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24. Dezember 2011
Vom Protestcamp zur Sozialstation
Der Winter macht der Occupy-Bewegung in Berlin zu schaffen.
Wenn Sandra von damals spricht, dann meint sie den Oktober. Damals also, vor zwei Monaten, stand die zierliche Frau mit dem zotteligen Pelzkragen drüben vor dem Reichstag und fühlte sich plötzlich als Teil einer ganz großen Sache. Weltrevolution, jetzt auch in Berlin. "Wir sind die 99 Prozent", skandierte Sandra mit den anderen. Davor war sie kreuz und quer durch Deutschland gezogen, kam mal hier unter, mal dort. Eine Wohnung hat sie nicht. "Ausgestiegen", sagt Sandra. Ihre Söhne durfte die dreifache Mutter da schon nicht mehr sehen, ein Psychologe hielt den Kontakt nicht für angebracht. Milas und Gianni sind jetzt im Kinderheim. Tim, der Älteste, ist bei seinem Vater. Mehr will Sandra nicht sagen. Aber man spürt: Sie war ganz unten. "Das System war gegen mich, ich hatte keine Chance." So sieht es Sandra.
Irgendwann erzählte jemand, in New York hätten sie einen Park an der Wall Street besetzt, und jetzt wolle man auch in der deutschen Hauptstadt ein Camp errichten. Occupy, das fremde Wort aus dem Englischen, klang selbstbewusst und mutig. "Für mich ist Occupy das Recht, anders leben zu dürfen. Ich wollte mir hier eine Hütte schaffen und zum Frühling hin wieder mit Kindern arbeiten", erzählt Sandra. Vor ihrem Absturz hatte sie auf Sozialhelferin umgeschult. Jetzt lebt sie in einem großen Zelt am Spreeufer.
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Es ist eine sehr persönliche, nicht wirklich eine politische Geschichte aus Deutschlands derzeit wohl prominentestem Besetzercamp. Untypisch ist sie nicht. Die Zeit ist vorbei, in der man bei den Besetzern auf dem Gelände der früheren Gastwirtschaft Bundespressestrand auf eine bunte, fröhliche Aufbruchsstimmung traf. Die eifrigen Aktivisten mit ihren Laptops und jene, die stundenlang über so komplizierte Dinge wie die Regulierung der Finanzmärkte diskutierten, sind in ihre Wohnungen oder Studentenbuden zurückgekehrt. Es gibt in Berlin noch immer fast täglich von Occupy organisierte Arbeitsgruppen, Veranstaltungen, Foren – aber da, wo geheizt wird. Wo es warm ist. Das soziale Gefüge draußen im Camp hat sich gewandelt. Wer einen Job hat oder studiert, der konnte ohnehin nicht lange bleiben. Je länger das Camp existierte, je tiefer die Temperaturen fielen, desto mehr Leute verabschiedeten sich. "Jetzt sind nur noch die Harten im Garten", sagt Sandra und bläst in die kalten Finger. Es ist kurz vor fünf, gleich beginnt die Asamblea, jene tägliche Versammlung, zu der man sich trifft, um basisdemokratisch anstehende Fragen zu klären. Gerade 15 Campbewohner sind heute gekommen. Beißender Rauch hängt im feuchtkalten Gemeinschaftszelt. In einer Tonne schlägt ein Lagerfeuer grelle Flammen.
Das Brennholz stammt von jenen Planken, auf denen Berlin einst wilde Partys feierte, als der Bundespressestrand noch ein beliebtes Sommerrestaurant war. Das Lokal musste schließen, weil Bund und Privatinvestoren auf dem Gelände im Regierungsviertel ein neues Bürogebäude für das Bildungsministerium errichten wollen. Mitte November rückten dann die Occupy-Aktivisten an. Nur die Jahreszeit war denkbar schlecht gewählt. Da ging es den Berliner Aktivisten wie allen Besetzern in den Occupy-Camps in Europa und Nordamerika: "Die Bewegung hat zwei gnadenlose Feinde", sagt Elisabeth Jacobs von der Denkfabrik Brookings in Washington, "den Winter und die Polizei." Letztere hat vor allem in den USA viele Camps geräumt.
In den USA, der Heimat von Occupy, gibt es viele der symbolischen Zeltlager längst nicht mehr. Dort hatte alles vor drei Monaten mit einer spektakulären Aktion begonnen: Am 17. September waren in New York Hunderte dem Aufruf zur Besetzung der Wall Street gefolgt, es war die Geburtsstunde der Bewegung. Mit "Occupy Wall Street" schien sich auf den Straßen jene Wut über einen ebenso rücksichtslosen wie riskanten Finanzkapitalismus zu entladen, die seit der verheerenden Weltwirtschaftskrise 2008 bis weit in die gesellschaftliche Mitte der USA existiert. Das Lager im kleinen Zuccotti Park fand rasch Nachahmer, überall zwischen New York und Los Angeles entstanden Protestcamps, bald auch in anderen Ländern. Auch in den Medien war Occupy überall präsent: "Sie haben soziale Themen wieder auf die Agenda gesetzt, die klaffende Schere zwischen Arm und Reich", sagt die Politologin Jacobs, "davor ging es in Washington nur noch um Schuldenabbau und die Sanierung der Staatsfinanzen." Die Taktik, mit spektakulären Protestcamps maximale Aufmerksamkeit zu erreichen, ging anfangs auf.
Mit der Zeit aber sorgten die Zeltlager auch für Negativschlagzeilen. Nachdem Chaoten vom schwarzen Block im kalifornischen Oakland Geschäfte demoliert hatten, entschuldigten sich Occupy-Aktivisten für die Ausschreitungen. Obdachlose zogen in viele Camps, angezogen von dampfenden Feldküchen und sauberen Sanitäreinrichtungen. Es gab Berichte über Alkoholprobleme und Übergriffe. Basisdemokratische Versammlungen endeten nicht selten im Streit.
Das ist auch in Berlin so. "Wir sind mit allen am Kämpfen, einige Leute wollen uns weghaben, andere kommen und machen Stunk", erzählt Sandra. Immerhin, seit man ein Alkoholverbot beschlossen habe, "bleiben die Alkoholiker weg". Ein Rotschopf ergreift das Wort: "Ich würde mir wünschen, dass die, die noch da sind, hier noch mal eine funktionierende Struktur aufbauen. Das Camp sollte wieder die Schaltzentrale unserer Aktionen sein, nicht nur eine Sozialstation." Alle nicken. Und blicken stumm ins Feuer.
Autor: Dietmar Ostermann
