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29. April 2009 20:59 Uhr
80. Geburtstag
Ralf Dahrendorf, der Global Denker
Ralf Dahrendorf, der Sozialphilosoph, liberale Politiker und Berater der BZ-Redaktion, feiert seinen 80. Geburtstag. Eine Würdigung von BZ-Chefredakteur Thomas Hauser.
Ralf Dahrendorf entzieht sich jeder Einordnung. Der Mann, der wie kaum ein anderer die Dinge auf den Punkt zu bringen weiß, passt in keine Schublade. Der Begriff Weltbürger würde noch am ehesten stimmen. Aber auch der stieße auf seinen Widerspruch, setzte er doch voraus, dass es so etwas wie eine Weltgemeinschaft gibt. Die aber kann der Sozialwissenschaftler Dahrendorf bei seiner Beobachtung der Wirklichkeit nicht erkennen, auch wenn der Sozialphilosoph in ihm allgemeine Werte und Regeln durchaus für erstrebenswert hält. Vor allem dann, wenn es die Werte der Freiheit sind. Denn ein Liberaler ist Dahrendorf gewiss, auch wenn er mit der FDP als Partei der organisierten Liberalität lediglich noch über die Friedrich-Naumann-Stiftung verbunden ist, der er einige Jahre vorstand.
Wer Dahrendorf auf die Spur kommen will, muss sich auf seine Lebenserinnerungen einlassen. Programmatisch ist da nicht nur der Titel "Über Grenzen". Wichtiger fast noch der erste Satz: "Manchmal kommt es mir vor, als ob jeder von uns ein bestimmtes Alter zeitlebens mit sich herumträgt." Dahrendorf begeht am 1. Mai seinen 80. Geburtstag. In Wahrheit, so vertraut er uns an, sei er immer 28 gewesen. Als Erklärung zitiert er Ingeborg Bachmann: "Denn bisher hatte er einfach von einem Tag zum anderen gelebt, hat jeden Tag etwas anderes versucht und ist ohne Arg gewesen. Er hat so viele Möglichkeiten für sich gesehen und er hat, zum Beispiel, daran gedacht, dass er alles Mögliche werden könne. . ."
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GRENZGÄNGER ZWISCHEN THEORIE UND PRAXIS
Ralf Dahrendorf ist alles Mögliche geworden. Mit 28 – seinem Alter – war der Krieg schon einige Jahre zu Ende und der Sohn des SPD-Reichstagsabgeordneten und Widerstandskämpfers Gustav Dahrendorf hatte als 15-Jähriger einige Monate der Gestapohaft überstanden und nach der Befreiung in seiner Geburtsstadt Hamburg und in London studiert. 1957 bereitete er sich an der Universität des damals selbstständigen Saarlandes auf die Habilitation vor und forschte im kalifornischen Palo Alto zusammen mit einer ganzen Reihe akademischer Himmelsstürmer. Seine Doktorarbeit hatte Ralf Dahrendorf schon mit 23 verfasst.
An der Grenze zwischen Deutschland und Frankreich wie in den USA stand dem jungen Soziologen die Welt offen – privat und beruflich. Seine Habilitationsschrift "Soziale Klassen und Klassenkonflikt in der industriellen Gesellschaft" wurde bald zum Klassiker. Und vor der Fakultät in Saarbrücken hielt er einen Vortrag darüber, wie es gelingen könne, die wertfreie Sozialwissenschaft mit praktischer, auf Werturteile gestützter Politik zu verbinden, ohne die Unterschiede zu verwischen. Was da sehr akademisch klingt, war die Handlungsanleitung zu Dahrendorfs Lebensthema: Er zeigte, dass es möglich ist, zwischen Theorie und Praxis hin- und herzuwechseln – ohne die Unterschiede zu verwischen – und dass man auch rittlings auf der Grenze von Sozialwissenschaft und Werturteil sitzen kann, zum Beispiel als politischer Berater.
Dahrendorf hat von dieser Erkenntnis ausgiebig Gebrauch gemacht, obschon er zunächst an seiner Karriere als Wissenschaftler feilte. In den USA hatte er nicht nur den "Homo sociologicus" geschrieben – bis heute Pflichtlektüre für angehende Sozialwissenschaftler in Sachen Rollentheorie –, sondern mit dem Historiker Fritz Stern auch einen seiner bis heute besten Freunde kennengelernt. Danach lehrte und forschte er als Professor an der Hochschule für Gemeinwirtschaft in Hamburg, später in Tübingen und dann in Konstanz. Dabei entstand unter anderen mit "Gesellschaft und Demokratie in Deutschland" seine eigene Interpretation der jüngeren deutschen Geschichte.
Politisch war er quasi von Kindesbeinen an. In den 60er Jahren aber wurde der Drang zum Grenzübertritt übermächtig. Er wollte Politik machen, nicht in der SPD, der er nach dem Krieg kurze Zeit angehört hatte, auch nicht beim SDS, dem er als Student beigetreten war, sondern bei den Liberalen. 1967 begann die Zeit der Umbrüche, auch in der FDP. Dahrendorf gehörte mit Karl-Hermann Flach zu jenen, die Erich Mende und seine Altliberalen aus dem Amt jagten, um die sozialliberale Ära zu begründen. Wobei sozial für den Liberalen Dahrendorf weniger Verteilungs- als Chancengerechtigkeit bedeutete. Insbesondere forderte er schon damals ein Bürgerrecht auf Bildung ein. Nur sah er zu der Zeit Mädchen und Jugendliche vom Land benachteiligt. Heute geht es um Migranten oder die Kinder aus bildungsfernen Milieus, nachzulesen in der soeben erschienenen Zukunftsstudie für Nordrhein-Westfalen.
DAHRENDORF, KEIN MANN DER APPARATE
Aber Dahrendorf ist ein Mann der Ideen und Worte, nicht der Apparate. Unvergessen seine Debatte mit Studentenführer Rudi Dutschke auf einem Autodach auf dem Freiburger Messplatz 1968. Sein Mandat als Abgeordneter im Stuttgarter Landtag währte dagegen kurz. Auch in Bonn hielt es ihn nicht lange, weder im Bundestag noch als Staatssekretär der ersten Regierung Brandt. Seine Lust auf aktive Politik endete vorerst mit seiner Zeit als Kommissar für Außenbeziehungen und Außenhandel in der Europäischen Union. Das Amt hatte er von 1970 bis 1974 inne. Aus dieser Zeit stammt wohl auch seine Abneigung gegen die EU-Bürokratie. Europa ohne Brüssel ist für ihn bis heute eine gern gehegte Vision.
Nicht nur in dieser Hinsicht ist er ganz Brite. Die vielen Jahre als Leiter der London School of Economics und Rektor des St. Antonys College in Oxford haben aus der ohnehin vorhandenen Anlage das Musterbeispiel eines britischen Gentleman wachsen lassen, klassisch konservativ in Kleidung und Auftreten, liberal im Denken, unerschrocken und mit trockenem Humor. Als ihn die Königin adelte und ihn damit auch zum Mitglied des britischen Oberhauses machte, ließ er sich den Titel Lord of Clare Market in the City of Westminister geben. Clare Market ist ein Platz in der Nähe der London School of Economics. Genutzt wird er vor allem als Parkplatz.
London, wo er seit den 1950er Jahren immer wieder lebte, ist seine Stadt geworden, noch vor Berlin, wo es ihn vor allem in jüngerer Zeit wieder verstärkt hinzog, und Köln, wo er mit seiner dritten Frau lebt. In der britischen Hauptstadt und im dortigen Oberhaus atmet er die Tradition und Weltläufigkeit, die ihn aufblühen lassen. Zugleich zieht es ihn regelmäßig in den Schwarzwald nach Bonndorf-Holzschlag, wo er seit fast 50 Jahren ein Haus besitzt. Hier tankt er die Bodenständigkeit und Nähe, die der Sozialwissenschaftler für seinen Blick auf die Wirklichkeit braucht. Dahrendorf hat Glokalisierung – die Symbiose von global und lokal – gelebt, lange bevor dieser Begriff erfunden war.
SO LANGE ER ARBEITET, LEBT ER
Nicht nur von hier findet er auch immer wieder den Weg zur Badischen Zeitung. Der Freund von Verleger Christian Hodeige ist längst ein väterlicher Freund der Redaktion geworden. Einer, dem man gerne zuhört, obschon er eigentlich selbst gerne zuhört, hinschaut. Dahrendorf ist einer, der lieber lobt als zu kritisieren, der dieser Redaktion nicht die Welt erklären will, sondern mit präzisen Fragen hilft, die eigenen Gedanken zu entwickeln. Und der gerne schreibt. Bücher wie sein Essay "Der neue soziale Konflikt" von 1992, in dem er seine sozialwissenschaftlichen Erkenntnisse zusammengefasst hat. Aber auch Leitartikel, Kolumnen und Analysen für Zeitungen und Zeitschriften. Wobei er dieser Zeitung immer besonders verbunden blieb.
Dabei ist sein Rat weltweit gefragt, sind die Anfragen für Vorträge und die Mitarbeit in Kommissionen und Gremien Legion, häufen sich die Ehrungen. Mehr als 25 Ehrendoktortitel wurden ihm verliehen. Dahrendorf genießt dies, auch wenn es ihm gelegentlich über den Kopf wächst. Ruhestand ist für ihn keine Option. So lange er arbeitet, lebt er. Zugleich weiß er das Leben zu genießen. Eigen und selbstbewusst. Und mit britischem Understatement, der liebenswürdigsten Form der Eitelkeit. In seinen Lebenserinnerungen zum Beispiel hat er einen Großteil seiner einzigartigen Karriere schlicht unterschlagen. Wenn es der Rede wert sein sollte, so begründete er dieses Vorgehen, werde vielleicht einmal jemand darüber reden.
Die Freude über seinen 80. Geburtstag wird getrübt von der Sorge um seine Gesundheit. Feiern will der Lord trotzdem mit akademischen Freunden bei einer Diskussion über Freiheit in Oxford. Alle anderen, die ihn noch hochleben lassen wollen, müssen warten. Im Juni planen Badische Zeitung und Universität Freiburg mit ihm eine Diskussion über die Zukunft des rheinischen Kapitalismus. Bis dahin muss es ein herzlicher Glückwunsch aus der Entfernung tun.
- Prominente Wegbegleiter gratulieren Ralf Dahrendorf
Autor: Thomas Hauser


