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26. Januar 2009

Turnhalle mit Kohlkopf, Trauben und Gigantin

Anthea Hamiltons Environment im Kunstverein Freiburg.

Die junge Londoner Künstlerin Anthea Hamilton hat eine "Turnhalle" nach Freiburg mitgebracht. In London in der städtischen Chisenhale Gallery hatte sie sie eingerichtet. Doch hat sie sich in Freiburg verändert, und "mitgebracht" ist eigentlich doch nicht ganz das richtige Wort. Caroline Käding, die das Ausstellungsprojekt noch von ihrer Vorgängerin im Kunstverein, Felicity Lunn, übernahm, oblag es, die Geräte zu beschaffen. Attrappen oder ausgediente Modelle waren nicht in Anthea Hamiltons Sinn. Zum Glück fand sich ein Fitnesscenter, das im Moment auf einen Teil der Maschinen zum Laufen, Treten und Stemmen verzichten konnte. Das Rotteck-Gymnasium gab einen Bock. Trampolin, Bälle und ein Boxsack sind auch da. Hanteln liegen herum und größere Gewichte. Ein Mattengeviert lädt zu Bodenübungen nach Gusto ein.

Wer tätig werden möchte, der soll es. Die Einladung ist ernstgemeint. Wer schauen möchte, hat von der Empore den besten Blick. Der Kunstverein ist Fitnesscenter und Schauplatz für den bewegten Körper. Die Kunst überschreitet für diesmal eine Grenze und lässt als Bild betrachten, worin sie verschwindet. Hamilton verordnet dem Kunstraum den Identitätswechsel (der für das ehemalige Hallenbad eine Art Rückblende darstellt) und implantiert ihrer "Turnhalle" plastische Störstellen, die als Zeichen fungieren und eine andere Form des Gebrauchs anregen, als das Fitnessgerät dies tut.

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Fragmente eines Körperbildes

Für das mehrfach variierte, unmäßig vergrößerte Bildnis einer Vorturnerin sind selbst diese Hallenwände eine kaum ausreichende Folie. Die Sportlerin, einem Buch der frühen siebziger Jahre entnommen, demonstriert Dehnübungen und überspringt dabei die inneren Grenzen des Raumes mit einzelnen Körperteilen. Diese – Hand, Fuß und Kopf – tauchen dann jenseits der Empore auf, die sie im anderen Moment mit dem Steiß stemmt. Eine Atlantin, raumsprengende Gigantin und Ahnin des Körperkults. Caroline Käding sieht in ihr ein "machtvolles Bild der Weiblichkeit". Und man fragt sich allerdings, was der Körper bedeutet, der an Gerätschaften geschult und gestählt wird, die an Richtstätten und Folterkammern erinnern. Der Körper, dessen dauerndes Pendant der Spiegel ist und den wir mit den Namen der großen Sportartikelhersteller gleichsam tätowieren. Rebook, Nike, adidas sind ja jetzt auch an Hamiltons Kleiderständer präsent.

Der trainierte Körper ist ein Objekt des Prestiges, soziales Emblem der Erfolgreichen. Wer ihn hat, stellt ihn aus. Das Fitnesscenter ist Schauplatz und Börse des Körperbildes. Und Anthea Hamilton nimmt sich in ihrer Turnhalle aus dem Spiel nicht aus. Auf der Empore entdecken wir in der Collage der Szenen und Dinge, neben einem Knetbild von Rodins "Denker", einem Panda vom Flohmarkt und E.T. als extraterristischer Version eines Körperbildes, ein cut out, ein körperkonturiertes Spiegelobjekt, das ihr Beinpaar, ihren auf Zehen balancierten Unterleib zeigt, in dem sich das mehr oder weniger passable Beinkleid des Betrachters widerspiegelt. Es ist ihr Bild, in dem wir uns bewegen. Hier nun buchstäblich.

Und Hamilton versieht ihre Ansicht der "Turnhalle", des siegreichen, strahlenden Körpers mit den feinen Bruchlinien ihrer skulpturalen Einträge. Der konstruktiven Struktur ihres Environments zeichnet sie Spuren von arte povera ein. Eine Handlungslinie der Kohlköpfe und des schneckenförmigen Gebäcks, der kleinen Zugaben aus Gips und Wachs. Ein Blumenkohl im Volleyballnetz in der Höhe, ein Rotkohl auf der Matte. Der Kohl als Kopf, als Nahrung und (wie auch das Wachs) als Geruchsquelle. Und das in die Luft gehängte Seil da, das wie die Girlande irgendeiner Innerei ausschaut, ist violett vom Kohlsaft. Und unten auf dem Boden auf den Spiegelfliesen steht eine Schale aus Wachs, in die noch ein Rest gewesener Weintrauben eingeschmolzen ist. Kontrapunkt zu den Bildern der physischen Macht und dem martialischen Trainingsgerät. Lebendige Zartheit der Materie – Körper als Verbrennungsmaschinerie. Wie weit nun dies Fragment ihres Bildes mit dem vermittelbar ist, was sie in Gestalt der Gigantin an die Wand wirft, das fragt Anthea Hamilton nicht. Körper ist eine fragile Konstruktion des Bewusstseins – ist, was sich in einem Satz nicht sagen lässt. Und selbst auch schlecht in zweien.
– Kunstverein Frbg., Dreisamstr. 21. Bis 15. März, Di bis So 12–18, Mi bis 21 Uhr.

Autor: Volker Bauermeister


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