Kino

Aaron Lehmanns Romanze "Das schönste Mädchen der Welt"

Gabriele Schoder

Von Gabriele Schoder

Mi, 05. September 2018 um 20:07 Uhr

Kino

Liebesgeflüster per WhatsApp, Herzensergüsse als Rap: Aaron Lehmann hat aus dem 120 Jahre alten Versdrama "Cyrano de Bergerac" eine charmante Jugendromanze gemacht.

Ach ja, die schöne Seele in einem hässlichen Körper. Das 120 Jahre alte Versdrama "Cyrano de Bergerac" von Edmond Rostand ist ein melodramatischer Lieblingsstoff: Die Geschichte vom Dichter mit der großen Nase, der als Ghostwriter eines schönen Schwachkopfs betörende Liebeslyrik verfasst. Die Dame hat freilich vor allem sein eigenes Herz in Flammen gesetzt, aber mit seinem Aussehen, wagt er an Erfüllung nicht einmal zu denken. Theater, Oper, Musical, Ballett, Kino: Wer kennt ihn nicht, den traurigen Poeten? Die Generation "Fack yu Göthe" natürlich, die noch nicht einmal auf der Welt war, als die wohl bekannteste Verfilmung entstand, Jean-Paul Rappeneaus "Cyrano de Bergerac" mit Gérard Depardieu.

Auch hier: geschliffene Wortgefechte

Und genau für diese Youngsters hat Aron Lehmann "Das schönste Mädchen der Welt" gedreht. Der 1981 in Wuppertal geborene Filmemacher ("Highway to Hellas", "Kohlhaas oder die Verhältnismäßigkeit der Mittel") sowie seine Co-Autoren Lars Krause und Julia Horney machen aus dem romantischen Klassiker aber keine seichte Teenieschnulze, sondern übertragen Rostands Drama formal wie inhaltlich souverän in die Gegenwart. Die Geschichte, im Original angesiedelt im soldatischen Milieu des 17. Jahrhunderts und dem französischen Schriftsteller Cyrano de Bergerac (1619 bis 1655) angedichtet, spielt sich jetzt zwischen 17-jährigen Schülern ab, und die gebundene Rede der Vorlage hat in der Welt des Battle Rap ein zeitgenössisches Pendant gefunden, das nicht minder geschliffene Wortgefechte ermöglicht. Was der wohl schönste Glücksfall ist in dieser rundum gelungenen Neuverfilmung.

Cyrano heißt jetzt Cyril, und noch bevor wir den gewaltigen Riechkolben sehen, den man Hauptdarsteller Aaron Hilmer (siehe Ticket-Interview) zwischen die Augen gesetzt hat, erleben wir ihn beim Rap Contest, das Gesicht hinter einer goldenen Halbmaske verborgen. Mit rasanten Rhymes und wahnwitzigen Wortkaskaden deklassiert er seine Gegner und verschwindet dann, ohne den Siegerpokal entgegenzunehmen, als geheimnisvolles "Goldgesicht" unerkannt wieder im Dunkel der Nacht. Das ist seine Welt, Geist ohne Gesicht, Esprit ohne Ernte. Kein Wunder, ist er mit offenem Visier doch dem gnadenlosen Spott seiner Mitschüler ausgesetzt.

Pointiert geschrieben,stark gespielt

Weshalb er sich vor der Klassenfahrt nach Berlin auch unbedingt drücken will, aber das lässt die Mutter (Anke Engelke, an deren Nase die Maskenbildner ebenfalls ganze Arbeit geleistet haben) nicht gelten: Ihr Junge fährt da mit! Zum Glück, sonst hätte er ja Roxanne (Luna Wedler) nicht kennengelernt, die gerade in London vom Internat geflogen ist und jetzt in letzter Minute in den Bus geschubst wird, auf dass sie sich so schnell wie möglich in die neue Klassengemeinschaft integriere.

Und weil der Platz neben Außenseiter Cyril natürlich noch frei ist, setzt sie sich wie selbstverständlich neben ihn und empfindet sofort eine Seelenverwandtschaft mit dem witzigen und wortgewandten Jugendlichen. Um ihn ist es sowieso geschehen angesichts dieses schönsten Mädchens der Welt. Erst recht, als er in Berlin entdeckt, dass Roxy wie er Camus liebt und die Verbalakrobatik des HipHop. Bei einem Rap Battle in einem Berliner Club, den Cyril wieder inkognito als Goldgesicht dominiert, beeindruckt sie mit Schlagfertigkeit, Schnelligkeit und rotzigen feministischen Sprüchen.

Dumm nur, dass auch der Rest der Klasse auf die coole Neue abfährt. Zum Beispiel Rick (Damian Hardung), ein schüchternes, bildhübsches, aber strohdummes Kerlchen, das Roxy zu allem Überfluss für den Jungen hinter der Goldmaske hält. Oder das Tussi-Duo Lissi und Titti (Sinje Irslinger und Livestyle-YouTuberin Julia Beautx), das unbedingt mit ihr das Zimmer teilen will. Aufreißer Benno (ein hinreißendes Arschloch: YouTube-Star Jonas Ems in seinem Kinodebüt) gar das Bett: Die kleine Schlampe, die da im englischen Internat mit einem Jungen im Schrank erwischt wurde, wird er noch in Berlin flachlegen und das Beweisvideo im Netz hochladen. Um sie vor Benno zu schützen und weil er sich selbst sowieso keine Chancen bei ihr ausrechnet, hilft Cyril seinem Konkurrenten um Roxys Gunst und schreibt in Ricks Namen Botschaften und Songs für sie. Wie lange wird es dauern, bis sie die Wahrheit erkennt?

Die Dialoge sind mitunter arg albern

Der gebürtige Freiburger Aaron Hilmer ("Schrotten", "Einsamkeit und Sex und Mitleid") und die Schweizerin Luna Wedler ("Flitzer", "Der Läufer"), European Shootingstar der Berlinale 2018, verkörpern das verhinderte Liebespaar auf mitreißende und berührende Weise. Die anderen Figuren freilich sind überwiegend Knallchargen, allen voran Klassenlehrerin Frau Reimann (Heike Makatsch). Aber sind Lehrer in den Augen von 17-Jährigen nicht immer Schreckschrauben oder Witznummern?

Die mitunter arg albernen Dialoge ("Wer hat die Berliner Mauer gebaut?" – "Hitler!" – "Trump!") klingen in den Ohren von Teenies natürlich erzkomisch, und der heitere Rahmen aus Hohlköpfen und Kalauern verstellt ja nicht die Moral der Geschichte um Schein und Sein, innere und äußere Werte. Im Gegenteil. Erzählte nicht schon Rostand (den man nicht kennen muss, um diesen Film zu mögen) die melodramatische Haupthandlung flankiert von derben Buffoszenen?

Liebesgeflüster per SMS und WhatsApp, Herzensergüsse als Rap: Das ist nicht nur frisch und originell, sondern auch ohne die übliche verquaste Anbiederung an die vermeintliche Jugendsprache pointiert geschrieben und glaubwürdig inszeniert. Und die Musik (Boris Bojadzhiev, Konstantin Scherer) ist kultverdächtig, der Originalsong "Immer wenn wir uns sehn" von Robin Haefs und Wim Treuner hat sogar das Zeug zum Hit.

Bleibt nur zu hoffen, dass dieser bildmächtige (Kamera: Andreas Berger), rasant geschnittene und stark gespielte Film bei der Generation "Fack yu Göthe" ankommt als das, was er ist: die schönste deutsche Jugendkomödie des Jahres. Die Vorpremieren, zuletzt in Freiburg mit Regisseur, Hauptdarstellern und weiteren Gästen, stimmen da aber ziemlich hoffnungsvoll.

"Das schönste Mädchen der Welt" (Regie: Aron Lehmann) läuft flächendeckend. (Ab 12)