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09. Februar 2010

Mehr dafür, weniger dagegen

Der Zentralrat der Juden steht mit Charlotte Knoblochs Abschied vor einem Generationswechsel und einem Kurswechsel in der politischen Auseinandersetzung.

  1. Zentralrats-Präsidentin Charlotte Knobloch und Noch-Vize Dieter Graumann Foto: ddp

Die gesamte Generation der Opfer vergießt ein Leben lang Tränen und kann sich nicht dagegen wehren. Dies hat Charlotte Knobloch einmal von sich gesagt, bei der zentralen Gedenkfeier am 9. November vor zwei Jahren. Sie sprach von ihren Erinnerungen an die Pogromnacht, die sie als Sechsjährige an der Hand des Vaters in München erlebte. Von den brennenden Synagogen, den Menschen, die zuschauten, teilnahmslos. Die Zukunft hatte 1938 aufgehört zu existieren.

In den darauf folgenden sechseinhalb Jahren wurden sechs Millionen Juden ermordet. Nach dem Ende des Dritten Reiches war das jüdische Leben in Deutschland nahezu ausgelöscht – die Zukunft hatte tatsächlich aufgehört zu existieren. Charlotte Knobloch aber blieb trotzdem in ihrer Heimat und musste sich nicht selten vor ihren Glaubensbrüdern und -schwestern dafür rechtfertigen, dass sie noch immer an eine Zukunft jüdischen Lebens in Deutschland glaubte. Nur wenige konnten verstehen, wie jemand das Land der Täter weiter als Heimat bezeichnen konnte. Charlotte Knobloch arbeitete dennoch weiter an dieser Zukunft.

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Wie jüdisches Leben dort nun heute glücklicherweise wieder aussieht, das konnte man genau bei jener zentralen Gedenkfeier vor zwei Jahren sehen: Sie fand statt in der einstmals größten und nun restaurierten Synagoge des Landes am Prenzlauer Berg. Das Gotteshaus war übervoll – die Politprominenz füllte die ersten Reihen, aber bis in den Vorraum standen die Gemeindemitglieder, darunter viele junge Familien.

Wer Knoblochs Geschichte kennt, der muss nicht überlegen, warum es für sie so wichtig ist, den Opfern eine Stimme zu geben. In den vergangenen Wochen – und hinter den Kulissen schon seit längerer Zeit – nahmen viele der Präsidentin des Zentralrates gerade dieses aber übel. Immer wieder wurde sie mit der Forderung konfrontiert, man solle sich nicht allein über die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit und über den Widerstand gegen den Rechtsextremismus definieren.

Nun hat Knobloch offensichtlich diesem Druck nachgegeben und sehr früh bekanntgegeben, dass sie für eine zweite Amtszeit nicht zur Verfügung steht. Wer ihr Nachfolger wird, ist offiziell noch offen, aber alle Anzeichen deuten auf Stellvertreter Dieter Graumann hin. Graumann gilt als kühler Kopf. Der 59-Jährige ist in Israel geboren und kam im Alter von eineinhalb Jahren nach Deutschland. Er ist studierter Volkswirt und betreibt in Frankfurt eine Liegenschaftsverwaltung. Beim Zentralrat ist er der Mann für die Finanzen, gilt aber auch als guter Verhandler – er führte die Gespräche mit der Bundesregierung über den Zuzug osteuropäischer Juden.

Persönlich ist wenig über Graumann bekannt. Aber eine gewisse Aussagekraft liegt doch in den wenigen Sätzen, mit denen er sich auf der Zentralrats-Webseite zitieren lässt: Es gehe darum, positive jüdische Werte in den Vordergrund zu stellen. "Sonst wissen wir nur noch, wogegen wir sind, aber nicht mehr, wofür."

Wird nun aus der "Reue-Entgegennahme-Instanz", wie der Publizist Henryk M. Broder unlängst polemisierte, ein Dachverband, der eher einer Interessenvertretung gleicht? Der Alltag der über 100 000 Juden und 107 jüdischen Gemeinden im Land dreht sich in der Tat meist um ganz gegenwärtige Probleme. Da geht es eher um den Ausbau von Kindertagesstätten, es geht in vielen Fällen um eine desaströse finanzielle Situation und es geht um die schwierige Integration der osteuropäischen Juden, die zwar 80 Prozent der Gemeindemitglieder stellen, aber häufig in den Gremien nicht repräsentiert sind.

Für Jan Mühlstein, den Vorsitzenden der Union progressiver Juden, geht es deshalb momentan nicht nur um einen Generationen-, sondern um einen Prioritätenwechsel. Der Zentralrat soll sich seiner Meinung nach stärker in soziale und ethische Fragen einmischen und im Ethikrat präsent sein, so wie andere Religionsvertreter auch. Stephan Kramer, der Generalsekretär, hat die junge jüdische Generation einmal so beschrieben: "Wir sind keine prähistorischen, vom Aussterben bedrohten Tierchen, sondern gleichberechtigte, selbstbewusste Menschen in dieser Gesellschaft. Mit Ecken und Kanten, mit Wünschen und Träumen und auch Fehlern, wie eben andere auch."

Autor: Katja Bauer