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15. November 2017

Wirtschaft

Regierung rechnet mit steigenden Löhnen und Renten

Die Renten steigen, weil Löhne zulegen und es mehr Arbeitnehmer gibt / Die Beiträge müssen sinken, sobald die Rücklage groß genug ist.

  1. Mal durchschnaufen – Menschen verweilen im Schlosspark Pillnitz in Sachsen. Foto: dpa

Wer sagt, dass Renten
und Löhne steigen?
Die Bundesregierung macht regelmäßig ebenso wie die Wirtschaftsforschungsinstitute Prognosen zur wirtschaftlichen Entwicklung in den kommenden Jahren. Zuletzt hat sie im Oktober angesichts der glänzenden Wirtschaftslage ihre Erwartungen deutlich nach oben korrigiert.

Was erwartet die Bundesregierung?
Sie rechnet damit, dass die Durchschnittslöhne steigen – nächstes Jahr um 2,6 Prozent, 2019 dann um 2,8 Prozent und in den folgenden Jahren bis 2022 um jeweils 2,9 Prozent. Die Regierung rechnet außerdem damit, dass die Zahl der Beitragszahler weiter wächst. Für das kommende Jahr erwartet sie ein Plus von 1,3 Prozent, 2019 von 1,0 Prozent, in den Jahren bis 2022 um je 0,4 Prozent. Aus der Zahl der Beschäftigten und deren Einkommen errechnen die Statistiker die Bruttolohnsumme. Die soll 2018 um vier Prozent steigen, 2019 um 3,3 Prozent und in den Jahren bis 2022 um jeweils 3,3 Prozent.
Warum ist die Bruttolohnsumme
für Rentner wichtig?

Die Bruttolohnsumme ist die entscheidende Größe für die jährliche Rentenanpassung am 1. Juli. Im Großen und Ganzen folgen die Rentensteigerungen der Lohnentwicklung. Hinzu kommt der Nachhaltigkeitsfaktor. Er dämpft die Rentensteigerung, wenn die Zahl der Rentner schneller wächst als die Zahl der Beschäftigten. Umgekehrt sorgt er für kräftigere Rentensteigerungen, wenn die Zahl der Beschäftigten schneller wächst als die Zahl der Rentner. Das ist zurzeit der Fall.

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Inwiefern profitieren Arbeitnehmer

von der günstigen Entwicklung?

Sie können zum einen mit ordentlichen Lohnerhöhungen rechnen. Die werden zwar in den einzelnen Branchen in Tarifauseinandersetzungen zwischen Arbeitgebern und Gewerkschaften ausgehandelt. Es ist aber klar, dass sich die ausgezeichnete Wirtschaftslage in Lohnsteigerungen niederschlagen wird, die über den Preissteigerungen liegen. Zum Zweiten profitieren die Beschäftigten – und die Arbeitgeber – davon, dass der Beitragssatz zur Rentenversicherung voraussichtlich zum 1. Januar von 18,7 auf 18,6 Prozent vom Bruttolohn sinken wird. Die Arbeitnehmer haben netto mehr Geld im Portemonnaie, die Arbeitgeber bekommen eine Kostenentlastung.

Warum soll der Beitragssatz sinken?
Wegen der guten Wirtschaftslage mit ordentlichen Lohnsteigerungen und mehr Beschäftigten hat die Rentenversicherung hohe Einnahmen. Davon bezahlt sie die Renten der 21 Millionen Rentner, sowie deren Arbeitgeberbeitrag zur Krankenversicherung. Das sind pro Monat mehr als 20 Milliarden Euro. Weil nicht in jedem Monat Einnahmen und Ausgaben gleich sind, gibt es eine Rücklage. Gesetzlich ist vorgesehen, dass der Beitragssatz zur Rentenversicherung gesenkt werden muss, wenn die Rücklage am Jahresende höher ist als 1,5 Monatsausgaben. Umgekehrt muss der Beitragssatz erhöht werden, wenn die Rücklage unter 0,2 Monatsausgaben sinkt. Zum Jahresende werden Prognosen zufolge 33 Milliarden Euro Rücklagen vorhanden sein, das ist mehr als 1,5 Monatsausgaben.

Was bedeutet die Senkung in Euro?
Den Beitrag zur Rentenversicherung (und auch zur Arbeitslosen-, Kranken- und Pflegeversicherung) teilen sich Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Jeder zahlt die Hälfte. Statt 9,35 Prozent entrichten Arbeitnehmer im neuen Jahr noch 9,3 Prozent. Für einen Durchschnittsverdiener, der 3000 Euro brutto im Monat verdient, sind das 15 Euro mehr im Geldbeutel. Das ist ein Kasten Bier oder ein Taschenbuch. In der Summe macht das aber einiges aus. Die Arbeitgeber sparen insgesamt fast 500 Millionen Euro an Rentenbeiträgen.

War diese Beitragssenkung geplant? Nein. Weil die Große Koalition in der vergangenen Legislaturperiode höhere Rentenleistungen beschlossen hat, ist die gute Finanzlage überraschend. Die Mütterrente kostet sieben Milliarden Euro im Jahr; bessere Leistungen für Menschen, die nicht mehr arbeiten können und deswegen erwerbsunfähig sind, kosten zwei Milliarden. Auch die Rente mit 63 für langjährig Versicherte schlägt mit zwei Milliarden Euro zu Buche. Daher hatten die Fachleute nicht mit einer so guten Entwicklung gerechnet. Zuletzt lag der Beitragssatz 1995 so niedrig. Nach jetziger Schätzung bleibt der Beitrag bis Jahresende 2022 bei 18,6 Prozent. Danach steigt er stetig bis auf 21,6 Prozent 2030.

Autor: Jörg Buteweg