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02. Februar 2012

Interview

Was sagt ein Verkehrspsychologe über den Reiz des Rasens?

"Das ist ein bisschen wie beim Drogenkonsum": Verkehrspsychologe Jürgen Schmitz über den Reiz des Rasens und die Lust an der Gefahr.

  1. Jürgen Schmitz Foto: Privat

Raser, Drängler und Punktesünder sind seine Kunden: Jürgen Schmitz (50) arbeitet als Verkehrspsychologe in Freiburg. Patrik Müller sprach mit ihm.

BZ: Herr Schmitz, Sie haben beruflich mit Temposündern zu tun. Welche Ausrede hören Sie eigentlich am häufigsten für’s zu schnelle Fahren?

Schmitz: Da kommen Sätze wie: Ich beherrsche mein Fahrzeug, wenn ich schnell fahre, ist das nicht gefährlich, man sollte lieber mal auf die gucken, die mit 70 Kilometern pro Stunde die Straße blockieren. Raser neigen dazu, sich und ihre Fähigkeiten kolossal zu überschätzen.

BZ: Was reizt eigentlich am Rasen?

Schmitz: Das ist unterschiedlich. Schnelles Fahren ist eine Grübelbremse. Manchem hilft das Rasen, sich gedanklich nicht zu zerfasern, nicht über zu viele Sachen nachzudenken. Bei Untersuchungen konnte nachgewiesen werden, dass bestimmte Prozesse, die das Denken vereinfachen, bei steigender Geschwindigkeit zunehmen – Rasen zwingt das Gehirn, in einen existenzerhaltenden Modus umzuschalten.

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BZ: Weil man dabei sein Leben riskiert.

Schmitz: Es ist widersprüchlich. Auf der Vernunftebene verstehen Raser sehr wohl, dass es eigentlich Blödsinn ist, was sie gerade machen. Dennoch fühlen sie sich dabei besser. Einige suchen auch regelrecht den emotionalen Kick – das ist ein bisschen wie beim Drogenkonsum.

BZ: Junkies müssen immer mehr Heroin spritzen. Müssen Raser immer schneller werden?

Schmitz: In vielen Fällen: ja. Der menschliche Körper hat kein Organ, um Geschwindigkeiten wahrzunehmen. Er muss sich aus Sinneseindrücken erschließen, wie schnell er ist. Und deshalb ist unser Geschwindigkeitserleben extrem anpassungsfähig. Das weiß jeder, der einige Stunden auf der Autobahn unterwegs war und dann durch die 30er-Zone zuckeln muss. Das kommt einem extrem langsam vor.

BZ: Wer braucht, abgesehen von Rennfahrern, eigentlich mehr als 500 PS?

Schmitz: Die Autoindustrie vielleicht? Keine Ahnung. Eigentlich braucht wirklich niemand so ein Auto – selbst mit 90 PS können sie auf 99 Prozent der Straßen die Höchstgeschwindigkeit deutlich überschreiten. Vielen geht es ja auch eher um die Beschleunigung, weniger um eine hohe Endgeschwindigkeit. Und oft geht es natürlich ums Angeben, um die reine Zahl – wie beim Autoquartett.

BZ: Der typische Raser ist Anfang 20, männlich, ungebildet. Richtig oder falsch?

Schmitz: Das ist mir zu sehr Klischee. Es stimmt: Die Gruppe der jungen Männer ist in der Statistik überrepräsentiert. Informationen über den Bildungsstand kann ich aus den Zahlen aber nicht ablesen. Der letzte richtig extreme Raser, mit dem ich zu tun hatte, war ein Motorradfahrer, der mit 240 über die Bundesstraßen gedüst ist und die Polizei abgehängt hat. Der war nicht ungebildet. Man darf ja auch nicht vergessen: Richtig schnelle Fahrzeuge erfordern finanzielle Ressourcen – mit Hartz IV ist da nichts zu machen.

BZ: Wie therapiert man Raser?

Schmitz: Man muss die Leute in nachdenklichen Momenten erwischen. Raser sind außerhalb des Autos durchaus zugänglich und bereit, nachzudenken – die meisten leider erst, wenn der Führerschein weg ist. Ich arbeite seit 1991 als Verkehrspsychologe und habe es sehr selten erlebt, dass jemand freiwillig kommt und sagt: Ich will wissen, was eigentlich mit mir los ist.

Autor: Patrik Müller