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10. Februar 2012
Auf dem Weg zum Markt
BZ-SERIE (TEIL 22): Hyperrealismus in der japanischen Kunst des 19. Jahrhunderts .
Das Freiburger Völkerkundemuseum ist geschlossen, die Sammlung schon seit langem ohne Schauraum. Unsere Reihe "Verborgene Schätze" will daran erinnern, dass es in der Stadt einen Bestand großartiger kultureller Zeugnisse aus Asien, Afrika, Australien und Amerika gibt.
Ein durchtrainierter Körper, nackt bis auf die Schambinde, mit ausgeprägten Muskeln und Adern, die Kopf-, Achsel- und Schambehaarung in Perückentechnik eingearbeitet – diese farbig gefasste Holzskulptur von ungefähr halber Lebensgröße ist wohl eine der naturalistischsten Menschendarstellungen der Ethnologischen Sammlung. Sie zeigt einen Fischer oder Fischhändler, der seinen Fang in zwei, an einem langen Tragjoch hängenden Körben zum Markt bringt. Ein Ausstellungsbericht des Freiburger Tagblatts vom 19. Februar 1907 charakterisiert ihn als Landbewohner, der zum ersten Mal in eine große Stadt kommt und sich ängstlich umschaut.Der bekannte Freiburger Pathologe und Hygieniker Max Schottelius (1849-1919) schenkte die Skulptur zusammen mit anderen Japonica im Jahr 1906 dem Museum. Er selbst hat Japan, so weit bekannt, nie besucht. Doch die Freiburger Universität, vor allem der Bereich Pathologie, war um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert ein Zentrum des deutsch-japanischen medizinischen Austauschs. Zahlreiche japanische Mediziner kamen zur Fortbildung nach Freiburg, Freiburger gingen als Dozenten nach Japan. Vermutlich war die Figur das Gastgeschenk eines japanischen Kollegen oder Schülers von Schottelius. Das Stück ist dem Komplex der "Lebenden Puppen", iki ningyo, zuzuordnen, die im Japan der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts überaus populär waren. In der Regel sind die Figuren aus Holz geschnitzt und farbig gefasst, außerdem mit Echthaar, Glasaugen und Kleidung ausgestattet. Zwar sind sie statisch, lassen sich nicht mechanisch bewegen, doch ihre Naturnähe bis ins kleinste Detail ist frappierend. Gezeigt wurden sie in Großdioramen auf Ausstellungen und Jahrmärkten, die meist in Zusammenhang mit Tempelfesten stattfanden und deren Besuch ein Freizeitvergnügen der Massen in jener Zeit war. Menschen der verschiedensten Schichten und unterschiedlichen Alters werden abgebildet, oft zu dramatischen Tableaux gruppiert: Rikschafahrer, Händler, Samurai, Sumo-Ringer, Geishas oder Badende.
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und Glasaugen
Auf iki ningyo spezialisierte Bildhauer – die bekanntesten sind Matsumoto Kisaburo (1826-1892) und Kamehachi Yasumoto (1828-1900) – waren die Pop-Künstler im Japan der ausgehenden Edo- und der Meiji-Periode. In ihrer hyperrealistischen Anmutung erinnern die Figuren an verschiedene Tendenzen der europäischen Kunst, etwa an religiöse Skulpturen spanischer Künstler des 17. Jahrhunderts oder die Arbeiten von Ron Mueck, Duane Hanson, John de Andrea und anderen Bildhauern unserer Zeit.
Autor: Eva Gerhards


