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27. März 2010 00:05 Uhr
Interview
Türkische Gymnasien: "Falsches Signal"
Der FDP-Politiker Serkan Tören hat eine klare Meinung: Mit seiner Forderung nach türkischen Gymnasien in Deutschland hat der türkische Ministerpräsident Erdogan einen Fehler gemacht.
Serkan Tören (FDP), Bundestagsabgeordneter und Vorstandsmitglied der Türkischen Gemeinde in Deutschland, findet, Erdogans Vorstoß schade der Integrationsdebatte in Deutschland. Mit ihm sprach Sarah Nagel.
BZ: Was halten Sie von der Forderung des türkischen Ministerpräsidenten, türkische Gymnasien in Deutschland einzurichten?
Serkan Tören: Erdogans Vorschlag geht an den Problemen nicht gleicher Chancen, die wir haben, völlig vorbei und sendet ein falsches Signal. Er macht hier in der Integrationsdebatte zudem einiges kaputt, weil er Misstrauen schürt.
BZ: Privatschulen – von türkischen Migranten gegründet – gibt es ja auch bereits. Die unterrichten allerdings nach deutschen Lehrplänen, Unterrichtssprache ist Deutsch, es gibt einen integrativen Ansatz. Was fehlt an diesen Konzepten, dass Erdogan zusätzlich türkische Gymnasien fordert?
Tören: Er stieß die ganze Debatte ja schon vor zwei Jahren an. Erdogan hat nun wieder nicht klargestellt, was er eigentlich genau will. Ich fasse das so auf, dass er rein türkischsprachige Gymnasien möchte. Ihm geht es eindeutig nicht um Mehrsprachigkeit. Bei ihm steht die türkische Sprache im Vordergrund. Durch solche Schulen würden wir Kinder aber aus der Mehrheitsgemeinschaft rausnehmen, das ist ein Zeichen für Abgrenzung. Gegen Türkisch als Zweitsprache sagt ja keiner etwas. Wenn Kinder die Sprache ihrer Eltern gut beherrschen, steigert das das Selbstwert- und das Sprachgefühl.
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BZ: Erdogan begründete seinen Vorschlag mit den Sprachproblemen vieler der drei Millionen Türken in Deutschland. Voraussetzung, um in Baden-Württemberg aufs Gymnasium zu kommen, ist aber ein gutes Deutsch ...
Tören: ... Das ist ja genau das Paradoxe. Wenn nach der Grundschule die Sprachprobleme nicht beseitigt sind, schaffen wir es meistens gar nicht mehr. Wir brauchen Sprachstandards schon bei Vier- bis Sechsjährigen, müssen die Eltern einbeziehen. Es gibt etwa einen mehrsprachigen Kindergarten in Hamburg, der mich sehr begeistert. Zudem brauchen wir mehr Lehrer mit Migrationshintergrund, damit die Schüler Vorbilder haben, und schließlich eine ganztägige Förderung.
BZ: In der Türkei gibt es deutsche Schulen. In Istanbul entsteht gerade eine deutsch-türkische Universität. Warum ist die Ablehnung gegenüber türkischen Schulen in Deutschland so groß?
Tören: Die Politik hat, was die Integration betrifft, lange geschlafen. Deshalb stehen wir jetzt auch vor Ängsten, die in der Diskussion abgebaut werden müssen. Allerdings kann man die Situation in Deutschland und der Türkei kaum vergleichen, weil wir vor ganz anderen Problemen stehen. Die deutschen Schulen in der Türkei sind hauptsächlich für Diplomatenkinder, und an der Istanbuler Uni geht es vor allem um den Dialog.
Autor: Sarah Nagel


