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23. Januar 2010
Vorreiter
100 Jahre Künstlerlegende Django Reinhardt
Als Django Reinhardt am 23. Januar 1910 geboren wurde, konnte niemand wissen, welchen Einfluss er einmal auf die Musik haben würde. Er legte den Grundstein des europäischen Jazz.
Es gibt diese Filmaufnahme von seiner linken Hand: Zeige- und Mittelfinger drücken kraftvoll auf die Saiten, Ring- und kleiner Finger sind in einem verkrampften Winkel abgespreizt. Selbst wenn man sie auf den wenigen Minuten erhaltenen Filmmaterials in Aktion sieht, bleibt rätselhaft, wie sie diese irrwitzigen Improvisationen bewältigen konnten. Dass ihr Besitzer trotz Behinderung zum Ausnahmegitarristen wurde, liest man oft. In Wahrheit ist das Trotz ein Wegen. Überspitzt ließe sich gar sagen, dass im brennenden Wohnwagen von Django Reinhardt 1928 der europäische Jazz seinen Anfang nahm.
Heute vor genau einem Jahrhundert wurde der wohl berühmteste Sinto, im Französischen sagt man "Manouche", in einem Weiler beim belgischen Charleroi geboren. Der – vermutliche – Vater ist Clown und repariert Instrumente, die Mutter Akrobatin, mit ihr zieht das Kind in den Wirren des Ersten Weltkrieg durch Südfrankreich und Italien. Am Rand von Paris bleibt der Planwagen schließlich stehen, hier macht Jean Baptiste, den alle nur Django (in der Sprache Romanes: "Ich erwache") rufen, mit seiner Bande die Gegend unsicher. Zur Schule geht er einen einzigen Tag. Ein Onkel erfüllt ihm den sehnlichen Wunsch nach einer Gitarre, schon bald begleitet der Halbwüchsige Verwandte in Restaurants im Quartier Latin. Selbst bei den konventionellen Bals Musettes wird dem großgewachsenen jungen Mann mit den feurigen Mandelaugen applaudiert, obwohl er sich längst auf Stücke aus den USA kapriziert.
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Django Reinhardt steht kurz vor seinem ersten Vertrag mit einer Band, als er an jenem Allerseelenabend 1928 zu seiner Frau und einem Berg voll leichtentzündlicher Papierblumen zurückkehrt. Es raschelt im Dunkeln, Reinhardt vermutet eine Maus, leuchtet mit einem Kerzenstummel herum. In Sekundenschnelle ist die Behausung ein Inferno. Mit schweren Verbrennungen kann sich das Paar retten, Djangos Hand jedoch scheint so verkrüppelt, dass an Gitarrenspiel nicht mehr zu denken ist. Die alten Männer seines Clans, so ist überliefert, weinen in dieser Nacht bitterlich.
Bitterkeit jedoch ist nicht die Sache des Verletzten: Charles Delaunay, Konzertorganisator für den Hot Club de France und Chef von "Swing", dem ersten europäischen Jazzlabel, beschreibt Django Reinhardt als einen Mann mit kindlichem, abergläubischem und schreckhaftem Gemüt, der bei Lappalien zu Zorn neigt, Tragödien jedoch ruhig akzeptiert. Dieser Charakterzug lässt ihn die Behinderung als Herausforderung nehmen: In 18 Monaten Rekonvaleszenz krempelt er seine Technik um, revolutioniert und ökonomisiert die Arbeit auf den sechs Saiten mit effektreichen Kniffen, die er auf seine verletzte Hand zuschneidet: Sein rasantes Tremolo über die ganze Breite des Griffbretts kombiniert er mit einem Auf- und Abgleiten der Greifhand, er erfindet die Oktavparallelen, ebenso die mit dem Handballen abgestoppten Akkordbrechungen, das "Sweeping".
Noten kann er genauso wenig lesen wie Schrift, trotzdem erweitert er mit feinsinnigem Gehör die damals üblichen Harmonien, holt sich Assistenten, die seine Ideen zu Papier bringen. Und schafft so mit Einflüssen aus Swing, Musette, Flamenco, Anleihen an Bach, Debussy und Ravel den sogenannten "Gipsy Swing". Diese erste genuin europäische Jazzsprache, von Plattenfirmen zunächst als zu modern abgelehnt, findet ihre Blüte im Quintett des Hot Club de France vor allem, da sie nur mit Saiteninstrumenten ein feines Klangspektrum offenbart, das sich vom Tosen der Bigbands abhebt. Ein Zufall ist dafür verantwortlich: Hinter der Bühne improvisiert Reinhardt mit einem Geiger namens Stéphane Grappelli 1934 über das Stück "Daphné", sie merken, dass sie sich blind verstehen. Nur musikalisch wohlgemerkt, was zu Stücken wie "Minor Swing", "Oriental Shuffle" oder "Swing Guitars" führt. Privat zanken sich der Bohémien und der Distinguierte zeitlebens.
Sessions mit Coleman Hawkins, Benny Carter und Duke Ellington, sogar eine kurze mit Louis Armstrong finden in Paris statt, die Amerikaner sind fasziniert von Django. Die Franzosen weniger, das Quintett kann sich nur durch Auslandstourneen über Wasser halten – und auf einer solchen bleibt Grappelli bei Kriegsausbruch in London. Reinhardt experimentiert im besetzten Paris mit neuen Besetzungen, insbesondere die Klarinette wird wichtig, er verfeinert seine Klangsprache mit fast impressionistischen Stücken wie "Nuages". Nach der Befreiung pilgern die GIs zu seinem Club in der Rue Pigalle, und er selbst fängt an von Amerika zu träumen. Seine einzige Tournee dort, 1946 mit dem "Duke", wird zum Fiasko: Ohne Gitarre kommt er an, im Glauben, man würde ihm die besten Instrumente zur Verfügung stellen. Doch er findet nur Gitarren vor, die er als "Blechtöpfe" beschreibt, mit der Mentalität kommt er nicht zurecht, die Frauen findet er "eisig". Vom Land der Verheißung bleibt nur Enttäuschung, das Publikum empfängt ihn mit gemischtem Zuspruch, vor allem in der Carnegie Hall ist es zurückhaltend. Aber das hat er sich selbst zuzuschreiben, denn wie so oft kommt er auch zu diesem wichtigen Konzert mit absurder Unpünktlichkeit.
Tatsächlich beruht der Mythos Django Reinhardt nicht nur auf seinem Spiel, das auf mindestens 750 Aufnahmen verewigt ist. Zur Legende machen ihn ebenso seine Spleens, die alle, die mit ihm arbeiten, zur Verzweiflung bringen: Proben oder Konzerttermine vergisst er, per Suchmeldung fahnden Veranstalter im Radio nach ihm. Hotelzimmer verwandelt er in einen Campingplatz, empfängt Dutzende seiner Cousins. Und als es seiner mit Sohn Babik schwangeren Frau Naguine zu kalt wird, steckt er kurzerhand das Mobiliar in den Ofen. Seine Honorare, die zu Blütezeiten ein Ministergehalt erreichen, verprasst er für ausschweifende Diners, beim Poker oder Billard. In aristokratischer Umgebung verhält er sich charmant, aber er isst in Anwesenheit des belgischen Königs Salat mit der Hand und wird vom Spieltisch weg in Schlappen und ausgebeultem Anzug zu einer Einladung in den französischen Präsidentenpalast gefahren.
Und immer wieder zieht es ihn, der sogar ein Luxusapartment auf den Champs-Élysées bewohnt hat, mit dem Wohnwagen auf die Straße. Vor allem zum Schluss seines Lebens, als er schon lieber malt und fischt als musiziert. Denn die Enttäuschung über die USA sitzt tief, den im Jazz aufkeimenden Bebop macht er nicht mehr konsequent mit. Seine Aufnahmen ab den späten Vierzigern, besonders die mit E-Gitarre, klingen gleichwohl gereift. Man kann nur spekulieren, ob sich seine Sprache alsbald dem Modern Jazz angenähert hätte. Doch am 16. Mai 1953 stirbt Django Reinhardt an einem Hirnschlag.
Noch heute sind seine weitläufigen Verwandten stolz auf ihren berühmten "Cousin". Vor allem die Frauen des Reinhardt-Clans treten nun vor: Eine von ihnen, Dotschy, singt nicht nur, sondern hat die Geschichte der Sinti als Autorin aufgearbeitet. Eine andere, Susie, hat ihm zum Hundertsten eine Kompilation gewidmet (siehe unten).
In den Lobpreisungen auf den Menschen und Musiker Django Reinhardt wird eine Facette häufig vernachlässigt. Sie taucht in vielen seiner ruhigen Stücke auf, in wunderbaren Kompositionen wie "Crepuscule", "Tears" oder "Manoir De Mes Rêves". Da ist immer wieder ein kaum hörbares delikates Vibrato, ein Ziehen der Saiten, das nicht, wie bei Bluesmusikern, besonders tiefen Schmerz zum Ausdruck bringt, sondern, so will es scheinen, besonders große Innigkeit. In seiner Musik war Django Reinhardt nicht nur Virtuose, sondern besaß auch eine überaus zärtliche Natur.
Autor: Stefan Franzen
