Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.
15. Juli 2009
Stimmenfestival Lörrach
Abd Al Malik: "Hinter der Musik schlägt mein Herz"
BZ-INTERVIEW: Abd Al Malik ist der beste französische Rapper seit MC Solaar – am Freitag tritt er in Lörrach auf.
Seine Eltern kamen aus dem Kongo, Abd Al Malik wurde in Paris geboren und wuchs im Straßburger Vorortghetto Neuhof auf. Gute Schulen, die Literatur und der Sufismus bewahrten ihn vor einer kriminellen Karriere. Heute ist der 34-jährige ein Star, der beste französische Rapper seit MC Solaar in den 90ern. Dreimal bekam er einen Victoire de la Musique, den französischen Grammy. Keiner bringt wie er Rap und Chanson zusammen, auf seinem Album "Dante" sang Juliette Gréco mit ihm. Am Freitag tritt er beim Lörracher "Stimmen"-Festival auf. Mit ihm sprach BZ-Korrespondentin Bärbel Nückles.
BZ: Abd Al Malik, Michael Jackson war für Millionen ein Idol. Auch für Sie?Abd Al Malik: Er war auf jeden Fall ein Künstler, den ich enorm bewundert habe. Er hat das erreicht, was Kunst bewirken soll, dass sie universell sein und Menschen unabhängig von ihrer Hautfarbe, ihrem Alter oder ihrer Herkunft berühren und zusammenführen will. Sein Tod ist ein großer Verlust, weil er genau das mit seiner Musik bewiesen hat.
BZ: Bedeutet vereinen für Sie auch, unterschiedliche Musikstile zu verbinden? Bei Ihnen scheint neben den typischen Rap-Klängen und dem Sprechgesang immer auch die französische Musiktradition durch. Besitzen Sie deshalb einen Sonderstatus innerhalb der Rapszene?
Werbung
BZ: Gewalt gehört zu den zentralen Themen im Rap. Wie sieht Ihre Erfahrung mit Gewalt aus? Und wie verarbeiten Sie diese Erfahrungen in Ihren Texten?
Al Malik: Ich bin nicht anders als Tausende anderer Kinder und Jugendliche, die in den benachteiligten Vororten Frankreichs leben. Dort, wo ich aufgewachsen bin, gab es Probleme mit Heroin. Viele meiner Freunde starben an einer Überdosis, andere wurden zu langen Gefängnisstrafen verurteilt. Ich selbst habe meine persönliche Hölle durchlebt, um in mein Paradies zu gelangen. Auch ich bin straffällig geworden. Wenn Sie so wollen, hat sich mein Leben erst durch die Begegnung mit dem Islam und dem Sufismus gewendet. Das Beste, was man für die Welt tun kann, ist, selbst ein besserer Mensch zu werden. Früher habe ich die Schuld immer bei jemand anderem gesucht, zum Beispiel bei der Polizei. Irgendwann habe ich begriffen, dass ich bei mir selbst anfangen musste. Genau darum geht es mir in meinen Texten. Menschliche Verantwortung bedeutet auch künstlerische Verantwortung. Wenn jemand wie Bob Dylan die Mentalität eines ganzen Landes verändert hat, dann bedeutet das, dass die Feder stärker ist als das Schwert. Ich sage das durchaus mit Demut, wenn ich behaupte, dass es das ist, was ich mit meiner Musik versuche.
BZ: War es Ihre Idee, auf Ihrer Webseite Ihre Lieblingsbücher vorzustellen?
Al Malik: Bücher haben meinen Weg entscheidend bestimmt. Sprachliche Ungleichheit bestimmt unsere Welt. Die Sprache, mit der wir unsere innere Welt ausdrücken, bestimmt über unsere Stellung in der Gesellschaft. Jemand, der weder über sich noch über seine Gefühle sprechen kann, der wird es immer schwerer haben als jemand, der mit Worten umzugehen versteht. Deshalb hatte ich Lust, mit denen, die meine Arbeit lieben, das zu teilen.
BZ: Ihre Wurzeln liegen im Elsass. Was bedeutet Ihnen das Elsass heute?
Al Malik: Das Elsass ist mein Blut. Was soll ich Ihnen sagen? Es ist Teil meines Lebens, meiner Identität. Meine Herkunft, die Herkunft meiner Eltern, die aus dem Kongo stammen, und ich, der ich in Frankreich aufgewachsen bin. Wenn Sie so wollen, wenn meine Wurzeln in Afrika liegen, dann sind meine Äste und Früchte elsässisch, französisch, aber auch europäisch. So fühle ich mich. Das Elsass ist meine Heimat und deshalb habe ich auch das Bedürfnis, ihm die Ehre zu erweisen. Deshalb habe ich auch den Titel "Conte alsacien" geschrieben, in dem ich die Geschichte meiner Eltern erzähle.
BZ: Sie sind in Frankreich für Ihre Verdienste um Kunst und Literatur ausgezeichnet worden, als Chevalier des Arts et des Lettres. Die damalige Kulturministerin nannte Sie einen engagierten Dichter. Schmeichelt Ihnen das?
Al Malik: Natürlich ist das eine Ehre. So etwas berührt mich aber vor allem, weil ich aus einem benachteiligten Milieu, aus einem Vorort stamme. Auf diese Weise kann ich all diesen Kids Hoffnung geben. Sie können sich sagen, wenn jemand wie Abd Al Malik seinen Weg macht, dann kann ich das auch. Ich gebe ihnen Hoffnung und sage, alles ist möglich. Ich bin mit meinem Blatt Papier und meinem Stift losgezogen und dort angekommen, wo ich heute bin. Ich will ihnen sagen, euer Schicksal ist nicht vorherbestimmt, ihr habt euer Leben in der Hand.
BZ: Fühlen sich die Leute von Ihrer Musik, dem Rap, mehr angesprochen als von anderen Stilrichtungen?
Al Malik: Ich glaube, das ist so. Für mich ist der Rap die Musik des 21. Jahrhunderts. Ein Autor, den ich sehr schätze, Jonathan Frantzen, schreibt in einem seiner Bücher, die Künstler des HipHop sind die Baudelaires der Gegenwart. Ich glaube, dass er damit recht hat. Noch wichtiger ist, dass sich die Musiker dieser Bedeutung bewusst sind. Mehr noch, sie müssen dem Anspruch gerecht werden. Für mich ist er die Musik, die am meisten mit ihrer Epoche im Einklang steht. Und sie ist mehr als andere in der Lage, möglichst viele Menschen zu erreichen.
– Doppelkonzert mit Angélique Ionatos, Stimmenfestival Lörrach, Rosenfelspark, Fr, 20 Uhr. CD: Dante (Import)
Autor: bnü


