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01. April 2010

Regenbogenfamilien

Lesbische Paare: Zwei Mamas für Max

In Berlin hat das novellierte Lebenspartnerschaftsgesetz einen Babyboom bei lesbischen Paaren ausgelöst. Begegnung mit einer Regenbogenfamilie .

  1. So wie in dieser Spielgruppe kann es aussehen, wenn gleichgeschlechtliche Paare Kinder großziehen. Foto: dpa

Max ist erst drei Jahre alt, ein fröhlicher Wirbelwind mit rostroten Haaren, der schon Bandwurmsätze bildet, bevor er weiß, was das überhaupt ist. Man kann sagen: Max ist ein besonderes Kind.

Aus der Kita wird er abwechselnd von zwei Frauen abgeholt. Die anderen Kinder wundern sich nicht mehr darüber, warum er beide mit Mama anspricht. "Die haben schon kapiert, dass Max zwei Mamas hat", sagt Claudia Liebscher.

Ganz die Mutter, denkt man, wenn man sieht, wie Max an ihrem Hosenbein hängt. Sie ist 39, eine dralle und quirlige Frau, die gerne lacht. Auch optisch genau das Gegenteil von ihrer zarten und eher introvertierten Lebensgefährtin Birgit. Dabei ist Claudia gar nicht die leibliche Mutter des Jungen. Birgit hat ihn nach einer künstlichen Befruchtung mit Spendersamen zur Welt gebracht.

Claudia sagt, in ihren Augen mache das keinen Unterschied. Sie hänge an Max genauso wie an ihrer eigenen Tochter. Als Co-Mutter hat sie das volle Sorgerecht für den Dreijährigen. Das novellierte Lebenspartnerschaftsgesetz ermöglicht es homosexuellen Müttern seit 2005, neugeborenen Nachwuchs zu adoptieren. Vorausgesetzt, der leibliche Vater verzichtet auf sein Sorgerecht.

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Beim Lesben- und Schwulenverband in Deutschland (LSVD) heißt es, die Option der Stiefkindadoption habe einen regelrechten Babyboom bei lesbischen Paaren ausgelöst. Die Lobbyisten schätzen, dass inzwischen jede dritte Lesbe ein Kind hat.

Bei homosexuellen Männern sei das seltener zu beobachten. Dabei sei der Kinderwunsch nicht unbedingt schwächer ausgeprägt. Dass sie tendenziell lieber ein Kind in Pflege nehmen als selbst Nachwuchs zu zeugen, liege in der Natur der Sache. Schließlich wüchsen neugeborene Kinder in der Regel bei der Mutter auf. Das schrecke viele Väter ab.

Auch Claudia hat Max als Stiefkind adoptiert. Birgit hat es genauso mit Claudias Tochter Anna gehandhabt. Sie kam vor fünf Monaten zur Welt. Max und Anna haben denselben Vater: Simon (Name geändert). Er kommt zwar zu Besuch, tritt aber nicht als Vater in Erscheinung.

So weit, so kompliziert. So jedenfalls wirkt die Konstellation auf den ersten Blick auf Außenstehende. Wer die Liebschers zu Hause besucht, versteht jedoch, was Claudia meint, wenn sie sagt: "Wir sind eine ganz normale Familie."

Mama, Mama – und zwei Kinder. So steht es auf ihrem Klingelschild vor ihrer Altbauwohnung im Wedding. Es ist so ein handtellergroßes Schild aus Kiefernholz, mit dem Lötkolben haben sie ihre Namen einbrennen lassen. Claudia, Birgit, Max und Anna Liebscher.

Klare Verhältnisse – eigentlich. Doch die Selbstverständlichkeit, mit der Claudia und Birgit ihr Familienleben leben, sorgt noch immer für Irritationen. Neulich zum Beispiel, als es Ärger mit der Hausverwaltung gab, hat Claudia zu einem der Nachbarn gesagt, jetzt reiche es ihr, sie schalte in der Angelegenheit ihre Frau ein. Die sei nämlich Juristin.

Betretenes Schweigen. "Sie meinen Ihre Schwester?" "Nein, ich meine meine Frau." "Ach so, Sie meinen, Sie sind ..." "Ja, genau, wir sind lesbisch."

Claudia und Birgit kichern vergnügt, als sie von der Begegnung erzählen. So sehr sie Normalität für ihren Lebensentwurf reklamieren, manchmal genießen sie das Staunen über ihr Anderssein doch.

QueerFamily, so nennen sie ihr Familienmodell. QueerFamily, das ist auch der Name einer Initiative in Berlin, die homosexuelle Paare bei ihrem Wunsch unterstützt, eine Familie zu gründen. Einmal im Monat organisieren Claudia und Birgit ein Treffen für gleichgeschlechtliche Eltern und ihre Kinder.

Ähnliche Gruppen gibt es auch bundesweit unter dem Dach des LSVD. Constanze Körner, die für den Verband in Berlin das Projekt Regenbogenfamilien leitet, hat einen Paradigmenwechsel bei der Familienplanung beobachtet. Lesbische Frauen mit Kindern habe es schon immer gegeben, sagt Körner. Früher stammte dieser Nachwuchs jedoch aus vorangegangenen heterosexuellen Beziehungen. Dieser Umweg falle jetzt weg. "Die Frauen outen sich früher. Und sie tragen ihren Kinderwunsch offensiver vor."

Birgit sagt, ihr sei schon bei ihrem Outing mit Anfang Zwanzig klar gewesen, dass sie gerne Mama sein würde. Dass Homosexualität kein Hindernis auf dem Weg zum eigenen Nachwuchs sein muss, hatte ihr die damalige Lebensgefährtin gezeigt.

Sie zeugte ein Kind mit einem schwulen Bekannten. Eigentlich wollten die Frauen es gemeinsam aufziehen. Doch über diesem Baby sei die Beziehung zu ihrer Freundin zerbrochen, sagt Birgit. Aus ihrer Ex und dem vermeintlich schwulen Vater wurde ein Liebespaar. Inzwischen erwarten sie ihr sechstes Kind.

Birgit und Claudia lernten sich 2002 über eine Kontaktanzeige kennen. Schon ein Jahr später zogen sie zusammen. 2006 war Birgit bereits mit Max schwanger. "Wir haben Glück gehabt", sagt sie, und es klingt so, als könne sie es noch immer nicht richtig glauben.

Sie kennt Paare, die auch nach zig Anläufen immer noch kinderlos sind. Oder solche, denen das Jugendamt Steine bei der Stiefkindadoption in den Weg legte. "Die mussten dann zum Beispiel die Frage beantworten, wer bei ihnen zu Hause die Hosen anhat."

Ob hetero- oder homosexuell: Auf das Klima kommt es an

Ihren Samenspender haben die Liebschers über eine Anzeige im Internet gefunden. In dieser Geschichte soll er Simon heißen, die Frauen sagen, er möchte nicht in Erscheinung treten. Simon war nicht bei der Geburt seiner beiden Kinder dabei, er hat schon beim ersten Treffen in einem Café in Potsdam klar gemacht, dass er weder Unterhalt zahlen wolle noch auf seine Rechte als Vater beharre. Er wolle die Kinder nur ab und zu besuchen.

Warum er sich auf diesen Deal eingelassen hat, haben sie noch nicht herausgefunden. Überhaupt wissen sie bis heute nur sehr wenig über den Mann, von dem sie sagen, er habe beiden Kindern seine schönen Klavierspielerhände vererbt.

Er hat ihnen erzählt, dass er Wissenschaftler und Unternehmer sei. Einen negativen HIV-Test brachte er gleich zum ersten Treffen mit. In der Geburtsurkunde der Kinder steht: Vater unbekannt.

Vor einem Deal, wie ihn die Liebschers mit Simon geschlossen haben, rät der LSVD eher ab. Constanze Körner empfiehlt den Frauen in ihrer Sprechstunde, sich den Samenspender lieber im Bekanntenkreis zu suchen oder sich Sperma von der Samenbank zu besorgen – mit der Option, dass die Kinder die Identität des Vaters später erfahren können.

Genau so haben es Claudia und Birgit mit Simon vereinbart: Wenn Max und Anna eines Tages fragen, wer ihr Vater ist, soll er ihnen Rede und Antwort stehen. In der Zwischenzeit versuchen die Liebschers, Opas, Brüder und Freunde als Bezugspersonen einzuspannen. Klettern oder Fußball spielen, das könne sie zwar auch mit Max, versichert Claudia. "Aber er braucht auch männliche Vorbilder."

Sie sind bemüht, alles richtig zu machen. Das verbindet sie mit anderen Regenbogenfamilien. Solche Gemeinschaften seien nicht nur stabil, die Kinder entwickelten auch ein höheres Selbstwertgefühl als Kinder heterosexueller Eltern. So jedenfalls steht es in einer Studie der Uni Bamberg. Im Auftrag des Bundesjustizministeriums haben Familienforscher mehr als tausend Regenbogenfamilien nach ihrer Zufriedenheit befragt.

Ihr Fazit liest sich wie ein Plädoyer für die Gleichstellung homosexueller Paare im Steuerrecht: "Nicht die sexuelle Orientierung der Eltern ist entscheidend für das Wohlergehen, sondern das Klima in der Familie." Und das sei in solchen Lebensgemeinschaften stärker von Toleranz und Gleichberechtigung geprägt.

Hundertprozentig glücklich sind die Liebschers mit ihrem Modell aber nicht. Lieber wäre ihnen ein Vater gewesen, der diese Rolle auch gerne ausfüllt. Aber mit einem schwulen Paar, das sie sich dafür schon ausgesucht hatten, hätte es nicht geklappt. Zu unterschiedlich seien ihre Vorstellungen von Erziehung gewesen.

So sind sie bei Simon gelandet. 32, attraktiv, sportlich – und etwas einsilbig, wenn es um seine Biografie geht. Birgit weiß nicht, ob sie das beunruhigen soll. "Man muss Kompromisse machen", redet sie sich ein, während sie dem Säugling auf der Gymnastikmatte im Spielzimmer das Bäuchlein massiert. Claudia hat die Kleine gerade gestillt. Jetzt lächelt Anna satt und zufrieden. Max schiebt ihr den Schnuller in den Mund. Es ist ein schönes Bild. Eine ganz normale Familie.

Erklär's mir: Was ist Adoption?

Wenn zwei Menschen eine Familie gründen wollen, haben sie den Wunsch, gemeinsam ein Kind großzuziehen. Wenn eine Frau und ein Mann ein Baby zeugen, befruchtet eine Samenzelle des Mannes eine Eizelle der Frau. Daraus wächst dann im Bauch der Frau ein Kind. Bei manchen Paaren klappt das nicht. Manchmal leben auch Paare zusammen, die das gleiche Geschlecht haben. Wenn zwei Frauen ein Kind haben wollen, müssten sie erst noch einen Mann finden, der ihnen Samen spendet. Zwei Männer mit Kinderwunsch müssten eine Frau als Leihmutter gewinnen. In all diesen Fällen können die Paare auch versuchen, ein Kind zu adoptieren. Dazu müssen sie sich an eine Behörde wenden. Wenn sie Glück haben, dürfen sie ein Kind großziehen, das keine leiblichen Eltern mehr hat oder dessen Eltern sich nicht richtig um das Kind kümmern.  

Autor: bnh

Partner mit Kindern

Das Lebenspartnerschaftsgesetz ermöglicht Lesben und Schwulen die Gründung einer gleichgeschlechtlichen Beziehung, die der Ehe rechtlich weitgehend gleichgestellt ist. Mit der Novelle des Gesetzes zum 1. Januar 2005 haben gleichgeschlechtliche Paare in einer solchen Partnerschaft auch das Stiefkindadoptionsrecht: Ein Partner darf das leibliche Kind des anderen adoptieren. In Deutschland leben aktuell rund 70 000 gleichgeschlechtliche Paare, etwa 15 000 von ihnen in einer eingetragenen Partnerschaft. 7000 Kinder wachsen mit lesbischen oder schwulen Eltern auf.  

Autor: bnh

Autor: Antje Hildebrandt