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27. März 2010
"Wir sind die graue Maus"
Dass der Himmel über dem Ruhrgebiet heute blau ist, hat sich herumgesprochen. Aber viele Klischees wirken fort. Eine Visite in der europäischen Kulturhauptstadt.
»Bochum, Kohlenstraße
Das klingt nach Klischee, viel Klischee. Kohlenpott, Ruhrrevier, Zeche, Staub. Aber Heinrich Eichenauer ist das egal. Er will sich keine Gedanken über Klischees machen, nicht mit seinen 87 Jahren. Sollen doch die anderen über das Ruhrgebiet, über Bochum und Kohlenstraßen denken, was sie wollen. "Das Leben hier ist gut", sagt er trotzig. Schluss damit. Außerdem müsse er jetzt nach Hause. Mittagessen.
Es muss lange her sein, dass sie auf dieser Straße die Kohlen rauf und runter gefahren haben. Heinrich Eichenauer jedenfalls kann sich nicht daran erinnern. Und das will was heißen. Der Mann lebt seit 1946 an dieser Straße. Immer Hausnummer 13, ein kleiner Mietshausblock, 1937 gebaut. Er hat nur ein paar Meter bis zum Bäcker, wo es Kaffee aus der Thermoskanne gibt und an der Ladentüre steht: "Bio-Vollwert-Backwaren in Top-Qualität von Ihr Bäcker Schüren". Von seinem Küchenfenster aus sieht er den Eingang zu dem früheren Kosmetikgeschäft, vor dem sich jetzt vergilbte Zeitungen stapeln. Das Schild haben sie hängen lassen. "Cosmeticerie" steht darauf. Jetzt ist das Schild nur noch Kosmetik.
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Und wenn Heinrich Eichenauer zur Arbeit geht, die Schiebermütze tief ins Gesicht gezogen, dann muss er auch nur ums Eck. Der Malerbetrieb ist gleich im Hinterhof. Dort hat Eichenauer nach dem Krieg eine Stelle gefunden. Bis heute ist er geblieben. Er hat noch einen kleinen Schreibtisch, und da erledigt er ein wenig Schriftkram. "Jetzt haben die Studierten hier das Sagen." Er blickt auffordernd über den Rand seiner Brille, als erwarte er einen Kommentar. Und sagt dann doch selbst: "Ich sach den Chefs immer: Arsch hoch, geht raus zu den Leuten."
In Bochum hat die letzte Zeche in den siebziger Jahren dicht gemacht. Auch die Stahlfirmen haben gelitten. Die Kohlenstraße ist eine typische Straße unweit des Zentrums, mit Wohnhäusern, einem Klaviergeschäft und einem Kreisverkehr. In dessen Mitte hat die Stadt im Juni ein Kunstwerk hingestellt, das an große Zeiten erinnern soll. Es heißt "Stahlhalla", in Anlehnung an Bayerns Ruhmeshalle Walhalla. Dahinter geht die Kohlenstraße weiter. Da gibt es einen Baumarkt und ein wenig Industrie. Bochum, das ist auch noch Opel, Uni, Bergbaumuseum und Musical. Der VfL spielt wieder gegen den Abstieg. Nokia ist schon weg.
Geblieben sind die Menschen. "Nicht besonders höflich, dafür aber sehr direkt", behauptet der Bochumer Schriftsteller und Kabarettist Frank Goosen. Heinrich Eichenauer ist nicht unhöflich, ganz und gar nicht. Aber direkt. "Arsch hoch, geht raus zu den Leuten", sagt er also seinen Chefs. Andernorts würde man was von "Kundenbindung" schwafeln. Bochum hat viel verloren. Nicht aber seine Sprache.
»Bochum-Wattenscheid,
Hüller Straße
Ein Gespräch mit dem Fachmann für Ruhrpott-Klischees. "Ja, so sind wir hier", sagt Werner Boschmann, als er von Eichenauers Geschichte erfährt. Für manche Ohren klinge das vielleicht provinziell. "Aber ich sag Ihnen was: Ich will gar nicht raus aus dem Provinziellen. Provinziell ist schön." Boschmann ist der Mann in Nordrhein-Westfalen, wenn es um Literatur aus dem Ruhrgebiet geht. In seinem kleinen Verlag, beheimatet in Bottrop, erscheinen Krimis, Anekdoten und Heimatbücher – alles, was über das Revier lesenswert ist.
Die Imbissbude, hat Boschmann am Telefon gesagt, sei nicht zu übersehen. Ein schrill gelbes Eckhäuschen, das "Frittenschmiede" heißt. Eine Art Galionsfigur ziert das Flachdach. Besitzer Harry Benfer hat vor dem Haus ein Zelt aufgebaut mit Heizpilzen. Die tun alles, nur nicht heizen. Es gibt Currywurst mit Pommes, Ketchup und Mayo. "Einmal mit allem für zwei", hat Boschmann bestellt. Der knapp 60-Jährige trägt eine schwarze Jacke und eine lässige Baseballmütze. Wir reden über Vorurteile.
Der Schriftsteller Goosen schreibt: Wann immer Zugereiste zu ihm sagen, sie seien überrascht, wie grün es im Ruhrgebiet ist, dann entgegne er: "Ja, stellt euch vor, wir haben sogar fließend Wasser!" Boschmann dagegen sagt: "Die meisten Vorurteile über uns stimmen." Der Stahl, die Lastwagen, der Verkehr: "Für viele ist das nicht schön. Aber für uns ist das schön." Die Region tue sich nur schwer damit, das auch so zu vermarkten. Boschmann findet, dass das vor allem am Kirchturmdenken liegt. Jede Kommune im Ruhrgebiet denke immer erst an sich. Alle Bemühungen zu stärkerer, die Stadtgrenzen übergreifender Zusammenarbeit sind deshalb in der Vergangenheit gescheitert.
Im Revier sind viele Identitäten zu Hause. Gemeinsame Probleme haben es immerhin zu einer Art Schicksalsgemeinschaft gemacht. Dennoch sagt Boschmann: "Außer der Sprache gibt es wenige Klammern, die das Ruhrgebiet zusammenhalten." Vielleicht noch der Fußball. Dortmund und Schalke haben auch außerhalb der jeweiligen Stadtgrenzen ihre Fans.
Doch jetzt ist die Region Kulturhauptstadt. Es gibt Ausstellungen, Konzerte, Führungen durch stillgelegte Zechen und Stahlwerke und allerlei mehr. Boschmann hält das grundsätzlich für eine tolle Sache. Aber er hat auch Bedenken. Jetzt würden ein paar "Leuchtturmprojekte" gesetzt, über die 2011 schon niemand mehr reden werde. Boschmann legt die Gabel ab, rückt seine Brille zurecht und sagt: "Die Leute setzen einen Deckel auf den Pott, der völlig unpassend ist."
»Oberhausen, Rechenacker
Das klingt nach Klischee. Der Fußballplatz hinter der Schule liegt nicht "Am Waldweg", sondern am "Rechenacker". Wenn es der Schichtplan zulässt, ist Ralf oft hier. Er will nur Ralf genannt werden, weil sich bei Rot-Weiß Oberhausen alle duzen. Oberhausen, sagt man, ist die graue Maus des deutschen Fußballs. umzingelt von Dortmund, Schalke, Bochum, Duisburg. Das Stadion ist aus den zwanziger Jahren, der Zuschauerschnitt liegt knapp über 6000.
Heute hat Ralf Frühschicht. Hat sich dann gleich aufs Rad geschwungen und ist pünktlich zum Trainingsbeginn der Profis hier. Später stößt Anne dazu, auch so eine treue Rot-Weiß-Anhängerin. Ein paar andere kommen später nach. Anne war drei Wochen im Krankenhaus. Die anderen wissen das. Trotzdem ulkt einer: "Und Anne, warste im Urlaub?" Alle lachen, auch Anne. "Hö ma", sagt sie, "war nich schön." Damit ist das Thema abgehakt.
Leute wie Ralf und Anne wissen ganz genau, was los ist bei ihrem Verein und im Fußball überhaupt. Man nennt sie Kiebitze, wie die frechen Vögel. Immer da, wenn die Mannschaft da ist. Sie plaudern über Wichtiges und Unwichtiges, ziehen den Mannschaftsbetreuer auf und rufen ab und an anerkennend auf den Platz: "Gut gemacht, Tim." Oder Benny oder Sören. Das Zweitliga-Derby gegen Duisburg steht bevor. "Da wird’s Ärger geben", sagt Ralf. "Denn da gibt’s immer Ärger."
Irgendwann sagt Ralf aus heiterem Himmel: "Alle Freibäder sind bald dicht." Zwei Milliarden Schulden, was willst du da machen? 17 000 Stahlarbeiter habe es hier mal gegeben, "jetzt sind wir eine Dienstleistungsstadt". Hier ist das "Centro" entstanden, Europas größtes Einkaufs- und Freizeitzentrum an der A 42. Gleich neben dem Gasometer, Oberhausens Touristenattraktion. Gute Jobs, sagt Ralf. Und tolle Konzerte gebe es da, immer voll. Aber halt keine Arbeit für Stahlarbeiter. "Wir sind die graue Maus", sagt Ralf. "Schon immer gewesen."
Und die Kulturhauptstadt? "Ach, die Kulturhauptstadt", sagt er. Dann fällt ihm noch was ein: "Aber richtig grün ist es hier geworden. Haste nich gedacht, wa?"
»Duisburg-Rheinhausen,
Hochemmericher Markt
Nichts klingt hier nach Klischee. Es ist Wochenmarkt. "Haben Sie die auch in Rosa?", fragt eine Frau an einem Stand, an dem man Tischdecken kaufen kann. Daneben kosten zwei Kilo Williamsbirnen einen Euro. Es duftet nach Frühling.
Linda Broszeit führt gleich um die Ecke einen Buchladen. Wenn es um den Gemütszustand der Rheinhausener geht, könnte sie selbst Romane schreiben. Einst betrieb Krupp hier ein riesiges Hüttenwerk, zeitweise das größte in Europa. In den Hochzeiten waren 16 000 Menschen angestellt. Nach dem längsten Arbeitskampf in der Geschichte Deutschlands wurde der Standort 1993 geschlossen und fast vollständig plattgemacht. Die Rheinbrücke, die ins Zentrum führt, heißt seitdem "Brücke der Solidarität". Sie ist Mahnmal und Wahrzeichen zugleich. Auf dem Krupp-Areal ist ein Logistik-Park mit 2500 neuen Jobs entstanden – "immerhin", findet Linda Broszeit. "Unter dem Aspekt hat Rheinhausen den Strukturwandel geschafft."
"Aber das Selbstbewusstsein …", sagt sie, und es hört sich an wie eine Diagnose. Die Beschwerden der Einwohner haben schon viel früher begonnen, 1975, als ihr Rheinhausen seine kommunalpolitische Eigenständigkeit verlor und dem großen Nachbarn Duisburg zugeschlagen wurde. "Das haben die Menschen nicht überwunden." Regelrecht ausbluten lasse Duisburg den Stadtteil, klagt sie. Der Großteil der Steuergelder fließe in die Innenstadt. Mal langsam: Ob da nicht verletzte Ehre mitspiele? "Ich stehe außer Verdacht. Ich komme aus Duisburg."
Drüben auf dem Markt herrscht Hochbetrieb. Auch in den Cafés findet man jetzt zur Mittagszeit kaum einen freien Tisch. Aus dem Geschenkeladen kommt eine Frau mit großen Tüten. Das Geschäft heißt "Schöne Dinge". Hübsche Kleinstadt-Atmosphäre. "Sagen Sie das mal den Rheinhausenern, die würden sich freuen", sagt Linda Broszeit. Aber das klingt doch sehr nach Klischee. Wenn auch nicht nach dem des Ruhrgebiets.
Autor: Andreas Frei


