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08. August 2012 00:01 Uhr
BZ-Interview
Terpe zu Organspende: "Wir müssen alles für Vertrauen tun"
Das System der Transplantationsmedizin muss nach Auffassung des Grünen-Abgeordneten Harald Terpe auf den Prüfstand. Wo er die Schwachstellen sieht, schildert er im Interview.
BZ: Viele Organe werden in Deutschland nicht über das Warteliste-Verfahren, sondern in gestiegenem Maß über ein beschleunigtes Verfahren vergeben. Das machen Zahlen deutlich, die die Regierung auf Ihre Anfrage hin bekannt gab. So werden 37 Prozent aller transplantierten Lebern, 25 Prozent der Herzen und 30 Prozent der Lungen nach dem beschleunigten Verfahren vermittelt. Wie erklären Sie den Anstieg, der bei Lebern zum Beispiel fast 30 Prozentpunkte beträgt?
Terpe: Mit fällt auf, wie deutlich er ist. Damit will ich nicht sagen, dass es für dieses Verfahren keine guten Gründe gibt. Ganz im Gegenteil soll es ja dazu beitragen, dass möglichst viele Spenderorgane auch wirklich transplantiert werden und so schwer Kranken geholfen wird. Wenn ein Spender zum Beispiel an einer Viruserkrankung litt oder alt war, kann es vorkommen, dass mehrere Transplantationszentren aus medizinischen Gründen das gespendete Organ dieser Person ablehnen. Und damit die Spende nicht vergebens ist, kann dann die Klinik, in der sich der Spender aufhält, selbst entscheiden, wer das Organ bekommt – es also abseits der Warteliste vergeben. Dieses Verfahren setzt aber größte Transparenz voraus.
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BZ: Und die fehlt?
Terpe: Ja, das ist so. Auch müssen wir die Kriterien kritisch überprüfen, die beim beschleunigten Verfahren gelten. Heute wird es oft verwendet, wenn ein Spender schon älter ist. Nun ist es richtig, dass wir älter werden. Viele von uns werden aber gesund alt. Deshalb sollte nicht das Lebensalter eines Spenders, sondern nur die Frage relevant sein, ob ein Organ so beschaffen ist, dass es bei einer Transplantation einem Kranken das Leben rettet.
BZ: Es steht der Verdacht im Raum, dass das beschleunigte Verfahren Missbrauch Tür und Tor öffnet. Transplantationszentren könnten versuchen, massiv auf das beschleunigte Verfahren zu setzen, um so mehr Transplantationen und mehr Umsatz zu erreichen.
Terpe: Sie sagen es: Das ist ein Verdacht. Und mir liegen keinerlei Informationen vor, dass er sich irgendwo erhärtet hat. Soweit dürfen wir es aber gar nicht erst kommen lassen. Organspende ist etwas Altruistisches, ein Akt der Nächstenliebe, wenn Sie so wollen. Viele Menschen sind bereit, nach ihrem Tod ein Organ zu spenden – aber eben nur, wenn sie darauf vertrauen können, dass diese Hilfe strikt nach medizinischen Regeln erfolgt. Im Interesse von schwer kranken Menschen, die ein Spenderorgan brauchen, müssen wir also alles tun, um das Vertrauen in das System der Transplantationsmedizin zu erhalten.
BZ: Dieses Vertrauen hat – Stichwort: Göttingen und Regensburg – arg gelitten. Ist es überhaupt noch zu erhalten?
Terpe: Zweifellos hat der Verdacht, dass dort Wartelisten manipuliert wurden, viele arg erschüttert. Umso wichtiger ist, dass nun alles getan wird, um zu guten Kriterien auch beim beschleunigten Verfahren zu kommen und dafür zu sorgen, dass Missbrauch ausgeschlossen ist. Als Arzt füge ich hinzu: Dieses Ziel ist im ureigensten Interesse der Transplantationsmediziner und der Kliniken. Sie müssen sich volle Transparenz und Glaubwürdigkeit auf die Fahnen schreiben.
BZ: Dafür muss doch der Staat sorgen.
Terpe: Was den rechtlichen Rahmen anbelangt, stimmt das. Und wir als Politiker sind gehalten zu prüfen, ob das System der deutschen Transplantationsmedizin Schwächen hat, die abgestellt werden müssen. Gesundheitsminister Daniel Bahr hat sich bisher an diesen Punkt nicht herangetraut. Wir Grünen werden Druck machen, dass er sich nun an die Arbeit macht. Wichtig ist aber auch, dass sich die Transplantationsmedizin und die Kliniken nicht gegen eine Systemprüfung wehren und Reformen nicht aus einer Art Wagenburg heraus verfolgen.
Die Stiftung Eurotransplant mit Sitz in den Niederlanden ist für die Zuteilung von Spenderorganen in Deutschland, Belgien, Kroatien, Luxemburg, den Niederlanden, Österreich und Slowenien verantwortlich. Auf der Warteliste stehen mehr als 15 000 Patienten. Pro Jahr werden von Eurotransplant rund 7000 Organe vermittelt. In Deutschland liegt der Bedarf bei 12 000 Organen pro Jahr.
Standardverfahren: Die 72 Transplantationszentren in den Mitgliedstaaten speisen die Merkmale von Patienten, die auf ein Organ warten, in die zentrale Datenbank von Eurotransplant ein. Sobald ein Spender gefunden ist, werden auch dessen Merkmale in die zentrale Datenbank aufgenommen. Dann bestimmt Eurotransplant mit Hilfe eines Computerverfahrens die passende Kombination. Mehrere Prinzipien sind für die Zuteilung von Bedeutung: vor allem der zu erwartende Erfolg, die Dringlichkeit und die Wartezeit.
Beschleunigtes Verfahren: Bei immer mehr Organen gelingt es aber nicht, sie in diesem Standardverfahren zu vergeben. Das betrifft häufig Organe von Spendern mit Krankheiten wie Krebs, Blutvergiftung oder Drogenabhängigkeit. Diese Organe sind frei für das sogenannte beschleunigte Vermittlungsverfahren. Die Transplantationszentren wählen dabei selbst den am besten geeigneten Empfänger aus.
Autor: Bernhard Walker mit dpa



