Abrechnung mit dem Vater

Johannes Klotz

Von Johannes Klotz

Di, 12. Februar 2019

Literatur & Vorträge

Hannes Heer über 68 in Freiburg.

Der Theaterdramaturg, Filmregisseur und Historiker Hannes Heer wurde einer breiteren Öffentlichkeit vor allem durch die Ausstellung "Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944" bekannt. Für den Westdeutschen Rundfunk drehte er 1988 den Film "Mein ’68: Ein verspäteter Brief an meinen Vater". Diese Auseinandersetzung mit der Schuld der Eltern zeigt das Theater Freiburg jetzt im Rahmen seines Schwerpunkts zu 50 Jahren 1968.

Heers Vater, ein ehemaliges NSDAP-Mitglied, reagierte auf die Fragen und den politischen Protest seines Sohns mit Unverständnis und brach alle Brücken zu ihm ab. Der Sohn wurde enterbt und durfte sein Elternhaus nicht mehr betreten. An diesem Nichthinsehen- und Nichthinhören-Wollen setzt der Film an. Er rekonstruiert auf nachdenkliche und selbstkritische Weise im fiktiven Dialog mit dem Vater die Ursachen für das Entstehen der Studentenrevolte in den 1960er-Jahren. Der Film zeigt auch, warum der Autor selbst zu einem der Aktivisten des Protests wurde, wie ihn Universität und Staat nach dem Examen 1968 dafür bestraften und was diese politischen Erfahrungen für sein weiteres Leben bedeuteten.

In seiner Rückschau lässt Hannes Heer ein komplexes Bild der Revolte von 1968 aufscheinen. Der Film erzählt die Geschichte des Sozialistischen Deutschen Studentenbunds (SDS), analysiert dessen politische Vorstellungen, Wirken und Entwicklung und stellt das historische Erbe der Freiheitsbewegung zur Debatte. Als Vorsitzender des SDS in Bonn war Heer ein herausragender Protagonist der Revolte. Klar wird, dass der Autor damals ein anderer war als zu späterer Zeit: vor allem als Leiter der vom Hamburger Institut für Sozialforschung unter Jan Philipp Reemtsma initiierten, von 1995 bis 1999 in 34 Städten gezeigten und von 900 000 Menschen besuchten Wehrmachtsausstellung, die eins sehr deutlich zeigte: wie stark die Legende von der sauberen Wehrmacht in Teilen der Öffentlichkeit weiterwirkte, obwohl Forschungsergebnisse längst das Gegenteil belegt hatten.

Die Filmvorführung und Diskussion mit Hannes Heer, die in Zusammenarbeit mit der Heinrich-Böll-Stiftung durchgeführt wird, findet am Donnerstag, 14. Februar, 19 Uhr, im Kleinen Haus des Theaters Freiburg statt.