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17. März 2010 19:14 Uhr

Überblick

Missbrauch an Schulen – neun Fragen, neun Antworten

Zuerst war nur von einzelnen Übergriffen die Rede, inzwischen häufen sich die Vorwürfe wegen sexuellen Missbrauchs an Schulen und Internaten. Jeden Tag kommen neue Anschuldigungen hinzu. Wie geht es weiter? Ein Überblick.

Kein Tag ohne neuen schrecklichen Verdacht: Immer mehr Schüler berichten von Gewalt und sexuellem Missbrauch. Sie wurden beim Duschen beobachtet, es wurden Nacktfotos von ihnen gemacht und es kam zu schwerem sexuellen Missbrauch. Die Vorfälle liegen teils Jahrzehnte zurück. Wir beantworten einige Fragen, die immer wieder gestellt werden.

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Warum melden sich erst jetzt, nach 20, 30 oder 50 Jahren, die Opfer zu Wort?

Opfer sexuellen Missbrauchs hüllen sich oft Jahrzehnte in Schweigen, sagt der Psychoanalytiker Micha Hilgers. Ursache seien nicht nur die Scham über die erlittenen Übergriffe, die Furcht vor eigenen Schuldgefühlen oder Vorwürfen, warum der Täter ausgerechnet ihn oder sie aussuchte. Sexueller Missbrauch geht immer mit emotionalem Missbrauch einher. Durch die aktuelle Berichterstattung wird das Schweigen gebrochen, bei Opfern kommen längst abgekapselte Erinnerungen hoch. Sie spüren mittlerweile aber auch, dass sie nicht allein sind, dass ihnen geglaubt wird, dass sie ernst genommen werden. Und darum melden sie sich.

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» Brauchen alle Opfer eine Therapie?
Nein. Manchen genügt es, offen über die Tat zu sprechen, um ein Stück Zufriedenheit zu erlangen.

» Wie ist sexuelle Gewalt definiert?
Unter sexueller Gewalt ist nicht nur tatsächliche körperliche Gewalt zu verstehen, sondern auch die Belästigung mit obszönen Redensarten, die Selbstbefriedigung des Täters vor dem Opfer oder die Berührung im Intimbereich.

» Warum haben die Kinder und Jugendlichen nicht Nein gesagt?
Diese Frage übersehe, dass viele Mädchen und Jungen auf ihre Art Nein gesagt haben, heißt es bei der Beratungsstelle Zartbitter. Manche Opfer ziehen mehrere Kleidungsstücke übereinander an, laufen weg, machen scheinbar mit – damit alles schnell vorbei ist. Die Erfahrung der Ohnmacht verschlage vielen die Sprache. Weil sie nicht Nein sagen konnten, litten auch viele unter Schuldgefühlen.

» Wie verbreitet ist Missbrauch?
Nach einer Statistik des Bundeskriminalamtes wurden 2008 mehr als 12 000 Fälle von sexueller Gewalt an Kindern erfasst. Die Dunkelziffer liegt nach Ansicht von Experten aber sehr viel höher. Eine Stichprobe bei Erwachsenen in den USA soll ergeben haben, dass jede dritte bis vierte Frau und jeder siebte bis zehnte Mann in der Kindheit einmal sexuell belästigt wurde. Ob diese Zahlen für Europa repräsentativ sind, ist nicht geklärt. 80 bis 95 Prozent der Missbrauchsfälle finden im vertrauten Umfeld statt: in der Familie und in der Nachbarschaft, in der Schule und im Sportverein.

» Wie geht es in der Politik weiter?
Familienministerin Kristina Schröder und Bildungsministerin Annette Schavan (beide CDU) haben zu einem Runden Tisch eingeladen, der am 23. April erstmals tagen soll. Neben den Kirchen sitzen auch Schul- und Internatsträger, Familien und Lehrerverbände, Ärzte und Vertreter der Wohlfahrtspflege am Tisch. Dabei soll die Hilfe für die Opfer und Präventionsangebote diskutiert werden. Die Liste der Eingeladen ist vertraulich.

» Sind damit alle einverstanden?
Nein. Opfer und Vertreter von Beratungsstellen wie Zartbitter oder Wildwasser wurden nicht eingeladen. Die Praktiker, die zum Teil seit 20 Jahren Opfer sexuellen Missbrauchs beraten, fordern, dass unabhängige Einrichtungen mit am Runden Tisch sitzen. Sie sollen den Opfern Gehör verschaffen.

» Was soll mit dem Runden Tisch erreicht werden?
Er soll sich vor allem mit dem Thema Aufklärung und der Ursachenerforschung befassen: Welche Faktoren fördern Übergriffe auf Kinder und Jugendliche? Welche Hilfe und Unterstützung brauchen die Opfer? Was ist zu tun, wenn es zu Übergriffen kommt? Ziel ist eine Selbstverpflichtung von Schulen und Vereinen, in der geregelt ist, wie bei sexuellen Übergriffen reagiert wird. Experten fordern, dass über das Thema Missbrauch auch im Unterricht geredet wird. Zudem soll es Bestandteil der Lehrer- und Priesterausbildung werden.

» Wie reagiert die katholischen Kirche?
Am 30. März startet die Bischofskonferenz ihre bundesweite Hotline zur Information über sexuellen Missbrauch bei Minderjährigen im kirchlichen Bereich. Bei der Hotline sollen Fachleute Opfern, aber auch möglichen Tätern als Ansprechpartner zur Verfügung stehen. Unklar ist, ob die katholischen Bischöfe einen Fonds für die Opfer einrichten.

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Autor: Petra Kistler