfrontiert mit der Hypothese, dass unter Tage geraucht worden sein könnte (in der Jacke eines Opfers fand man immerhin Zigaretten), sagt sie kurz und knapp: "Das ist ein Gerücht." Zuvor war einem in der telefonischen Warteschleife die Zeit mit dem populären Steigerlied verkürzt worden.
der Betrieb erst 2006.
Denn ohne Kohle kein Stahl. Bereits vorher hatte es diverse Probleme (und Tote!) in Luisenthal gegeben: So setzte man 1914 nach einem Grubenbrand kurzerhand das gesamte Bergwerk unter Wasser. Selbst nach dem furchtbaren Crash von 1962 war noch längst nicht Schluss mit der Kohlegewinnung. In den 1990er Jahren wurde Luisenthal mit der Grube Warndt zum "Bergwerk Warndt/Luisenthal" zusammengelegt. Endgültig eingestellt hat man den Betrieb erst 2006. Insgesamt 58 Millionen Tonnen Steinkohle waren bis dahin gefördert worden. Ein derart verheerendes Unglück wie in Luisenthal hat es seither im deutschen Bergbau nicht mehr gegeben.
"Wie edel ist das Bergmannsleben / Und wie vergnügt ist unser Stand" – so hieß es 1896 in der Volksliedersammlung "Von der Mosel und Saar". Diese Zeit ist längst vorbei. Die Strukturveränderungen waren einschneidend. Just am 30. Juni 2012, im Luisenthaler Gedenkjahr, läuft der Bergbau an der Saar nach 250 Jahren endgültig aus. Die Fördertürme am Unglücksort stehen noch. Wer auf der Bahnstrecke Richtung Trier oder auf der linken Saarseite auf der Autobahn flussabwärts unterwegs ist, sieht sie. Vielleicht sollte man gerade diese Türme belassen. Zur Erinnerung.
In der Orannakapelle, diesem beliebten Wallfahrtsort bei Berus an der französischen Grenze, gibt es ein großes Ölgemälde des seit 1931 in Saarbrücken ansässigen Malers Fritz Zolnhofer, diesem Künstler der Arbeiterlandschaft Saar, der sich intensiv mit der Welt der Bergarbeiter beschäftigte. Dieses Beruser Triptychon ist dem Andenken der Opfer von Luisenthal gewidmet. In Luisenthal erinnert eine Statue der heiligen Barbara an das Unglück. Heute vor 50 Jahren hatte die Patronin der Bergleute vermutlich keinen besonders guten Tag.
– Unser Autor ist Saarländer des Jahrgangs 1956 und lebte dort bis 1976.
Autor: Johannes Adam
