Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.
12. Juli 2012
Zwischen Gefühl und Kalkül
Die deutsch-französische Beziehungsgeschichte ist auch eine Geschichte von Paaren, die mit Bildern umzugehen wissen.
Sie beginnen schon, die Monate der Ansprachen, Gedenkfeiern und gegenseitigen Besuche. Deutsche und Franzosen feiern im Laufe des kommenden Jahres einen Vertrag, der nach dem Krieg als der Grundstein für die Zusammenarbeit beider Länder und die entstehende Freundschaft gilt: den Elysée-Vertrag, unterzeichnet vom Konrad Adenauer und Charles de Gaulle am 22. Januar 1963 in Paris. Erst am vergangenen Sonntag kamen Bundeskanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Präsident François Hollande zu einer Gedenkzeremonie in der nordfranzösischen Stadt Reims zusammen – denn dort hatten bereits am 8. Juli 1962 Adenauer und de Gaulle gemeinsam eine Versöhnungsmesse nach den Leiden zweier Weltkriege gefeiert.
Das Frankreichzentrum in Freiburg blickte schon sehr weit vor dem eigentlichen Jahrestag des Elysée-Vertrags auf die deutsch-französischen Beziehungen mit einer Tagung namens "Vom Vergleich zur Verflechtung: Deutschland und Frankreich im 20. Jahrhundert". Ein spannendes Treffen von Historikern und Politikwissenschaftlern aus beiden Ländern, denen es nicht um reines Gedenken ging, sondern um eine historisch-kritische Bestandsaufnahme. Eine mit viel Mühe vorbereitete Konferenz, bei der man nur eines sehr bedauern konnte: Dass neben den Dozenten selbst gerade mal nur eine Handvoll Studenten und Interessierte vorbeikamen. Immerhin: Die Vorträge sollen im nächsten Jahr in einem kleinen Band veröffentlicht werden.
Werbung
Es ist ein komplexes Wechselspiel zwischen Deutschland und Frankreich: zwei Länder zwischen Nähe und Distanz, zwischen Ablehnung und Anziehung. Neben den Konflikten und Kriegen waren beide Länder auch immer wieder einander Vorbild. Sicher ist: Der Jahrestag wird viele salbungsvolle Reden nach sich ziehen. Dabei wäre er eine Chance, nüchtern auf das Paar zu schauen: "Wenn Deutschland und Frankreich gerade angesichts der derzeitigen Krise überkommener Legitimierungen der europäischen Integration etwas nicht gebrauchen können, dann sind es Routinen der Selbstdarstellung, die sich in bloßen Appellen erschöpfen, aber das gegenseitige Nichtverstehen allenfalls überdecken", warnte der Freiburger Historiker Jörn Leonhard.
Freilich, um die traurige Gewaltgeschichte beider Länder zu überwinden, brauchte es vor 50 Jahren erst einmal mehr als nur ein diplomatisches Vertragswerk: eine Personalisierung der Politik. Adenauer und de Gaulle, beide überzeugt von der Notwendigkeit der Kooperation – sie ahnten das. Die Unterzeichnung des Elysée-Vertrags, sie war auch zur Schau gestellte Emotion. Als de Gaulle Adenauer nach der Unterzeichnung an den Armen fasste und beide sich umarmten, waren dies Zeichen von Großzügigkeit und Vergebung – ein sehr rührender Moment in einer Zeit, in denen es in beiden Bevölkerungen noch Groll und Ängste gab.
nationale Interessen
Paris und Berlin im 20. Jahrhundert, das bedeutet eine Abfolge von Paarbeziehungen: Briand-Stresemann, de Gaulle-Adenauer, Giscard-Schmidt, Mitterrand-Kohl. Die deutsch-französischen Paare, sie wissen nur zu gut um die visuelle Kraft der Bilder. Helmut Schmidt und Giscard d’Estaing kultivierten eine enge Abstimmung, bezeichneten sich als enge persönliche Freunde. Helmut Kohl und François Mitterrand reisten gemeinsam an den symbolischen Ort Verdun, wo Mitterrand vor den Gräbern Kohls Hand nahm – eine prägende Geste. Das Paar Gerhard Schröder und Jacques Chirac funktionierte zunächst nicht. Es brauchte die regelmäßigen Diners – etwa im elsässischen Blaesheim, um sich näher zu kommen. Nicolas Sarkozy und Angela Merkel schweißte nach Anlaufschwierigkeiten die Eurokrise zusammen. Letztlich stellten beide doch noch ihr gutes Miteinander zur Schau – Sarkozy wollte damit beim Präsidentschaftswahlkampf punkten.
Deutschland und Frankreich legten einen weiten Weg zurück "von den hoch emotionalisierten, generationsspezifischen Paaren der deutsch-französischen Beziehungsgeschichte zu einer vermeintlichen Normalisierung, zur Entemotionalisierung des Beziehungsgefüges", so Leonhard. Der jetzige Staatspräsident Hollande hat vor kurzem die Zusammenarbeit mit Deutschland lakonisch mit dem Wörtchen "utile" (nützlich) zusammengefasst. Mehr nicht? Am Wochenende tat auch er das, worauf die Medien warteten – nachdem Merkel im Präsidentschaftswahlkampf doch Hollandes Vorgänger Sarkozy unterstützt hatte: Er umarmte Merkel in Reims.
Autor: Michael Neubauer



