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31. März 2010

Scientology: Seelenfänger unterwegs

Scientology verdient mit Psychokursen 500 Millionen Euro.

Am Anfang steht meist eine harmlose Frage an einer Straßenkreuzung, eine Einladung, einen Fragebogen auszufüllen oder zur Teilnahme an einem kostenlosen Persönlichkeitstest. Zum Beispiel im "Zentrum für Lebensfragen" in Freiburg. Die Ergebnisse dieser Tests variieren dann im Detail, im Kern aber steht das jeweilige Resultat stets von Anfang an fest: Der Getestete ist unglücklich, er macht viel zu wenig aus einem Leben, er schöpft sein Potenzial nicht aus, er hat das Zeug zu Höherem. Tröstlich immerhin, dass es Abhilfe gibt – in Form eines Kurses.

So funktioniert das Prinzip Scientology seit Gründung der Organisation 1954. Grundlage der Kurse ist eine angeblich wissenschaftliche Methode, die von Ron Hubbard entwickelt wurde. Mit seiner Dianetik sei es möglich, den optimalen Menschen zu schaffen, der "das Dasein voller Tatkraft meistert und Befriedigung aus seinem Leben zieht". Dank Hubbard habe der Mensch "die Freiheit höher zu kommen" und sei "eine Welt ohne Geisteskrankheit, ohne Verbrechen und ohne Krieg" möglich. "Viele sind berufen, doch nur wenige sind auserwählt", ist einer der Wahlsprüche von Scientology.

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Wer zu den Auserwählten zählen wolle, müsse eben bei Scientology lernen. Und wenn der erste Kurs nicht den gewünschten Erfolg bringt, dann müsse man eben einen zweiten, dritten oder vierten Kurs besuchen. Wem das zu teuer ist, der beweist damit nur, dass er einem falschen Wertesystem verfallen ist. Durch die Teilnahme erwächst eine doppelte Abhängigkeit: Erstens sammelt Scientology persönliches Wissen über die Teilnehmer, das bei Bedarf auch genutzt wird, um Druck auszuüben. Zweitens verschulden sich viele Kursteilnehmer. Schließlich werden Angehörige, die den Kontakt halten, angeschwärzt beziehungsweise mit Anrufen und ungebetenen Besuchen traktiert. Das schweißt den Neu-Scientologen an die Organisation.

Scientology reklamiert gern für sich den Begriff "Kirche", doch weder handelt es sich bei der Dianetik um eine religiöse Heilslehre, noch bei der dahinter stehenden Organisation um eine karitative Gemeinschaft. Zwar gibt sich Scientology einen pseudoreligiösen Touch, aber in Wahrheit ist es eine straff gegliederte Wirtschaftsorganisation mit elitärem Anspruch. Jährlich erwirtschaftet der Konzern mit Kursen und aus Lizenzgebühren eine halbe Milliarde Dollar. Er verfügt über erheblichen Immobilienbesitz. Das Unternehmen will seinen Einfluss vor allem in Richtung der Wirtschaft ausweiten und bietet daher Seminare und Beratung für Unternehmen und Manager an.

Nach Erkenntnissen des baden-württembergischen Verfassungsschutzes hat die Organisation im Land seit Jahren etwa 1000 Mitglieder. Versuche, mit der Gründung diverser Lobbygruppen neue Anhänger zu rekrutieren, waren demnach nicht erfolgreich. Zu den Tarnorganisationen gehören dem Verfassungsschutz zufolge neben dem "Zentrum für Lebensfragen" eine Gruppe "Jugend für Menschenrechte", die Kampagne "United for Human Rights" , für die im Internet geworben wird, aber auch Nachhilfeeinrichtungen wie das "Professionelle Lerncenter".

Autor: Franz Schmider