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21. Januar 2009

Papier als Waffe

Eine deutsch-französische Ausstellung zeigt, wie sich der Erste Weltkrieg in den Medien spiegelte.

Die wenigsten werden von den Ausstellungsräumen in der obersten Etage der Straßburger National- und Universitätsbibliothek (BNU) wissen. Ebenso wenig ahnte der Chefkonservator der BNU, Christophe Didier, dass seine Bibliothek seit den ersten Tagen des Weltkriegs 1914–18 seinen medialen Widerhall in einer Sammlung dokumentiert hatte. Vor wenigen Jahren stieß er zufällig auf einen reichen Schatz an Propagandamaterial auf Papier und suchte noch mehr Dokumente aus jener Zeit – Plakate, Flugblätter, Bücher, Fotografien, die beweisen, in welchem Maße sich der erste moderne Krieg in den Medien spiegelte. "In Papiergewittern" heißt die aktuelle und zudem deutsch-französische Ausstellung der Straßburger BNU.

Der Titel lehnt sich an die Rede vom Stahlgewitter, vom Krieg mit den Vernichtungswaffen an. Aber es gab auch einen Krieg der Bilder und des bedruckten Papiers. Flugblätter, Plakate und Schützengrabenzeitungen gaben dem Krieg eine Stimme, mit ihnen betrieben die Mächte Propaganda. Unter den Plakaten aus den Kriegsjahren ist der Aufruf zur "Ludendorffspende für Kriegsbeschädigte" von Ludwig Hohlwein sicher eines der berühmtesten.

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In den handgeschriebenen und dann vervielfältigten Zeitungen, die der Feder von Soldaten in den Schützengräben entstammen, erhält der Krieg ein individuelleres Gesicht. Die erste Schützengrabenzeitung stammte von einem Bayrischen Regiment, das in den Vogesen stationiert war: Die Hohnacker Neuesten Nachrichten am 14. September 1914. Zu den besonderen Stücken zählt auch jenes, vom französischen Dichter Guillaume Apollinaire angefertigte Exemplar ("Tranchman’echo"), das allerdings unvollendet blieb, und im Übrigen zu jenen Stücke in der Ausstellung zählt, die weder aus der Bibliothek für Zeitgeschichte in der Württembergischen Landesbibliothek in Stuttgart noch aus Straßburg stammen, sondern aus einer der beiden Pariser Bibliotheken, aus deren Archiven Christophe Didier ebenfalls schöpfen konnte.

Wenn der Krieg der erste moderne war, dann machte er sich selbstverständlich auch die zeitgemäßen Medien zunutze, die in Straßburg entsprechend vertreten sind. Film und Fotografie waren noch junge Verfahren, aber in kaum einer anderen Ausdrucksform dürften sich zwei Bestrebungen auf vergleichbare Weise vermischen: Der Wunsch, die Realität der Kriegszeit darzustellen und dennoch mit einer die Schrecken des Krieges mildernden Inszenierung zu beschönigen. Fotografierte Bilder schufen die Illusion der Nähe, und doch blieb die zeitliche Distanz groß zwischen Botschaft und Ankunft. Zu den herausragenden Stücken zählt ein fotografiertes Panorama am Hartmannswillerkopf, entstanden nach den Kämpfen 1916. Dunkle Gemälde der Franzosen Bonnard und Vuillard stehen stellvertretend für den Reflex des Krieges in der Malerei. Und zuletzt gehört auch das Buch dazu: neben einer umfangreichen Kriegsliteratur auch Kochbücher, die vermittelten, wie man mit einfachen Zutaten und kleinem Geldbeutel über die Runden kommen konnte.
–  In Papiergewittern: Bis 31. Januar 2009, 6, Place de la République, Straßburg. Tel. 0033/388 252 800, Mo 14-18 Uhr, Di-Sa 12-18 Uhr. http://www.bnu.fr

Autor: Bärbel Nückles