All You Need Is Fun

Alexander Dick

Von Alexander Dick

Sa, 03. Juni 2017

Kultur

Vor dem "Sgt. Pepper’s"-Album sind alle Musikstile gleich: Die Musik der Beatles als Markt der Möglichkeiten der Musik um 1967.

Es war ungefähr zehn Jahre danach. Zehn Jahre, nachdem die vier Pilzköpfe aus Liverpool die Popmusik mit ihrem Konzeptalbum "Sgt. Pepper’s" verwandelt hatten. Da wurden die Beatles auch im Gymnasium einer nordbayerischen Kleinstadt hoffähig. Der junge Musikreferendar aus München hatte eigens Arrangements verfasst, in denen Schulorchester, -chor und die neue Band zusammenwirkten. So erklangen "Yesterday", "She’s Leaving Home", "All You Need Is Love" beim Sommerkonzert in der Schulaula, und auf einmal gab es keine Rivalität mehr zwischen Klassik- und Popfraktion. Und alle waren froh, miteinander Musik machen zu können. Für einen Augenblick war die verlorene Einheit von U- und E-Musik wiederhergestellt.

An den Beatles lag’s nicht, dass die Gräben immer tiefer geworden waren. Im Gegenteil. Der Blick auf die musikalische Handschrift der Nummern rund um das "Sgt. Pepper’s"-Album aus der Distanz eines halben Jahrhunderts verdeutlicht: Diese Musik wollte nicht spalten, sie verfolgt eher integrative Tendenzen. "They’ve been going in and out of style ...". Mit den – sagen wir ruhig – Partituren, verhält es sich ähnlich wie mit dem Plattencover: Sie repräsentieren einen riesigen Markt der Möglichkeiten, ohne Berührungsängste, ohne Hierarchien, ohne Ausgrenzung. Wenn es ein Prinzip gibt, das die Nummern durchzieht, dann das des Spielerischen – der schöpferischen Idee. Die zeitliche Nähe zum Entstehen der Fluxus-Bewegung in der Kunst ist kein Zufall.

Wer heute wissen möchte, was um 1967 musikalisch – ideologisch und technisch – machbar war, der muss sich diese Musik anhören. Und so verblüfft es nicht, dass sich auf dem Collagen-Plattencover eben auch ein Karlheinz Stockhausen findet. Der Darmstädter Neutöner, der Meister neuer, synthetischer Klänge passte mit seiner keine Nische des Avantgardebegriffs auslassenden Spiritualität auch gut in die aufkommende Hippie-Zeit. Er steht nicht Pate für das Album. Aber für dessen Freiheiten. Die sind am radikalsten formuliert in "A Day in the Life", der letzten Nummer der Scheibe. Und das nicht nur, weil die Beatles hier ein 40-köpfiges Orchester mehrfach in einer steilen Glissandokurve und Clusterklängen nach oben jagen und somit ein Stück Freitonalität zulassen. Auch formal sprengen sie hier den Rahmen. Was sind die Strophen, was ist der Refrain? Und dann die riesige Generalpause nach dem zweiten Cluster und dem sekundenlang ausklingenden E-Dur-Akkord, auf die in der Endversion der Nummer die aus einem Hidden Track (= versteckter Titel) generierte Endlosschleife von wenigen Sekunden folgt. Reden wir hier ruhig von Experiment, von Avantgarde.

Nur eine Couleur auf dieser Scheibe (so auch bei "Strawberry Fields"). Mehr geht es indes um Zusammenführen, Verbinden. Zum Beispiel durch die im damaligen Abendland Karriere machenden fernöstlichen Klänge. George Harrisons "Within You, Without You" mit seinen mächtigen Anleihen aus der klassischen indischen Musik avancierte zum Hymnus auf das psychedelische Lebensgefühl. Und dabei hatte Produzent George Martin neben dem vom jungen Beatle geforderten Lachen extra noch Violinen und Violoncelli ins Arrangement aufgenommen.

Vermutlich ist viel zu oft viel zu viel hineininterpretiert worden in das gesamte "Sgt. Pepper’s"-Album. Denn vor allem ist es ein buntes Panoptikum der Gegensätze. Handwerklich gut umgesetzt, immer auf der Suche nach der Verbindung von experimentellen, manipulierten Klängen und harmonisch scheinbar Trivialem. Ob bei "Getting better" mit einem ostinaten Orgelpunkt. Ob bei "Good Morning" mit seiner Comic-Sprache. Ob bei "Fixing a Hole" mit seinem poppigen Cembalo im Sound der Miss Marple-Filme. Ob bei "When I’m Sixty-Four", dessen Klarinettenstimme direkt für Woody Allen hätte geschrieben sein können. Ob bei den genialen "Strawberry Fields Forever" mit ihren, dank dem elektromechanischen Mellotron, surrealen Sounds. Oder ob im Titelsong, in dem sich die Beatles mit vier Waldhörnern als ihr Alter Ego selbst parodieren (lassen).

Vor "Sgt. Pepper’s" sind alle Musikstile gleich. Das Album ist ein klingendes Manifest – mit der Intention, sich über alle Grenzen zu erheben: gewaltfrei, surreal und unter der Maxime maximalen Spaßes. All You Need Is Love. Dass das einer klingenden Revolution gleichkam, unterstreicht der nur kurz danach entstandene, gleich anlautende Titel: zu Beginn die Marseillaise, gegen Ende Bach, Glenn Miller und Greensleeves. All You Need Is Fun...