Angekommen in der Politik

epd

Von epd

Fr, 07. September 2018

Kino

Filmfestspiele von Venedig auf der Zielgeraden.

Wie soll man Filme drehen über Neonazis, Terroristen oder ihre Vordenker, ohne ihnen zugleich ein Podium zu bieten und ihr Denken, wie es heute so oft heißt, zu "normalisieren"? Dieser Frage stellten sich gegen Ende des 75. Filmfestivals von Venedig zwei so verschiedene Regisseure wie der Action-Spezialist Paul Greengrass ("Jason Bourne") und der Dokumentarfilm-Altmeister Errol Morris ("The Fog of War"). Beide riefen mit ihren Filmen beim Publikum mehr als gemischte Gefühle hervor. Aber beiden kann man nicht absprechen, dass sie ernsthaft um eine produktive Diskussion bemüht sind.

Greengrass verfilmt in "22. Juli" die Ereignisse rund um das Attentat des norwegischen Rechtsextremisten Anders Breivik auf der Insel Utøya im Jahr 2011. Der Zufall will es, dass kaum drei Wochen bevor Greengrass’ Film international auf Netflix startet (am 10.10.), Erik Poppes "Utøya 22. Juli" (am 20.9.) in Deutschland in die Kinos kommt. Poppe, dessen Film im Februar auf der Berlinale Premiere feierte, will mit seiner Realzeiterzählung des Attentats ganz bewusst die Opfersicht wiedergeben und zeigt Breivik als gesichtslosen Massenmörder nur im Bildhintergrund. Greengrass dagegen lässt den Täter in seinem Film von einem Schauspieler interpretieren – als roboterhaften, aber akribisch handelnden Mann mit sehr, sehr fixen Ideen. Das Bemerkenswerte an "22. Juli" ist, dass Greengrass zwar die gewohnten Mittel seiner Action-Handschrift einsetzt, mit schnellen Schnitten und wechselnden Schauplätzen, die trockene Sachlichkeit seiner Inszenierung diesmal aber in den Dienst eines gesellschaftlichen Porträts stellt.

Eher pessimistisch fällt dagegen das Fazit nach Morris’ "American Dharma" aus. Darin setzt sich der Dokumentarfilmer mit dem ehemaligen Trump-Berater Steve Bannon auseinander, der als Medienmann der amerikanischen "Alt-Right"-Bewegung zu viel Prominenz verholfen hat. Mit Bannon unterhält sich Morris über die bekannten neuralgischen Punkte des amerikanischen Präsidentenwahlkampfs – und über Lieblingsfilme wie den Kriegsfilm "Der Kommandeur" mit Gregory Peck, in denen Bannon seine krude Philosophie wiederzufinden glaubt.

So ist das Festival von Venedig nach zahlreichen historischen Lektionen, Kostüm- und Genre-Filmen gen Ende doch noch ganz in der politischen Realität des Hier und Heute angekommen.