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12. Januar 2010

Aus Klaviernoten werden Insekten

Aus Alt mach Neu: Vier Kinderbuchklassiker sind in frischem Gewand oder weitererzählt auf dem Markt

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  2. Zum Glück erlebt Polly das alles nur im Traum! Illustration aus Peter Newells Pollys Traumabenteuer Verlag Foto: -

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Auch in der Kinder- und Jugendliteratur werden sie fleißig produziert, die Remakes, Adaptionen und Wiederentdeckungen. Manche sind einfach nur Geschäftsidee, andere wirklich ein Geschenk. Ob Klassiker in neuem Kleide oder pfiffige Fortsetzung – vier Neuerscheinungen zeigen, wie sich Alt und Neu wunderbar befruchten können.

Ausgesprochen komisch kommen "Pollys Traumabenteuer" auch nach über hundert Jahren jetzt als handliches Pappbilderbuch daher, dabei sind es wohl eher Albträume, die das kleine Mädchen da während seiner Kurzzeitschläfchen erlebt. Die 17 plakativ gestrichelten Comicstrips von Peter Nevell erschienen ab 1906 regelmäßig in der Chicago Tribune, zur selben Zeit übrigens wie Winsor McCays fantastische Schlummerland-Erlebnisse von Little Nemo. Die Psychoanalyse lässt grüßen! Heldin Polly nickt jedenfalls immer dann ein, wenn es schnarchlangweilig wird und so kommt es, dass die Katze schwupps zur Riesenspinne mutiert und das Wollknäuel zum Netz, in dem Polly dann verzweifelt zappelt. Klaviernoten werden zum Schwarm wütender Insekten und die Tinte zum ausbrechenden Vulkan. Eigentlich ganz schön schlimm – wenn es nicht jedes Mal ein Aufwach- Happy End gäbe...

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Mit satten Farben, Tempo und Humor


Eine schrullig-liebenswerte Fortsetzung von "Pu der Bär" ist dem Londoner Autor David Benedictus gelungen. Mehr als 80 Jahre nachdem Alan Alexander Milne seinen dussligen Bären, die altkluge Oile und den depressiven I-Ah verlassen hat, wispert es aufgeregt durch den Hundertsechzig-Morgen-Wald: Christopher Robin kommt zurück! Nach der Willkommensparty (verregnet) gibt es eine Volkszählung (entglitten), eine Hitzewelle (bedrohlich) und dann taucht mit der Biberfrau Lotti noch ein völlig neues Tier auf. Auch wenn die Illustrationen von Mark Burgess weit hinter dem Originalen von Ernest Shephard zurückbleiben, gibt es doch köstlichen Sprachwitz, verschwurbelte Honig-Logik und viele kleine, ulkige Extras. Übersetzer Harry Rowohlt ist begeistert: "Es ist, als wäre Milnes Geist über David Benedictus gekommen."

Kinderbuch-Klassiker in Comicform? Das kann kolossal gut funktionieren. Das bewies die deutsche Zeichnerin Isabel Kreitz schon im Jahr 2006 mit ihrer preisgekrönten Adaption von Erich Kästners "Der 35. Mai". Ihr Comic von "Pünktchen und Anton" steht dem in nichts nach: Mit satten Farben, Tempo, viel Atmosphäre und Humor zeichnet Kreitz die Abenteuer ihrer beiden Helden in ein nostalgisches Berlin der 30er Jahre – und wandelt dabei stilecht auf den Spuren von Kästner-Illustrator Walter Trier. Wie Spürnase Anton dem ruppigen Kinderfräulein auf die Schliche kommt und damit einen Einbruch verhindert, ist nicht nur eine Geschichte über Arm und Reich, sondern auch ein spannender Sprechblasen-Krimi.

Eine turbulente Hommage an einen anderen Klassiker ist "Die Paulis außer Rand & Band": Weil die Mutter von Dennis, Lea und Flummi auf Nordpolexpedition ist, steht den Geschwistern die langweilige Tante Heidrun ins Haus. Schrecklich! Doch dann versucht sich Flummi in Hypnose und plötzlich ist die vernünftige Tante Heidrun felsenfest davon überzeugt, Pippi Langstrumpf zu sein. Doch was macht man mit einer Verrückten, die in oberpeinlicher Maskerade durch die Schule hüpft und Polizisten verkloppen will? Mit köstlicher Situationskomik vertauscht Gricksch einfach mal die Rollen und beweist, dass in jeder strengen Benimm-Tante auch ein Fünkchen Revolution steckt. Doch wehe, wenn sich dieses Fünkchen urplötzlich zum Flächenbrand entwickelt ...
– Peter Newell. Pollys Traumabenteuer. Jacoby Stuart, Berlin 2009. 288 Seiten, 14,95 Euro.
Ab 5.
– David Benedictus: Pu der Bär – Rückkehr in den Hundertsechzig-Morgen-Wald. Übersetzt von Harry Rowohlt. Dressler, Hamburg 2009. 224 Seiten, 14,90 Euro. Ab 6.
– Erich Kästner / Isabel Kreitz: Pünktchen und Anton. Dressler, Hamburg, 2009. 100 Seiten, 16,90 Euro. Ab 8.
– Gernot Gricksch – Die Paulis außer Rand& Band. Dressler 2009. 224 Seiten, 12 Euro. Ab 9.

Autor:               Marion Klötzer