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13. Oktober 2017

Türkischunterricht in der Kritik

Kurden bemängeln, es werde Nationalismus gelehrt / Behörden sehen keine Anhaltspunkte.

  1. Susanne Eisenmann Foto: DPA

BERLIN (dpa). Angesichts der deutsch-türkischen Spannungen gerät von der Türkei organisierter Türkischunterricht in Deutschland immer stärker in die Kritik. Kritische Fragen zu dem so genannten Konsulatsunterricht gab es am Donnerstag anlässlich einer Sitzung der Kultusministerkonferenz (KMK). "Der dort vermittelte Nationalismus lässt sich mit unserem Grundgesetz nicht vereinbaren", sagte der Generalsekretär der Kurdischen Gemeinde, Cahit Basar, der Heilbronner Stimme. Basar äußerte den Verdacht, dass es türkische Spione unter den Konsulatslehrern gebe. Die KMK-Präsidentin und baden-württembergische Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) hat keine Hinweise auf solche Spionage.

"Sollten wir belastbare Anhaltspunkte für Problemlagen haben, so geht die Schulaufsicht jedem Einzelfall umgehend nach." Es werde besonderes Augenmerk auf die Zusammenarbeit zwischen den Schulen, der Schulaufsicht und den Konsulaten gelegt. "Aufgrund der Rückmeldungen liegen uns aber derzeit keine Hinweise auf Spionagefälle vor."

Hamburgs Schulsenator Ties Rabe (SPD) dringt auf mehr Angebote für Migrantenkinder im normalen Unterricht. "Die vielen Verdachtsmomente und Vorwürfe zum Konsulatsunterricht sind bei genauerem Hinsehen nicht in dem Maß berechtigt", sagte Rabe. Beim türkischen Konsulatsunterricht bekommen Kinder, deren Eltern aus der Türkei stammen, in Deutschland Türkisch und Heimatkunde beigebracht. Die Lehrer werden vom türkischen Staat ausgewählt und bezahlt.

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Nicht berechtigt seien Bedenken, dass dabei von langer Hand vorbereitet eine unangemessene Staatsdoktrin oder Ideologie etwa im Sinn von Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan vermittelt würde, sagte Rabe. Schulräte hätten den Konsulatsunterricht in der Hansestadt besucht sowie sich verwendete Unterrichtsmaterialien zeigen lassen. Die Besuche seien zwar angemeldet gewesen, aber er gehe davon aus, dass die Schulräte nicht getäuscht worden seien. "Bei der Beschäftigung mit dem Konsulatsunterricht wurde uns deutlich, dass es den ernstzunehmenden Wunsch gibt, etwas vom Heimatland zu erfahren", sagte Rabe weiter. Allerdings sei dieser nach dem normalen Schulbetrieb erteilte Unterricht pädagogisch eher unmodern, zudem würden unter anderem ungefiltert Atatürk-Traditionen weitergegeben.

Positiv wäre es aus Sicht des SPD-Politikers, wenn den Kindern aus Migrantenfamilien verstärkt Angebote wie etwa Türkischunterricht im staatlichen Schulbetrieb gemacht würden. Dies könnten etwa Wahlpflichtkurse oder Angebote einer zweiten oder dritten Fremdsprache sein.

Konsulatsunterricht gibt es nicht nur für türkischstämmige Kinder. Erteilt wird er für Grundschüler und Schüler bis zur Mittelstufe. Bereits vor vier Jahrzehnten wurde er in mehreren Bundesländern eingerichtet. Damals war das Motiv, dass Kinder von Gastarbeitern vorbereitet werden sollten, in die Heimat der Eltern zurückzukehren.

Konsulatsunterricht gibt es laut KMK-Sekretariat in Baden-Württemberg, Bayern, Berlin, Bremen, Hamburg, Hessen, dem Saarland und Schleswig-Holstein. In den neuen Ländern und Rheinland-Pfalz gibt es ihn nicht. In Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen besteht die Möglichkeit, er findet jedoch wegen des Angebots an staatlichem herkunftssprachlichen Unterricht nicht oder kaum statt.



Autor: dpa