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26. Juni 2012

Joachim Gauck

Oberste Dienstpflicht Selbstzweifel

Joachim Gauck möchte ein Präsident sein, dem der Bürger Gauck noch gerne zuhört – der Rest der Nation hängt schon jetzt an seinen Lippen.

  1. Gauck besucht Bundeswehr-Führungsakademie Foto: Verwendung weltweit, usage worldwide

Am 99. Arbeitstag in Schloss Bellevue ergeht es Joachim Gauck wie seinem Vorgänger: Er steht unter Beschuss. Das hat man sich anders vorzustellen als in den letzten Tagen der kurzen Ära Wulff. Gauck wird an diesem Montagmorgen tatsächlich beschossen. Demonstranten der Occupy-Bewegung haben vor dem Präsidentenpalais ein Katapult aufgebaut und nehmen sein Domizil ins Visier.

Die als Ritter kostümierten Protestierenden schleudern dem Staatsoberhaupt Exemplare des Grundgesetzes entgegen. Sie wollen ihn damit auffordern, von seinen verfassungsmäßigen Rechten Gebrauch zu machen, um den Fiskalpakt und den Euro-Rettungsschirm zu stoppen. Damit überschätzen sie Gaucks Macht. Zudem ist der Präsident dieser unzufriedenen Minderheit der von ihm repräsentierten Bürger schon zuvorgekommen. Er hat das Euro-Paket zumindest vorübergehend gestoppt und wird die einschlägigen Gesetze vorerst nicht unterzeichnen. Der Zwischenfall lehrt: Gauck braucht keine Souffleure.

"Es gehört zu den
Dienstpflichten, sich
selbst in Frage zu stellen."

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An Wulff erinnert nichts mehr im Bundespräsidialamt. Nicht einmal eine Büste gibt es von ihm in der Ahnengalerie, die im Foyer zu finden ist. Es fehlt sogar ein Platz, an dem die Büste aufzustellen wäre. Der muss erst noch in die Wand gemeißelt werden. An diesem Morgen wird ein älteres Kapitel der Chronik von Bellevue bewältigt. Und der Hausherr treibt seinen Spott damit. Als Überschrift für seinen Auftritt an diesem Montagmorgen schlägt er vor: "Neue Enthüllungen im Bundespräsidialamt." Skandale hat er nicht zu bieten. Es geht bloß um die Enthüllung eines Bronzekopfes: den von Horst Köhler, der dazu erstmals nach der fluchtartigen Demission vor zwei Jahren an die frühere Stätte seines Wirkens zurückgekehrt ist.

Es ist ein kurioses Zusammentreffen. Köhler kommt sich vor wie bei einer "Totenbestattung in den römischen Katakomben". Daran erinnere ihn zumindest der Ort, an dem nun sein Konterfei zu besichtigen ist. Gauck lobt an seinem Vorvorgänger zweierlei: Er habe "wahrhaftig nichts zu verbergen" – was nicht über alle Präsidenten der jüngeren Geschichte behauptet werden kann. Und Köhler sei als "authentisch" in Erinnerung geblieben. Das ist eine Charaktereigenschaft, die Gauck selbst am Herzen liegt. Genauso würde er es auch sagen: Wenn man den eigenen Worten glauben darf, ist das Herz Sitz der Identität Gaucks – zumindest ist es das mit Abstand am häufigsten genannte Organ in seinen Reden.

Während der kurzen Feierstunde drängt sich die Frage auf, warum der eine dieser beiden älteren Herren nun Hausherr, der andere nur noch Gast ist. Sie wird nicht angesprochen, aber beantwortet ist sie längst. Gauck hat unlängst die Bundeswehr besucht und über deren Mission, über Gewalt als Mittel der internationalen Politik gesprochen – warum Gewalt "notwendig und sinnvoll" sein könne. Es war eine der ersten großen Reden des neuen Staatsoberhaupts. Für Köhler war dieses Thema sein Letztes. Er ist darüber gestolpert, es wurde ihm zum Verhängnis. Hier wird eine Kluft erkennbar. Köhlers Rhetorik war eher schlicht und manchmal eben auch missverständlich. Das hat Gauck in den ersten 99 Tagen seiner Amtszeit vergessen lassen.

Seit Bürger Gauck, wie er sich selbst zu nennen beliebt, mit dem höchsten Staatsamt betraut wurde, hat er sechs Länder bereist, drei Staatsgäste empfangen, vier ausländische Diplomaten akkreditiert und nunmehr 32 Reden gehalten. Er ist ein Mann des Wortes geblieben. Die deutsche Öffentlichkeit scheint er mit seinen Worten jedenfalls zu beeindrucken. Von 100 Bundesbürgern sind 78 mit dem neuen Präsidenten zufrieden, besagt eine aktuelle Umfrage. Nur zwei Prozent vermag er nicht zu überzeugen. Dazu zählen Leute aus den Reihen der Parteien, die ihm ins Präsidentenschloss verholfen haben. Der Grüne Hans Christian Ströbele nörgelt: "Ich habe Herrn Gauck diesmal nicht meine Stimme gegeben und fühle mich bestätigt."

Und dem Sozialdemokraten Peter Danckert ist Gaucks offensives Bekenntnis zur Bundeswehr ein Dorn im Auge. Der Präsident verstoße damit gar "gegen die Grundprinzipien der Verfassung". Anwürfe dieser Qualität haben seinerzeit Horst Köhler zermürbt. Gauck darf man unterstellen, dass er sich ermuntert fühlt. 72 Prozent sagen schon jetzt, sie hätten gerne, dass er in knapp vier Jahren sich noch einmal zur Wahl stellt. Das hat er aber schon so gut wie ausgeschlossen.

Das neue Amt birgt besondere Herausforderungen. Gauck hat sich einen Cut und einen Frack gekauft – beides für offizielle Anlässe, aber auf private Rechnung, wie er betont. Solche Anschaffungen befremden einen Mann, der ehedem gewohnt war, abgelegte Westanzüge aufzutragen. Wenn Gauck solche Anekdoten erzählt wie kürzlich auf einer Dienstreise, verrät das auch ein bisschen von seiner Eitelkeit, gegen die er ganz und gar nicht gefeit ist. Sein Selbstverständnis klingt aber völlig uneitel: "Es gehört zu den Dienstpflichten, sich selbst in Frage zu stellen."

In manchen Situationen ist zu erleben, dass Gauck den obersten Rang im Staate noch keineswegs verinnerlicht hat. Er fühlt sich befangen, wenn bei Staatsempfängen die Nationalhymne ertönt und Soldaten für ihn strammstehen. Ausgerechnet auf dem schlüpfrigen Parkett der EU-Diplomatie unterlief ihm ein Fauxpas. Er sprach leichtfertig über seine Erwartungen an die Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts in Sachen Euro-Rettungsschirm. Das klang manchem zu sehr nach Dienstanweisung. Ein Anfängerfehler ganz anderer Art war dieser Tage auf Fotos zu besichtigen: Der Präsident hatte Jugendliche in seinen Schlosspark eingeladen und sich dabei ablichten lassen, wie er eine junge Frau mit süßen Früchten füttert.

Gauck sagt bei solchen Gelegenheiten: "Wer bin ich, dass ich keine Fehler machen würde." Er versteht das Präsidentenamt auch als Selbstversuch, von dem er nicht weiß, ob er in seinem Sinne ausgehen wird. Er sei erst dabei, sich in der neuen Rolle zu definieren, sagt Gauck. Seine ganz persönliche Hoffnung ist, dass bei den Auftritten des Bundespräsidenten Gauck "der Bürger Gauck noch um die Ecke schaut". Zumindest spricht der Präsident Gauck noch wie der Bürger Gauck. Er hat sich vorgenommen, den eigenen Worten treu zu bleiben, nicht unbedacht die Kunstsprache der Politiker nachzuplappern.

"Wer bin ich, dass
ich keine Fehler
machen würde."

Nachplappern widerstrebt ihm ohnehin. Dafür finden sich vielsagende Beispiele. Wie er über Wulffs Diktum denke, wonach der Islam zu Deutschland gehöre, wurde Gauck gefragt. Er teile die Intention des Satzes, so lautet seine Antwort, würde ihn aber so nicht sagen. Gauck formuliert markanter: "Die Muslime, die hier leben, gehören zu Deutschland." Es irritiert ihn keineswegs, dass er mit solchen Bemerkungen gerade jene verunsichert, die ihm ins Amt verholfen haben.

Noch ist Gauck unangreifbar. Das erleben auch die Occupy-Demonstranten vor Schloss Bellevue. Ihre Wurfgeschosse, die dem Präsidenten entgegen geschleuderten Grundgesetze, erreichen noch nicht einmal den Zaun, der den Amtssitz des Staatsoberhaupts umgibt.

Autor: Armin Käfer


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