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09. Februar 2010 01:15 Uhr
Ausstellung
Kunstmuseum: Albert Müller in Basel
Das Kunstmuseum Basel zeigt den Schweizer Expressionisten Albert Müller. Zu sehen ist unverkennbar ein "Kirchnerschüler", doch zweifellos auch ein Künstler, dem diese Zuordnung allein nicht gerecht wird.
Eine Ausstellung in der Kunsthalle änderte alles. Die jungen Basler waren schwer beeindruckt von den Werken Ernst Ludwig Kirchners. "Glücklicher Mann, der so die Jugend für sich einnehmen und um sich sammeln kann, sogar in der Sandwüste Basel", schrieb der Konservator der Kunsthalle Wilhelm Barth an Kirchner in Davos. Da lebte der deutsche Expressionist seit ein paar Jahren. Und mit dieser Basler Schau war denn 1923 der Expressionismus effektiv in der Schweiz angelangt. Der Bruch, den die Begegnung mit Kirchners Arbeit für die des Künstlers Albert Müller bedeutete, zeichnet sich in der Ausstellung ab, die das Basler Kunstmuseum dem jung Verstorbenen widmet. Sie konzentriert sich auf die letzten Lebensjahre 1924 bis ’26 und zeigt neben etlichen Gemälden und Holzskulpturen vor allem zeichnerische und druckgrafische Blätter, aus dem reichen Bestand der Sammlung selbst.
Zu sehen ist unverkennbar ein "Kirchnerschüler", doch zweifellos auch ein Künstler, dem diese Zuordnung allein nicht gerecht wird. Nicht anders als beim Bildhauer und Maler Hermann Scherer, der aus dem Markgräfler Kandertal nach Basel kam und hier im selben Moment wie Müller Kirchner für sich entdeckte. Müller, Scherer (von dem das Freiburger Museum für Neue Kunst Bedeutendes hat) und Paul Camenisch gründeten in der Silvesternacht 1924/25 die Künstlergemeinschaft Rot-Blau, in Obino, einem Dorf im Tessiner Mendrisiotto. Müller hatte es nach dort hin gezogen, Camenisch nach ihm; oft kam auch Scherer. Der Schweizerische Süden und Kirchners Bündner Hochgebirgstal waren für die junge Basler Kunst nun zumindest Nebenbühnen. Die Ausstellung "Expressionismus aus den Bergen" in Bern und Chur hat dies vor einigen Jahren verdeutlicht.
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In Frauenkirch/Davos bei Kirchner war Müller erstmals im April 1924, den Sommer des folgenden Jahres verbrachte er dort mit seiner Familie dann ganz. Aus Rot-Blau war er schon gleich wieder ausgeschieden im Streit mit Scherer, der ihm bei der ersten Ausstellung der Gruppe zu dominant auftrat. Kirchner selbst hatte sich gegen eine Teilnahme entschieden. Einerseits reizte es ihn, sich mit jungem Gefolge zu zeigen, andererseits fürchtete er, ausgenutzt und an die Seite gedrängt zu werden. Die Freundschaft zu Scherer war entsprechenden Trübungen ausgesetzt. Nie jedoch die zu Müller.
Ein schönes Beispiel der Freundschaftsbilder im Kirchnerkreis – ein Denkmal des Duos Müller-Scherer ist Kirchners Holzplastik "Die Freunde" im Basler Kunstmuseum. Als die beiden sich noch einig waren, entstand auch die große "Tessiner Landschaft" – ein Hauptstück der Ausstellung jetzt. Direkt an der Seite Müllers, erinnern wir uns, malte Scherer denselben Panoramablick, mit den Dörfern, dem Zickzack der Straßen, dem Grün der Rebhänge, den blauen und roten Wänden und Kerben der Alpenvorberge. Doch wo Scherer kantig, dissonant und dramatisch wird, sucht Müller den schönen Zusammenklang der Töne, spinnt er die farbige Zeichnung feinnervig aus. Ein Bild wie seines hätte der Mentor Kirchner auch nie gemalt. Und wie Müller mit Farbe verfährt, das erklärt nicht allein der Kirchner’sche Einfluss. Er füllt nicht Konturen aus: Er formt aus der Farbe. Die Zusammenarbeit Müllers und Kirchners fällt zudem in eine Zeit, in der dieser den eigenen Expressionismus überdenkt, ja revidiert: Gestaltung, wie er sagt, "im Übereinanderlegen von Tönen" neu zu disziplinieren sucht. Auf Kirchners "Teppichstil" mag Müller (Beat Stutzer wies darauf hin) mit seinen strukturell gedachten Farbflecken, seinem Webmuster von Figur und Raum selbst anregend gewirkt haben. So steht der Expressionismus in dem späten Moment, in dem er Basel erreicht, an einer Entwicklungsschwelle. Und die Basler nehmen ihn durchaus nicht als Fertigprodukt.
Als Albert Müller Ende 1926 in Obino an Typhus stirbt, nicht mehr als 29 Jahre alt, ist Kirchner tief getroffen. Ins Tagebuch notiert er, dem Freundschaft sonst immer zum Konflikt geraten war: "Ich verlor den einzigen Freund, den ich jemals hatte." Und dies noch im Tonfall der Resignation: "Wir beide hätten die Kunst neu geschaffen. Wir beide nur, einer allein kanns nicht."
Kunstmuseum Basel, St. Alban-Graben 16. Bis 9. Mai, Di bis So 10–18 Uhr.
Autor: Volker Bauermeister
