Vertraute Hässlichkeit

afp

Von afp

Sa, 12. August 2017

Deutschland

Bundeskanzlerin Angela Merkel, in der DDR aufgewachsen, besucht die Gedenkstätte im früheren Gefängnis der Staatssicherheit.

BERLIN (AFP). Irgendwann fällt Angela Merkel ein wenig aus der vertrauten Rolle. Bei ihrem Besuch im früheren Stasi-Gefängnis in Berlin-Hohenschönhausen wird aus der Bundeskanzlerin plötzlich eine Art Museumsführerin. Sie sagt "wir DDR-Bürger" und erläutert der aus Westfalen stammenden Monika Grütters, die Merkel als Regierungsbeauftragte für Kultur und Medien begleitet, die Währungstauschregeln für DDR-Touristen im sozialistischen Ausland. Die im brandenburgischen Templin aufgewachsene Merkel hatte mit den Oppositionellen in der DDR bis kurz vor der Wiedervereinigung nichts zu tun und auch nichts mit dem Staatssicherheitsdienst. Dennoch weckt der Besuch in dem grauen Betonkomplex im Osten der Hauptstadt, der heute eine Gedenkstätte ist, Alltagserinnerungen bei der 63-Jährigen.

Auch Gedenkstättendirektor Hubertus Knabe bekommt von seinem prominenten Gast zu hören, wie vertraut ihr diese "Hässlichkeit" sei. Der Ort weckt auch ganz banale Erinnerungen. Auf den langen Fluren zwischen den Zellen riecht es noch immer nach dem damals allgegenwärtigen Reinigungsmittel Wofasept. Die Wandfarben sind unverändert. Auf dem Gefängnishof stehen DDR-Fahrzeuge.

"So haben wir das damals gemacht", sagt Merkel etwa mit Blick auf einen ausgestellten selbst gefertigten Rock, dessen Besitzerin westliche Schnittmuster imitieren wollte. Grütters zeigt sich nach dem einstündigen Besuch bewegt, weil die Kanzlerin mit ihren "DDR-geschulten Augen sehr persönlich erzählt" habe.

Der Bund und das Land Berlin investieren 8,8 Millionen Euro, um die von Mauern und Wachtürmen umgebene Gedenkstätte in ihrer Authentizität zu erhalten. Mit rund 500 000 Besuchern im Jahr stößt Hohenschönhausen auf enormes Interesse. Auch weil mehr als jede zweite Führung von ehemaligen Insassen geleitet wird.

Einer von ihnen ist Arno Drefke. Der 83-Jährige war bis 1962 zehn Jahre in Stasi-Gewahrsam, weil er sich in einem antikommunistischen Jugendverband engagiert hatte. "Ich habe ’54 erlebt, wie in der Nachbarzelle ein Todeskandidat war", sagt er. An diesen Mann habe er denken müssen, als er mit der Kanzlerin einen Kranz am Denkmal für die "Opfer kommunistischer Gewaltherrschaft" niederlegt.

Merkel fragt viel nach, erkundigt sich bei jedem ehemaligen Insassen, der ihr begegnet. Merkel habe sich vor allem dafür interessiert, aus welchen Verhältnissen die DDR-Oppositionellen stammten, sagt Knabe. Die Pastorentochter hatte sich zu DDR-Zeiten auf ihre naturwissenschaftliche Karriere konzentriert, und es war zu vermuten, dass sie zumindest bei einigen der einstigen Unangepassten aneckt. Tatsächlich erwarten etwa 30 Demonstranten die Kanzlerin bei ihrer Ankunft vor dem Gefängnis. Es sind DDR-Flüchtlinge, die sich von der für sie gültigen Rentenregelung diskriminiert fühlen.

Merkel sucht auf Anraten Knabes das Gespräch mit den Demonstranten und sichert ihnen zu, sich mit dem Thema zu beschäftigen. "Sie hat so getan, als ob sie das Problem nicht kennt", sagt einer der Demonstranten, Siegfried Ulrich. Die Ausgereisten und Freigekauften sind auch nach dem Gespräch noch skeptisch – aber überrascht vom offenen Ohr der Kanzlerin.