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04. Juni 2009
Nicht nur Opa für Europa
Franziska Brantner, Nadja Hirsch und Sebastian Beck haben Chancen, ins EU-Parlament einzuziehen. Ihre Gemeinsamkeit: Sie sind junge Politiker
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Nadja Hirsch (FDP) Foto: DPA
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Über die "EU-Weinmarktreform" diskitierten (von links) Udo Beck, Sebastian Beck, CDU-Kandidat für das EU-Parlament, Roman Baumgartner und der deutsche Weinbaupräsident Norbert Weber. Foto: Benjamin Bohn
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Franziska Brantner von den Grünen (links) debattiert mit Studenten bei einer WG-Fete in Freiburg. Foto: BAMBERGER
Auf den ersten Blick ist es ist eine Studentenfete wie viele andere. Überall plaudern junge Männer und Frauen. Der Gastgeber reicht frisch gebackenen Flammenkuchen herum; ein Student lädt sich Kartoffel- und Nudelsalat auf den Teller. Auf einem Kieferregal im Flur, wo sich sonst Schuhe stapeln, liegen Prospekte aus. Daneben fachsimpelt eine Frau über Entwicklungen bei Solarzellen. Ihr Gesicht ist bekannt. Überall in Freiburg lächelt es von Plakaten. Es ist Franziska Brantner (29), die Kandidatin der Grünen bei der Europa-Wahl am Sonntag. Sie ist auf Wahlkampftour in Freiburg.
"Mensch, die ist ja ganz schön jung. Ich finde das toll. Die wirkt nicht so steif wie andere Politiker", sagt Studentin Antonia Strübig (23). "Die alten Herren haben oft so eine typische Politikersprache und sagen inhaltlich wenig." Seit Franziska Brantner auf den aussichtsreichen Platz elf der bundesweiten Wahlliste gewählt wurde, tourt sie durch die Wohnzimmer. "Ich habe mich vom Wahlkampf Barack Obamas inspirieren lassen", erzählt sie. Dessen Anhänger luden im Kampf um die Präsidentschaft Freunde und Bekannte zu Partys in ihre Wohnungen ein, informierten dort, was Obama alles verändern will. Franziska Brantner besucht nicht nur WG-Feten, an Sonntagen schaut sie gemeinsam mit Interessierten "Tatort". Danach debattiert sie mit ihnen über Europa-Politik. "Bei solchen Veranstaltungen kommen oft mehr Leute als zu Podiumsdiskussionen", sagt Brantner. Zum Wahlkampfauftakt des Grünen-Spitzenkandidaten Reinhard Bütikofer in Freiburg kamen nicht einmal 20 Besucher. Bei der WG-Fete sind es gut 30.
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Die jungen EU-Kandidaten gehen auch im Wahlkampf neue Wege. So auch die Münchner FDP-Politikerin Nadja Hirsch (30), die auf Platz neun der Liste steht. Sollte die FDP mehr als 8,2 Prozent der Stimmen erhalten, könnte sie für ihre Partei einen der 99 deutschen Sitze im EU-Parlament ergattern. Interessierte können zu ihr über das Online-Sozialnetzwerk Facebook Kontakt aufnehmen. Den klassischen Weg geht der CDU-Politiker Sebastian Beck (27). Er besucht vor allem Podiumsdebatten, Weinfeste und Dorfhocks. "Wir von der CDU haben einen großen Vorteil: Als große Volkspartei haben wir eine gut ausgebaute Infrastruktur", sagt Beck. Deshalb sei er im Kampf um Stimmen gar nicht so sehr auf innovative Wahlkampfmethoden angewiesen. Der gelernte Winzer aus dem Kreisverband Heilbronn ist neben Franziska Brantner der einzige unter 30-jährige Baden-Württemberger, der auf einem aussichtsreichen Listenplatz steht. Beck hat es auf Platz sieben der Landesliste geschafft.
"Es gibt nur eine Handvoll Kandidaten unter 30, die eine Chance haben, ins EU-Parlament einzuziehen", sagt Parteienforscher Benjamin Höhne von der Uni Trier. Trotzdem gilt heute nicht mehr: "Hast du einen Opa, schick ihn nach Europa". Nach der ersten Wahl zum Europa-Parlament 1979 lag der Altersdurchschnitt der Abgeordneten bei 51 Jahren – damals deutlich über dem der Bundestagsabgeordneten mit 47 Jahren. Inzwischen ist der Unterschied geschrumpft und liegt bei Europa- wie Bundestagsabgeordneten unter 50 Jahren. Auffallend ist, dass gerade die Konservativen ihre Parlamentarier verjüngt haben, während der Altersdurchschnitt bei den Grünen gestiegen ist. "Die Grünen haben deshalb jetzt viele junge Kandidaten aufgestellt", sagt Höhne. Von den etablierten Parteien nominierten weder SPD noch Linke ähnlich junge Kandidaten wie Brantner, Hirsch und Beck auf aussichtsreiche Listenplätze.
Franziska Brantner fällt bei einer WG-Party zwar weder durch Alter oder Aussehen auf, doch bei den Gesprächen ist zu spüren, dass da nicht irgendeine Studentin diskutiert. Egal in welcher Runde, nach kurzem Smalltalk über Studienfächer und Herkunft kommt die Europa-Kandidatin auf die grüne Politik zu sprechen. "Wir brauchen die EU dringend, um als Europäer gemeinsam Wege gegen den Klimawandel zu finden", wirbt sie. Und dann erklärt sie, warum sie es aus ökologischer Sicht wichtig findet, dass die Glühbirne EU-weit aus dem Verkehr gezogen wird. Die Fragen beantwortet sie so professionell wie jeder ältere Politiker.
Auch Sebastian Beck klingt wie ein alter Hase, der weiß, was seine Partei von ihm erwartet. Obwohl er eine türkische Lebensgefährtin hat, vertritt er in der Frage eines EU-Beitritt der Türkei die Parteilinie: "Wir wollen, dass die Türkei ein privilegierter Partner der EU wird. Aber geografisch liegt das Land zu großen Teilen nicht in Europa und gehört deshalb nicht zur EU." Auf seiner Homepage präsentiert er sich als gestandener Politiker: Kurzes Haar, dunkler Anzug. Nie käme man auf die Idee, dass der Mann, der auf dem Bild Kanzlerin Merkel die Hand schüttelt, noch keine 30 ist. Nadja Hirsch präsentiert sich ähnlich professionell: Am Telefon spult sie FDP-Positionen herunter, erläutert, warum sie in der Vorratsdatenspeicherung eine Gefahr für die Freiheit der EU-Bürger sieht. Kein Wunder: Trotz ihres Alters ist Nadja Hirsch eine erfahrene Politikerin. Seit sieben Jahren sitzt sie im Münchner Stadtrat.
"Die meisten Kandidaten, auch die jungen, sind heute Profis und haben einen Bezug zur EU", sagt Parteienforscher Benjamin Höhne. "Die Zeiten sind vorbei, als man Politiker, die man loswerden wollte, zu Kandidaten machte." Keine Partei könne es sich leisten, in europapolitischen Fragen Unbedarfte ins EU-Parlament zu schicken. Denn in den vergangenen zwei Jahrzehnten hat das Parlament an Bedeutung gewonnen und nimmt immer mehr Einfluss auf die Gesetzgebung in den Mitgliedsländern. Als Winzer beschäftigte sich Sebastian Beck intensiv mit der europäischen Agrarpolitik. "Sie glauben gar nicht, mit wie viel EU-Verordnungen ich mich als Stadträtin auseinandersetzen muss", sagt auch Nadja Hirsch. Franziska Brantner hat als Politologin viel über die EU gearbeitet. Sie lehrt an der Universität Mannheim.
Viel Zeit auf der Fete hat die Grünen-Politikerin an diesem Abend nicht. Nach anderthalb Stunden bricht sie auf. Sie besucht noch eine andere Party im Freiburger Stadtteil Vauban. Um zehn Uhr abends hat sie einen Wahlkampftermin in Karlsruhe. "Das ist stressig. Mir macht es aber auch Spaß", sagt sie und verabschiedet sich von den Partygästen. "Das war schon cool", sagt Student Martin Herbst (26). "Wenn die Kandidaten am Samstag an einem Stand in der Stadt stehen, ist mir das eher lästig. Aber in diesem Rahmen rede ich gerne mal mit einem Politiker." Die anderen nicken und debattieren noch ein wenig über Franziska Brantner und die grüne Politik. Dann machen sie sich auf zur nächsten Runde am kalten Büfett.
Alle BZ-Texte zur Wahl unter www. badische-zeitung.de/europawahl
Autor: Annemarie Rösch


