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15. Juli 2009

Klassik

Bayreuther Festspiele: Verdi contra Wagner

Die Gewerkschaft droht wegen eines schwelenden Tarifkonflikts die Bayreuther Festspiele zu bestreiken, doch diese garantieren den Spielbetrieb

  1. Kein roter Teppich wegen Streiks? Foto: ddp

Das Drohszenario ist für Deutschland ungewohnt: Eine Festspielpremiere könnte bestreikt werden. Da denkt man an den ausgefallenen Festspielsommer 2003 in Aix-en-Provence und Avignon und an die damals riesigen finanziellen Verluste für die beiden französischen Städte. Doch Deutschland ist nicht Frankreich, und dass das technische Personal des Flaggschiffs der deutschen Festspiellandschaft, der Bayreuther Festspiele, ausgerechnet am Premierentag, dem 25. Juli, seine Arbeit niederlegen könnte, erscheint nicht nur so manchem Wagnerianer als unvorstellbares Sakrileg.

Doch die Drohung steht mehr denn je im Raum. Nachdem die Verhandlungen zwischen der Gewerkschaft Verdi und der Arbeitgeberseite nach fast 17 Stunden am frühen Dienstag Morgen ergebnislos vertagt wurden, warf Verdi-Verhandlungsführer Hans Kraft der gegnerischen Seite "Verschleppungstaktik" vor und drohte erneut mit Streiks – "und das bezieht sich nicht nur auf die Premiere". Für Festspiel-Pressesprecher Peter Emmerich ist das ein Rückfall in eine schon überwunden geglaubte Verhandlungsprosa. "Alle sind auf einem guten und konstruktiven Weg", sagte er gestern der BZ. In wesentlichen Punkten sei Einigkeit erzielt, aber die Bestimmungen des Tarifvertrages für den öffentlichen Dienst (TVL) seien nicht so ohne weiteres auf einen zweimonatigen Festspielbetrieb umsetzbar.

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Und darum geht es. Bis zum Ausscheiden Wolfgang Wagners als Festspielleiter und alleinigem Gesellschafter der Bayreuther Festspiel-GmbH waren Verträge mit dem nichtkünstlerischen Personal außerhalb des Tarifrahmens zustande gekommen. Seit September, seitdem also der Bund, das Land Bayern, die Stadt Bayreuth und der Mäzenatenclub "Gesellschaft der Freunde von Bayreuth" gemeinsam als Gesellschaftler fungieren, ist die Anpassung der Verträge an geltendes Tarifrecht zum Thema geworden. Die von der Gewerkschaft postulierten 30 Prozent Einkommenserhöhungen für eine Stammbelegschaft von rund 40 Mitarbeitern und etwa 100 Saisonarbeitskräften mögen dabei nur als Indiz für die bisherige Bezahlung an Bayreuths Grünem Festspielhügel gelten.

Andererseits war die Differenz zwischen Haustarif und geltenden Tarifen auch zu Wolfgang Wagners Zeiten allen bekannt. Verhandlungen mit der Gesellschaft oder gar Streikdrohungen gab es in den fast sechs Jahrzehnten nie. Die Tatsache, dass Mitarbeiter sich erst jetzt an die Gewerkschaft gewandt haben, führt Peter Igl von Verdi Bayreuth darauf zurück, dass der "Leidensdruck offensichtlich zu hoch geworden ist". "Unfug", kontert Peter Emmerich, es gehe vielmehr darum, die Bayreuther Strukturen denen öffentlicher Theater anzupassen. Offen bleibt die Frage, wie viele, wenn es zum Schwur käme, am Premierentag bereit wären die Arbeit niederzulegen. Die Zahl der gewerkschaftlich organisierten Mitarbeiter sei "sehr, sehr ausreichend", heißt es bei Verdi. Und Emmerich räumt ein, der Grad der Organisation habe zugenommen. Ob das angesichts der traditionell engen Verbindung der Mitarbeiter an die Institution Richard-Wagner-Festspiele ausreicht, ist fraglich. Zumal selbst Gewerkschafter wie Wolfgang Paul gegenüber der Festspielleitung um Deeskalation bemüht sind: Es gebe kein Interesse an einem Streik. Festspielleiterin Katharina Wagner argumentiert derweil für ihre Kundschaft: "Für die Besucher ist ein Streik eine Zumutung."

Insider sind sich jedoch sicher, dass es für diesen Fall längst einen Plan B gibt: man holt sich externe Techniker. Peter Emmerich will solches zumindest nicht dementieren. Und er garantiert allen Bayreuthianern: "Am 25. geht der Lappen (= Vorhang) hoch".

Autor: Alexander Dick