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08. März 2010

Schweigen und Vertuschen

Auch an der renommierten Odenwaldschule wurden zahlreiche Schüler missbraucht .

  1. Jahrelanger Missbrauch durch Pädagogen? Die angesehene Odenwaldschule wird jetzt von ihrer Vergangenheit eingeholt. Foto: DPA

HEPPENHEIM (dpa). Nach den Missbrauchsskandalen in katholischen Schulen gerät jetzt eine private Eliteschule in Verruf: In der Odenwaldschule, eine der bekanntesten deutschen Reformschulen, wurden Schüler jahrelang massiv missbraucht. Die Kinder wurden unter anderem zu Schichten als "sexuelle Dienstleister" eingeteilt oder Gästen zum Missbrauch überlassen.

"Wir sind seit Sommer vergangenen Jahres in Kontakt zu ehemaligen Schülern, die uns von Missbrauchsfällen in großem Ausmaß berichtet haben", sagte Schulleiterin Margarita Kaufmann. "Wir haben die große Befürchtung, dass es tatsächlich mehr sind als die Namen, die wir bis jetzt kennen."Am heutigen Montag würden Briefe an alle Altschüler versandt, die zur fraglichen Zeit an der Schule waren.

"Die Odenwaldschule, ein zweites Zuhause", heißt es auf der Internetseite der Schule. "Fühle Dich geborgen. Schüler und Lehrer leben zusammen unter einem Dach im selben Haus, auf demselben Flur, essen zusammen und: Sie duzen sich." Ein Foto zeigt junge Leute, die ausgelassen im Gras sitzen und die Hände heben. Das Miteinander sei "geprägt von einer liberalen, demokratischen Hausordnung." Mitte April wollte die nach eigenen Angaben außergewöhnliche Schule ihren 100. Geburtstag feiern.

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Die Schulleiterin ging zunächst von nur wenigen Opfern aus. "Im Laufe der Gespräche im vergangenen Jahr wurde mir deutlich, dass es wesentlich mehr Schüler sind, und dass es vor allen Dingen auch sehr viel früher begonnen hat, nämlich 1970/71." Lehrkräfte hätten Schutzbefohlene geschlagen, mit Drogen und Alkohol versorgt oder beim gemeinschaftlichen Missbrauch eines Mädchens nicht eingegriffen. Erste Vorwürfe gegen den langjährigen Rektor Gerold Becker, der die Schule von 1971 bis 1985 leitete, waren vor gut zehn Jahren publik geworden. Seinerzeit berichteten ehemalige Schüler von massiven Übergriffen Beckers gegen 13-Jährige. Die Vorwürfe wurden aber nur halbherzig aufgegriffen. Nach einem Bericht der Frankfurter Rundschau wurden die Übergriffe vertuscht. Von 1971 bis 1985 könnte es bis zu 100 Opfer gegeben haben. 

"Es war eine Unterlassung und ein grober Fehler, dass die Schule damals nicht nachgeforscht hat", sagt Kaufmann, die seit 2007 im Amt ist. Sie sprach sich für den Rücktritt des Schulvorstands aus, dem auch sie selbst angehört. Alle müssten sich der Wirklichkeit stellen. "Ehemalige Mitarbeiter und ehemalige Schüler können es nicht glauben, dass es sozusagen neben ihnen passiert ist", sagt die Direktorin. "Das ist, als ob eine Biografie neu geschrieben werden muss: In einer Schule gewesen zu sein, in der es sexuellen Missbrauch gab."

Autor: dpa