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06. August 2012

Schlecker

Viele Vorwürfe der Ex-Mitarbeiter

Ex-Mitarbeiter von Schlecker packen aus – und der Insolvenzverwalter schweigt.

  1. Die letzten Schlecker-Filialen schlossen Ende Juni. Foto: dpa/dapd

  2. Anton Schlecker Foto: Verwendung weltweit, usage worldwide

Fleischzentrale im Zentrallager von Schlecker in Ehingen bei Ulm. Dienstag, kurz vor 10 Uhr: Erhard Paus (Name geändert) geht ins Büro im ersten Stock, öffnet den Tresor und holt eine Fleischschale heraus. Auf der Platte türmen sich Hunderte von Geldscheinen, Münzen und Lieferscheine. Paus zählt das Geld, packt es in eine Einkaufstüte, geht zum Parkplatz und fährt mit dem Firmenwagen zum wenige Kilometer entfernten Schlecker-Hochhaus. Im ersten Stock des Glasbaus zählt Paus wieder – wieder mit der Hand, denn eine Zählmaschine hielt Anton Schlecker, der im obersten Stockwerk des Gebäudes residiert, für überflüssig. Mehr als 20 000 Euro überreicht der Metzger dann dem Mann, der Schleckers Barkasse verwaltet.

Jemand schiebt in einer Plastiktüte einen Batzen Schwarzgeld über den Tisch: Das wirkt wie eine Szene aus den 50er oder 60er Jahren. Die Szene stammt aber aus dem Jahr 2011. "Wenn Sie das System Schlecker verstehen wollen, müssen sie wissen, dass Anton Schlecker und sein Vater Metzger waren und dass sie ihr Handwerk als Unternehmer in dieser Zeit gelernt haben", sagt eine ehemalige Angestellte, die anonym bleiben will.

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17 Metzgereien und eine Fleischfabrik besaßen die Schleckers, als der junge Anton 1975 in Kirchheim unter Teck den ersten Drogeriemarkt eröffnete und eine sagenhafte Expansion erlebte. Das Geschäft mit Fleisch und Wurst wollte der Metzgermeister nie aufgeben.

Paus hat für Anton Schlecker als Metzger gearbeitet, gesehen hat er ihn aber nie. Bis zu 16 Stunden am Tag hat er geschuftet, sagt er, denn häufig musste Paus auch noch die Ware im Raum Stuttgart und Heilbronn ausfahren. Korrekt abgerechnet wurde, so Paus, bei den Arbeitszeiten aber nie. Zu den Kunden zählten neben der Gastronomie und Metzgereien auch die Kantinen des Oberlandesgerichts, des Staatstheaters oder des Gefängnisses in Stuttgart-Stammheim. Außerdem belieferte man die Schlecker-Läden, denen eine eigene Metzgerei angeschlossen war. Gelegentlich sei auch Fleisch verkauft worden, dessen Verfallsdatum kurz bevorstand. Zum Vorzugspreis. "Mehr als die Hälfte musste ich bar kassieren", sagt der gelernte Metzger. Und bei der Hälfte der Quittungen hätten die Kunden mit falschen Namen unterschrieben. Auch ohne Rechnung sei gelegentlich geliefert worden. Vorteil für die Kunden: Sie müssen die Lieferung nicht versteuern. "Bezahlt haben die Gastronomen vermutlich mit Schwarzgeld", sagt Paus.

Manchmal musste der Metzger die vielen Scheine, die er bar kassiert hatte, über Nacht oder übers Wochenende zu Hause aufbewahren, ehe sie in einem Tresor in Ehingen zwischengelagert werden konnten. "Da kamen mitunter über 5000 Euro zusammen", sagt Paus, der bei den hohen Summen immer ein mulmiges Gefühl hatte. Am Folgetag hat er das Geld mit den Lieferscheinen dann im Büro in Ehingen abgeliefert. Quittiert wurde nichts.

Eines Tages im Sommer 2011 erscheinen im Büro der Fleischzentrale Beamte mit einem Durchsuchungsbefehl. Die zehn Männer der Steuerfahndung beschlagnahmen körbeweise Rechnungsbücher und andere Akten. Auch im Glasbau werden sie fündig.

Die eigenen Gesetze

des Systems Schlecker

Schon kurz darauf wird Schleckers innere Revision aktiv. Fahrer werden zurückgerufen, müssen ihre Ware abladen und nachwiegen lassen. Schleckers Leute kennen die Tricks. Sie vermuten, dass sich Beschäftigte bereichert haben. Ein altes Problem der Drogeriemarktkette des "eingetragenen Kaufmanns" Anton Schlecker. Um Inventurverluste zu minimieren, waren Bezirks- und Filialleiter immer wieder dazu angehalten worden, die Taschen, Spinde und Privatfahrzeuge der Verkäuferinnen zu überprüfen. Es herrschte ein Klima des grundsätzlichen Misstrauens. "Dass das mittlere und untere Management aber selbst zum Täter werden konnte, spielte keine Rolle", berichtet Christina Frank, die bei Verdi in der Region Stuttgart für Schlecker zuständig ist.

Frank hat Aussagen von Verkäuferinnen und Detektiven gesammelt, die belegen, dass Schlecker-Angestellte Waren entwendet und die Inventur manipuliert haben. "Einige Verkäuferinnen hatten dann den Mut, dies an höherer Stelle und bei der Polizei zu melden." Doch dann habe sich ihre Vorgesetzte – die Detektive nannten sie "Furie" – fürchterlich gerächt. "Einmal hat mich meine Chefin sogar gewürgt", berichtet die Verkäuferin Nuriyel Arslal. "Ich habe keine Luft mehr bekommen." Ein anderes Mal seien sie und ihre Kollegin geschlagen worden. In einem späteren Gerichtsverfahren werten die Richter die Aussagen als glaubwürdig.

"Die beiden Frauen waren traumatisiert und konnten zeitweise nicht mehr arbeiten, da sie unter ständigen Angstzuständen litten und mit Psychopharmaka behandelt werden mussten", berichtet Christina Frank. Kündigen wollte Schlecker der gewalttätigen Vorgesetzten dennoch nicht. Nicht einmal eine Versetzung war durchsetzbar. Deshalb sah sich der Betriebsrat gezwungen, etwas zu tun, was nur sehr selten vorkommt. Er beantragte beim Arbeitsgericht die Kündigung der Frau. Zwei Jahre dauerte es, bis sich die Interessenvertreter dann durchgesetzt hatten.

Das Urteil des Landesarbeitsgerichts erwähnt auch angeblich "fingierte Bestellungen und unerlaubte Entnahme von Waren" durch die Filialleiterin. Christina Frank wird deutlicher: "Das war nach dem, was ich weiß, Hehlerei." Denn das Diebesgut sei wieder verkauft worden. Der Fall wird wohl nie mehr ganz aufgeklärt werden.

Gedeckt wurde die Filialleiterin auch von Vorgesetzten, die die Verkäuferinnen massiv unter Druck setzten und kündigten. Allerdings ohne Erfolg, denn das Arbeitsgericht hat den Frauen Recht gegeben. Die Verkaufsleiterin – hinter vorgehaltener Hand wurde sie "Rambo" genannt – bekam einen Strafbefehl, da ihr die Nötigung der Verkäuferinnen nachgewiesen werden konnte. Das Büro des Schlecker-Insolvenzverwalters Arndt Geiwitz kennt den Fall und etliche weitere Strafbefehle dieser Art. Eine Stellungnahme dazu oder zu den Vorwürfen des Metzgers Paus gibt es von ihm nicht.

Kurze Zeit nach der Razzia in der Ehinger Fleischzentrale wirft man Paus vor, er habe 201,14 Euro unterschlagen. Paus ist fassungslos. Er kann sich das nicht erklären. Und dann wird die Daumenschraube angelegt. Ein Vorgesetzter droht so lange mit Polizei und Staatsanwaltschaft, bis der Metzger einen vorbereiteten Text unterschreibt. Er muss den Schlüssel zum Dienstwagen abgeben und darf abtreten. Später ruft ihn ein weiterer Chef an und warnt ihn davor gegen Schlecker zu klagen. Man würde ihm sonst den Resturlaub nicht auszahlen, einen vierstelligen Betrag wegen einer anderen Sache zurückfordern und ein schlechtes Zeugnis ausstellen. Paus versteht die Welt nicht mehr. Er hat bis zu 16 Stunden täglich für Anton Schlecker gearbeitet, damit seine Gesundheit und seine Familie aufs Spiel gesetzt.

Und dann wird die

Daumenschraube angelegt

"Herr Paus war vermutlich ein Baueropfer im Hinblick auf die innere Revision in der Fleischzentrale", sagt Ehrenfried Göhricke, der Paus vor dem Arbeitsgericht vertreten hat. Dabei fehlt ein schlüssiger Beweis für die Unterschlagung. Andererseits habe Schlecker "zielgerichtet verhindert, dass die Beschäftigten die ordnungsgemäße Abgabe der von Bareinnahmen und Lieferscheinen beweisen konnten". Auch die Richterin am Arbeitsgericht Ulm konnte den Vorgang beim Gütetermin nicht nachvollziehen. "Warum sollte Herr Paus denn einen so krummen Betrag unterschlagen", fragte sie die Schlecker-Vertreterin, die darauf wie auf etliche andere Fragen keine Antwort hatte.

Seit Mitte Juni ermittelt die Staatsanwaltschaft Stuttgart gegen Anton Schlecker, seine Frau, die beiden Kinder und zehn weitere Personen. Grund: Verdacht der Untreue, des betrügerischen Bankrotts und der Insolvenzverschleppung. Für Kenner war dies nicht überraschend: Die Gewerkschaft Verdi hatte schon im Juni einige Immobiliengeschäfte des einstigen Drogeriekönigs und Milliardärs öffentlich gemacht und mit einer Klage gedroht. Er soll mehrere Grundstücke kurz vor der Insolvenz an seine Kinder Meike und Lars verkauft haben. Auch Teile des Firmenvermögens und teure Autos sollen auf Familienmitglieder übertragen worden sein, um sie der Insolvenzmasse zu entziehen.

"Geprüft werden müssten auch die Geschäfte der beiden Schlecker-Kinder, die die Schlecker-Logistik LDG übernommen und dem Vater ihre Dienste vermutlich bewusst überteuert verkauft haben", sagt Bernhard Franke, der beim Verdi-Landesbezirk Baden-Württemberg für Schlecker zuständig ist.

Der gleiche Verdacht bezieht sich auf die Leiharbeitsfirma Meniar ("Menschen in Arbeit"), die laut Presseberichten ebenfalls von den Kindern betrieben wurde. Sie hat mehrere tausend Frauen und Männer, oft ehemalige Verkäuferinnen, an Schlecker zu Billiglöhnen verliehen. Meniar zahlte etwa die Hälfte des Tariflohns, hat aber weit höhere Sätze abgerechnet und damit gigantische Gewinne gemacht.

"Die Methoden des Anton Schlecker sind von Teilen des Managements übernommen worden", vermutet Christina Frank von Verdi. Das System habe sich verselbständigt. Für die Betroffenen Frauen und Männer ist dies kein Trost. "Mein Mandant müsste noch rund 25 000 Euro für die vielen nicht bezahlten Überstunden bekommen", sagt Rechtsanwalt Göhricke. Doch ob Erhard Paus das Geld je sehen wird oder auch nur einen Teil davon, weiß derzeit niemand. Auch die vielen Verkäuferinnen, die noch Ansprüche haben, könnten leer ausgehen, denn die Insolvenzforderungen haben sich mittlerweile auf mehr als eine Milliarde Euro summiert.

Ansprüche aus der Zeit vor der Insolvenz können nach aktuellen Schätzungen nur noch zu weit weniger als zehn Prozent befriedigt werden. Und auch das kann noch Jahre dauern.

INFO-BOX: Der Untergang von Schlecker

Schlecker war einst nach Anzahl der Filialen und Umsatz die größte Drogeriekette Deutschlands. In den vergangenen Jahren geriet das Unternehmen in immer größere Bedrängnis. Im Januar meldete die Firma mit Sitz in Ehingen Unternehmen Insolvenz an. Die letzten Schlecker-Filialen schlossen am 27. Juni. Gleichzeitig wurde bekannt, dass Anton Schlecker sein Privathaus im Wert von zwei Millionen Euro vor der Insolvenz an seine Frau übertragen hat. Ein weiteres Grundstück soll an seinen Sohn gegangen sein. Die Staatsanwaltschaft ermittelt unter anderem wegen des Verdachts auf Untreue und Insolvenzverschleppung. Frühere Berater werfen Anton Schlecker schwere Fehler vor. Der Unternehmer habe bei einem Restrukturierungsprogramm nicht über Finanzierungsfragen sprechen wollen. Außerdem habe er die Schließung unrentabler Filialen verhindert. Durch die Schlecker-Pleite haben insgesamt rund 25 000 Mitarbeiter des Unternehmens ihren Job verloren.  

Autor: dpa/dapd

Autor: Hermann G. Abmayr